Literatur-Nachrichten

Sechs Ansichten von Familie

Die Familie ist ein zentrales Thema der Literatur. Die Autoren der hier vorgestellten Romane beschreiben sie mal als Wunderwerk, mal als Wahngebilde. Mal als Rückzugsgebiet, das vor Unliebsamkeiten aller Art schützt, mal als Ort der gnadenlosen Selbstzerfleischung.

Ella Miller leidet. Von ihrem Mann Amnon fühlt sich die israelische Archäologin im Stich gelassen, verraten, missbraucht. Von der Liebe, die die Anfangstage ihrer Ehe überstrahlt hat, ist wenig übrig geblieben. Sie beschließt, unter ihr Familienleben einen Schlussstrich zu ziehen. Israels Literaturstar Zeruya Shalev fährt im abschließenden Band ihrer Liebes-Trilogie starke emotionale Geschütze auf. Wie schon in den Romanen „Liebesleben“ und „Mann und Frau“ wird die Zweierbeziehung unter Beschuss genommen. Diesmal bricht sie unter den Einschlägen zusammen. Und mit ihr die Institution der Familie, etwas, das auch in unseren scheidungsfrohen Zeiten noch immer als heilig gilt. Als Ella beschließt, das „Auf immer und ewig“ mit Amnon aufzukündigen, sind ihre Eltern, ihre Freundin entsetzt. Ihr sechsjähriger Sohn Gili könne seelische Verletzungen davontragen, die ein Leben lang nicht verheilen würden. Der Druck, den Ella von allen Seiten verspürt, hinterlässt Spuren. Darf sie ihre eigenen Gefühle über das Glück der Familie stellen? Darf sie Gili die Trennung seiner Eltern zumuten? Ja, entscheidet Ella. Nicht einfach aus dem Bauch heraus, sondern in einem zähen, schmerzvollen Prozess, den Shalev – selbst zum dritten Mal verheiratet – mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt. Am Ende geht Ella eine neue Beziehung ein. Mit einem Mann, der auch geschieden ist und zwei Kinder hat. Diese neue, „späte“ Familie nach Patchwork-Art schafft neue Probleme, denn alle Beteiligten bringen ein bereits gelebtes Leben mit. Ob es diesmal funktionieren wird? Das bleibt offen. Aber dass Familie heutzutage das Gegenteil eines sicheren Rückzugsgebietes darstellt, daran besteht kein Zweifel. Den Halt, den die Familie traditionellerweise bietet, haben auch Shamar, seine Frau Kaukab und die drei erwachsenen Kinder verloren. Sie sind Pakistani, die seit langem in einer englischen Immigrantensiedlung leben. Heimisch sind sie dort nie geworden. Die Kluft zwischen der vordergründig so liberalen westlichen Kultur und den mitgebrachten strengen Verhaltensregeln des Islam konnten sie nicht überbrücken. Nadeem Aslam, 39-jähriger Londoner, der mit 14 Jahren aus Pakistan nach England kam, stimmt mit seinem kunstvoll komponierten Roman „Atlas für verschollene Liebende“ einen Trauergesang an. Darin geht es um Shamars jüngeren Bruder, der einem Ehrenmord zum Opfer fällt, um die zerrütteten Beziehungen von Shamars Kindern, um die erkaltete Ehe zwischen Shamar und Kaukab, um nie erfüllte Hoffnungen und unbefriedigte Begierden. Vor allem geht es um die Leere im Herzen dieser Menschen. Die Familie sollte diese Leere füllen. Aber die ist als Institution nur mehr eine Ruine. Sie auf ein neues, tragfähiges Fundament zu stellen, dazu sind die Immigranten, wie Aslam sie äußerst bildstark und bewegend beschreibt, nicht mehr in der Lage. Wie es funktionieren könnte – auswandern und bei sich ankommen –, das demonstriert Irene Dische mit ihrem autobiografischen Roman „Großmama packt aus“. Die 53-jährige deutsch-amerikanische Autorin, die seit drei Jahrzehnten in Berlin zu Hause ist, erzählt von schlimmen Dingen. Eigentlich. Doch wie Elisabeth Rother, Disches Großmutter, über die Diskriminierungen ihres jüdischen Ehemannes, von der Flucht in die USA, von den wechselvollen Werdegängen ihrer Tochter und ihrer Enkelin berichtet – all das liest sich wie eine humorvolle Saga, in der das Augenzwinkern den Rhythmus vorgibt. Zwangsläufig ist dabei viel von der Familie die Rede. Aber diese ist bei Dische ein Auslaufmodell. Was in erster Linie daran liegt, dass die Männer schwache Figuren sind: kluge Köpfe zwar, aber für das praktische Leben unbrauchbar. Im Gegensatz zu ihren Frauen. Die räumen auf, packen an, setzen sich durch. Großmama Elisabeth tut es, wenn sie gegen die Nazis opponiert. Mutter Renate tut es, die es trotz aller Hindernisse auf dem Lebensweg zur angesehenen Pathologin bringt. Und Tochter Irene tut es, die mit 17 ausbüxt, um die halbe Welt reist, um dann bei einem Ethnologen in Afrika anzuheuern. Die althergebrachte Form der Familie hat ausgedient, lautet Disches Botschaft. Es lebe das Matriarchat. Diesbezüglich haben die Willers in Kathrin Schmidts neuem Roman „Seebachs schwarze Katzen“ schlechte Karten. Denn Lou, die Frau von Bert Willer und Mutter des halbwüchsigen David, hat sich vor Jahren bereits umgebracht. Ausgeschieden ist sie deshalb aus dem Familienverbund aber noch lange nicht. Die 47-jährige Berlinerin Schmidt, bekannt für ihre magisch- realistische Prosa, lässt die Tote spuken. In Träumen tritt sie auf und in Gestalt eines Straßenköters auf Teneriffa. In dieser tierischen Gestalt wird sie wieder die Mutter, die David so vermisst, aber auch eine Rachegöttin, die Bert daran erinnert, dass er die Familie einst zerstört hat – durch einen fortgesetzten Vertrauensbruch. Bert war Stasi-Agent, und zu seinen Aufgaben gehörte es, Affären mit jenen Frauen einzugehen, die er bespitzeln sollte. Bei dem gemeinsamen Urlaub kommt David hinter das Geheimnis seines Vaters. Die Folgen sind katastrophal. Der Wahn, der zu DDR-Zeiten durch das Doppelleben von Bert Willer hervorgerufen wurde und die Familie gespalten hat, wird aufs Neue freigesetzt und beginnt zu wüten. Keine Spur von solcherart Verwerfungen ist in Martin Amis’ Erinnerungsbuch „Die Hauptsachen“ anzutreffen. Dabei hätte der 56-Jährige genug dunkle Stellen zu beleuchten, wenn er seine eigene Familiengeschichte erzählt. Schließlich geht es um diverse Scheidungen – die seiner Eltern und seine eigenen –, um den Tod des Schriftstellervaters Kingsley Amis und um den gewaltsamen Tod einer Cousine, die einem Serienkiller zum Opfer fällt. Aber Amis, berüchtigt als Wadenbeißer der englischen Literatur, gibt sich ganz zartfühlend. Familie scheint für ihn noch zu funktionieren. Auf eine moderne, relaxte und vielleicht zukunftweisende Art. Dass Beziehungen in die Brüche gehen, gehört zum Leben dazu. In das Familiengeflecht werden eben neue Stücke eingewoben. Familie wird zum offenen Projekt. Worauf es ankommt, so Amis, ist, den Kindern möglichst viel Geborgenheit zu vermitteln. Die Familie als endlose Kette, von der man selbst ein Glied ist – dieser Gedanke bestimmt Amin Maalouf. In dem dokumentarischen Buch „Die Spur des Patriarchen“ macht sich der 56-jährige Libanese, der seit langem in Paris lebt und zu Frankreichs angesehensten Autoren zählt, auf die Suche nach seinen Wurzeln. Bei der Beerdigung seines Vaters wird Maalouf schlagartig bewusst, wie wenig er im Grunde von seiner Familie weiß. Also beginnt er zu recherchieren. Er befragt seine Großmutter und Tanten, er sichtet alte Briefe und Tagebücher, reist in seine Heimat im Nahen Osten und in die Karibik. Immer mit dem Ziel, ein Stück weit sich selbst zu finden und zu verstehen. Die „Suche nach der Herkunft“ soll ihm „ein Sieg über den Tod und das Vergessen“ werden. Vor allem sein Großvater und dessen Bruder haben es ihm angetan. Maalouf erfährt, als er die beiden verstorbenen Männer aufleben lässt, vom Untergang des Osmanischen Reiches, von den Rivalitäten der unterschiedlichen Religionen, von den Schwierigkeiten, die auf einen warten, wenn man in ein fremdes Land ausreist, und von der Goldgräberstimmung, die all dies wettmachen kann. Am Ende ist Maalouf klüger und reicher. Er hat eine Familie gefunden.

Peter Zemla

Titel

  1. Die Buddenbrooks
    • VerlagDeutsche Grammophon
    • ISBN 3829111487

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  2. Die Spur des Patriarchen
    • VerlagInsel
    • ISBN 3458172629

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  3. Späte Familie
    • VerlagBerlin
    • ISBN 3827004748

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  4. Atlas für verschollene Liebende
    • VerlagRowohlt
    • ISBN 3498000721

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  5. Großmama packt aus
    • VerlagHoffmann und Campe
    • ISBN 3455014585

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  6. Seebachs schwarze Katzen
    • VerlagKiepenheuer & Witsch
    • ISBN 3462036122

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  7. Die Hauptsachen
    • VerlagHanser
    • ISBN 3446206531

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