Literatur-Nachrichten

Diktatoren in der Literatur

Psychogramm der Macht: Andrej Kurkow macht sich im ukrainischen Präsidentenpalast breit. Außerdem: vier weitere Diktatorenromane.

Schriftsteller haben sich seit jeher mit politischer Macht auseinander gesetzt. Shakespeare mit seinen Königsdramen. Brecht natürlich. Oder näher an unsere Zeit: Diktatorenromane, vor allem aus Lateinamerika. Von Gabriel García Márquez („Der Herbst des Patriarchen“) bis zuletzt Vargas Llosa („Das Fest des Ziegenbocks“, Suhrkamp, 12,50 € (D) / 23,– sFr) haben dort nahezu alle großen Autoren ihre Feder mit dem Schwert gekreuzt. Auch in Ländern ohne totalitäre Strukturen imaginieren Literaten Herrschaftssysteme von orwellschen Ausmaßen – vom US-Amerikaner John Updike („Der Coup“, Rowohlt, 8,90 € (D) / 16,50 sFr) bis zum Japaner Ikezawa Natsuki („Aufstieg und Fall des Macias Giuli“, edition q, 29,70 € (D) / 52,50 sFr). In diese Phalanx politischer Prosa reiht sich nun der Ukrainer Andrej Kurkow ein, 44-jähriger in London und Kiew lebender Kultautor und charmanter Chronist des postsowjetischen Chaos aus Kapitalismus und Kriminalität. „Ich bin vermutlich der einzige Schriftsteller meiner Generation, der von Zeit zu Zeit über Politik schreibt“, erklärt Kurkow. „Doch ganz allgemein denke ich, dass Politiker auf Künstler zugehen sollten und nicht umgekehrt.“ „Die letzte Liebe des Präsidenten“ heißt sein neuer Roman, in dessen Mittelpunkt Sergej Pawlowitsch Bunin steht – ein fiktiver Präsident der Ukraine. Als Mann ohne besondere Eigenschaften hat er es an die Spitze geschafft und kämpft nun nicht nur um sein politisches Überleben. In dem Haifischbecken aus Politik, Wirtschaft und Geheimdienst mutiert Sergej zum Miniatur-Putin: Er praktiziert „gelenkte Demokratie“, gewährt also hier ein wenig Meinungsfreiheit und lässt da ein wenig gewaltsam Kontrahenten ausschalten. Nur ist er nicht ganz so fischkalt wie der kleine Großrusse, sondern zeigt Züge echter Menschlichkeit, darin allen traurigen Helden Kurkows gleich. „Sergej ist verglichen mit dem ukrainischen Ex-Despoten Kutschma ein Schritt in Richtung eines demokratischen Präsidenten“, meint sein Schöpfer. „Und er hat Qualitäten, die Juschenko nicht hat – er hat einen Willen, er ist geradeaus, er ist kein Narziss.“ Was zu der zentralen Frage des Romans führt: Haben Herrscher ein Herz? Und wenn ja: Wann haben sie es gegen ein kaltes getauscht? Im Falle Sergejs ist das sogar wörtlich gemeint: Ihm wird im Jahr 2015 das Herz eines Oligarchen eingesetzt. Als er aus der Narkose erwacht, erfährt er die besonderen Bedingungen: Maja, der Ehefrau des „Verstorbenen“, wird garantiert, dass sie in unmittelbarer Nähe des Herzens leben darf. Also zieht sie ein in den Präsidentenpalast – ein Biotop des Misstrauens, in dem Sergejs Ränke schmiedender Stabschef die Strippen zieht. Dass Maja zur letzten Liebe des 54-jährigen Präsidenten wird, lässt sich leicht erraten. Kennt man jedoch Kurkows Romane – allen voran sein immens erfolgreiches Pinguin-Epos „Picknick auf dem Eis“ –, dann weiß man aber auch, dass die Hindernisse groß und die Wendungen unerwartet sind. Parallel dazu erzählt Kurkow auf zwei Zeitebenen den Werdegang Sergejs: wie er sich in den 80er Jahren bis zum Zerfall der UdSSR durchschlägt. Und wie in den Jahren von 2002 bis 2005 sein Aufstieg ins Ministeramt mit einer persönlichen Tragödie verknüpft ist. In dieser Zeit erlebt er die Totgeburt seiner Zwillinge und den Verlust seiner wahren Liebe Swetlana. Das Buch ist ein Lehrstück über Liebe und über Macht. Sergej ist in beiderlei Hinsicht Täter und Opfer. Trotzdem muss man ihn irgendwie mögen. Denn allen anderen im Machtzentrum ist nichts Menschliches, vor allem aber nichts Unmenschliches fremd. Veröffentlicht hat Kurkow, der über beste Insiderkenntnisse in Sachen ukrainischernicht. Die Ukraine, gerade durch die erste Nach- Politik verfügt, seinen Roman sieben Monate vor der friedlichen „Revolution in Orange“. Für die hat er sich persönlich bei den Demonstrationen auf dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit eingesetzt. Von den Ereignissen überholt ist sein Werk deshalb jedoch nicht. Die Ukraine, gerade durch die erste Nach-Revolutionskrise geschlittert, duckt ihr demokratisches Haupt wie die meisten der ehemaligen Sowjetstaaten noch immer unter dem Damoklesschwert der Diktatur. Doch Kurkow gibt für das Land Entwarnung: „Es hat weniger totalitäres Potenzial als das heutige Russland“, sagt er. Mit seinem Roman habe er keine totalitären Strukturen analysieren wollen. „Ich wollte all die traurigen Seiten eines Politikers in einer solchen Situation zeigen.“

Ronald Dietrich

Titel

  1. Die letzte Liebe des Präsidenten
    • VerlagDiogenes
    • ISBN 3257064861

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  2. Der Herbst des Patriarchen
    • VerlagS. Fischer
    • ISBN 3596162556

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  3. Der Diktator in der Hängematte
    • VerlagKiepenheuer & Witsch
    • ISBN 3462034537

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  4. Die Nächte des großen Jägers
    • VerlagUnionsverlag
    • ISBN 3293202365

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  5. Adolf
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492243975

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