Literatur-Nachrichten

Glanz und Elend

Strahlende Zukunft neben bitterer Armut: In Miss Emily Paxton beschreibt Peter Prange London vor 150 Jahren.

Ob Miss Emily Paxton tatsächlich so klug, unabhängig und leidenschaftlich gewesen ist, wie sie in diesem Roman auftritt? Die Historiker kennen nur ihren Namen und ihren Vater, aber Peter Prange hat ihr eine große Rolle in seiner Geschichte zugeteilt. Die junge Dame aus besseren Kreisen, die – wenn auch nicht gerade unerschrocken – ihre Röcke hebt, um mutig über den Unrat in Londons Armenviertel zu steigen, ist die Lieblingstochter eines fortschrittsbesessenen Engländers und die Geliebte eines engagierten Arbeiterkämpfers. Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der Hauptstadt des britischen Empire. Industrie und Handel blühen, und der Manchester-Kapitalismus hat in den Städten ein Lumpenproletariat hervorgebracht, wie es die Gesellschaft bis dahin noch nicht erlebt hat. Emilys Familie aber konzentriert sich darauf, den erreichten Wohlstand zu sichern und zu mehren. Alle Chancen der Welt warten nur darauf, ergriffen zu werden! Emilys Vater, Joseph Paxton, ist der Gärtner des Herzogs von Devonshire. Für eine seltene Seerose, ein bis dahin in England ungekanntes Wunder der Natur, hat er einen gläsernen Palast geschaffen, in den er eines Tages sogar die junge Königin Victoria führen darf. Paxton – eine historisch verbriefte Figur – avanciert in Londons feiner Gesellschaft zum einflussreichen Architekten und später zum Manager des erfolgreichen neuen Verkehrsmittels Eisenbahn. Auch bei seiner Tochter Emily löst der technische Fortschritt unbändige Begeisterung aus. Und als der Mann, den die Paxtons gern mit Emily verlobt sähen, von seinem großen Traum erzählt, sind sie beide Feuer und Flamme: Mr. Henry Cole möchte die Errungenschaften aller Völker der Erde in einer einzigartigen Ausstellung versammeln, einer Bilanz des Wohlstands. Bald ist sogar Albert, der Prinzgemahl, von dem Projekt überzeugt. Es finden sich Financiers – und Joseph Paxton obliegt es, für die große Schau einen gläsernen Palast mitten im Hyde Park zu errichten, viermal so groß wie der Petersdom. Auch die Verlobung kommt zustande. Inzwischen jedoch hat Emily Victor wieder getroffen, ihren Freund aus Kindertagen. Der bringt nicht nur ihre Gefühle ordentlich durcheinander, sondern lässt sie auch die Kehrseite des Fortschritts erleben. Mit Emily wandern wir durch düstere Gassen und verfallende Gebäude, erleben die Märkte der Armen, wo in Lumpen gehüllte Frauen um eklige Brocken von fauligem Fisch feilschen und die Ausdünstungen von Kuhställen, Brauereien und Schlachthäusern herüberwehen. Es ist das London von Charles Dickens. Aber auch das London, in dem ein Karl Marx seinen klassenkämpferischen Enthusiasmus entwickelte. Soll sich Emily mit Victor nun den Chartisten anschließen, die bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen fordern? Sollen sie sich um einen Platz auf einem Auswandererschiff bemühen? Oder liegt in Joseph Paxtons Traum vom Fortschritt doch der Keim für eine bessere Welt? Emily ist zwischen den Extremen hin- und hergerissen… Seine „Weltenbauertrilogie“ hatte Peter Prange mit den Erbauern des barocken Rom begonnen („Die Principessa“) und mit den französischen Aufklärern fortgesetzt („Die Philosophin“). Jetzt ver-bindet er die Aufbruchsstimmung der industriellen Revolution mit der Geschichte einer großen Liebe, und wieder ist es eine Frau, die im Mittelpunkt des Geschehens steht, eine fiktive Figur, die den Träumen und Taten der historischen Personen Farbe und Dramatik verleiht. Prange steigt tief ein in die geschichtlichen Epochen, aus denen er seine Romane schöpft. In Bibliotheken, Museen und mit Hilfe wissenschaftlicher Gesellschaften – natürlich gibt es auch eine Paxton Society in England – unternimmt er geradezu Zeitreisen, um seine Romane mit historisch stimmigen Details auszustatten. Er ist ein Wiederholungstäter, er wird es wieder tun. Auch wenn eine Trilogie nach drei Teilen eigentlich abgeschlossen ist.

Anne Buhrfeind

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