Literatur-Nachrichten

Zum 150. Todestag von Heinrich Heine

Im Reich der Literatur ist er einer der ganz Großen: Heinrich Heine. Als Sohn eines jüdischen Kaufmanns 1797 in Düsseldorf geboren, lebte der scharfe Kritiker deutscher Verhältnisse von 1831 bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856 in Paris im Exil. Anlässlich seines 150. Todestages hat sich das Buchjournal auf seine Spuren begeben.

Mit seiner deutschen Heimat stand Heine zeit seines Lebens auf Kriegsfuß. Als „Französling“ und „Judenlümmel“ beschimpft zu werden, gehörte fast schon zu seinem Alltag. Ebenso wie der Umstand, dass die preußische, bayerische und österreichische Zensur seine Bücher verbot. Angeblich weil sie „das Heiligste verspotten“ und „die Religion angreifen“. Geliebt wurde Heine von seinen Lesern trotzdem. Vor allem seine Lyrik – die Sammlungen „Das Buch der Lieder“ und der „Romanzero“ – hat ihn berühmt gemacht. Und „Deutschland – Ein Wintermärchen“, die Beschreibung einer Deutschland-Reise in Strophen, die zu Heines bekanntestem Werk wurde. Für seinen Biografen Fritz J. Raddatz gehört sie „zum Schönsten aus Heines Feder“, während Heine selbst sein Buch „ein höchst humoristisches Reise-Epos“ genannt hat, um dann hinzuzufügen: „Das Publikum wird mich in meiner wahren Gestalt sehen.“ Das wollten wir überprüfen und haben Heines Reise, die ihn 1843 von Aachen nach Hamburg führte, wiederholt. Isst man heute besser und ist es besser geworden in Deutschland? An der Grenze jedenfalls schon. Während Heine noch über die Kofferkontrolle klagte, Beschnüffelten alles, kramten herum In Hemden, Hosen, Schnupftüchern; Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien, Auch nach verbotenen Büchern. hält uns dank Schengener Abkommen niemand mehr auf. Heine, der Aachen „ein langweiliges Nest“ nannte, reiste nach einem Aufenthalt von nur 45 Minuten schnurstracks weiter nach Köln. Da hörte ich rauschen den Rheinfluss, Da fächelte mich schon deutsche Luft, Da fühlt ich ihren Einfluss – Auf meinen Appetit. Ich aß Dort Eierkuchen mit Schinken, Und da er sehr gesalzen war, Musst ich auch Rheinwein trinken. Heine aß gerne – und gut. Überliefert sind achtgängige Menüs im Haus seines reichen Hamburger Onkels Salomon. Die simple Speise aufzutreiben, bedeutet knallharte Recherche. Endlich werden wir in der Traditionsbrauerei „Früh“ fündig. Der „Brauknechtteller“ – drei Rühreier mit gekochtem Schinken und Bratkartoffeln – kommt Heines kulinarischen Wünschen schon sehr nahe, nicht jedoch das Kölsch, das der Dichter verabscheute. Die Altstadt, die Heine „im stillen Mondenglanze“ durchstreifte, ist entschieden lauter geworden – und deutlich heller. Kneipe an Kneipe reiht sich hier aneinander, überall Kölsch und nirgends Wein. Jetzt ist Textinterpretation gefordert. „Da sah ich fließen den Vater Rhein“, heißt es im „Wintermärchen“, und bald stehen wir unten am Strom vor dem gesuchten Weinhaus „Das kleine Stapelhäuschen“. Für welchen Rheinwein hätte sich Heine entschieden? Angesichts seines Übertritts vom jüdischen Glauben zum Protestantismus wählen wir einen 1983er Oppenheimer Sackträger aus Rheinhessen, Erzeugerabfüllung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Der viel versprechende Tropfen erfüllt die Erwartungen genauso wenig wie Heines Hoffnung auf Emanzipation und soziale Anerkennung durch die Taufe. Mit einer „Johannisberger Hölle“ aus dem Rheingau fahren wir schon besser. Sie passt zu Heine, der an ein Strafgericht nach dem Tode nicht glaubte und auf dem Sterbebett seine Frau mit den Worten tröstete: „Gott wird mir verzeihen, das ist sein Beruf.“ Da 1843 die Bahnlinie nur bis Köln reichte, benutzte Heine für den weiteren Weg die Postkutsche: Von Köllen war ich drei Viertel auf acht Des Morgens fortgereiset; Wir kamen nach Hagen schon gegen drei, Da wird zu Mittag gespeiset. Diese Tradition fortsetzend startet der ICE um die gleiche Zeit, ist jedoch bereits 45 Minuten später am Ziel. Wir wechseln in den langsamen Regionalexpress, sind aber trotzdem bereits um 13.30 Uhr in Minden. Heinrich Heine brauchte dazu, einschließlich einer Übernachtung, eines Radbruchs und einer durchfahrenen Nacht, drei Tage. Der Aufenthalt in der damals preußischen Festung war Heine so ganz geheuer nicht. Zum einen ärgerten ihn die Verbote seiner Bücher, zum anderen musste er aufgrund einiger kritischer Artikel gegen den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. mit einer Verhaftung rechnen. Und die Poststation lag – wie uns die kundige Archivarin der Stadt erläutert – mitten in der Festung. Wir kamen dort an zur Abendzeit, Die Planken der Zugbrück stöhnten So schaurig, als wir hinübergerollt; Die dunklen Gräben gähnten. Heute würde sich Heine in Minden besser fühlen. Die Bastionen wurden 1873 geschleift und aus den Wällen Grünanlagen gemacht. Ein Fort ist Gott sei Dank noch übrig. Vom Schein der letzten Straßenlaterne geblendet, stehen wir urplötzlich vor Tor und Mauer und fallen fast in den Graben, dessen dunkle Wasser silbern aus dem Dunkel leuchten. Tagsüber – ungleich banaler – sitzt an der gleichen Stelle der Mindener Angelclub. Die Stadt an der Weser scheint uns sehr geeignet, Heines Loblied auf die deftige deutsche Kochkunst zu überprüfen. Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz Die altgermanische Küche. Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut, Holdselig sind deine Gerüche! Jedwedem fühlenden Herzen bleibt Das Vaterland ewig teuer – Ich liebe auch recht braun geschmort Die Bücklinge und Eier. Zu unserem Bedauern hat sich die ostwestfälische Küche aus Minden verflüchtigt. Ob am malerischen Marktplatz, in der Domschenke oder der alten Münze: Der Sieg der Italiener, Griechen und Kroaten ist vollständig, und selbst das beste Haus am Platz bietet nichts Lokales, sondern die übliche Dorade bis hin zur Entenbrust. Enttäuscht landen wir in einer Kneipe bei Herforder Pils und „Draculas Midnight Special“ (Chili-Bohnen, Hack, Tomaten, grüner Pfeffer, Knoblauch, Zwiebeln) und spülen mit einem zur Preußentradition passenden „Fürst Bismarck“ nach. Ich reiste fort mit Extrapost, Und schöpfte freien Odem Erst draußen in der freien Natur, Auf Bückeburgschem Boden. Das war nicht weit. Aber die lächerlichen zehn Kilometer markierten die Landesgrenze zwischen dem Königreich Preußen und dem Fürstentum Schaumburg-Lippe. Heine fühlte sich wieder sicher. Zu Bückeburg stieg ich ab in der Stadt, Um dort zu betrachten die Stammburg, Wo mein Großvater geboren ward; Die Großmutter war aus Hamburg. Hier war die dichterische Freiheit am Werk, denn Heines Großvater väterlicherseits nannte sich zwar gelegentlich Chaim Bückeburg, wurde aber in Hannover geboren. Ein anderer Zweig der Familie lebte als Hofbankiers am Ort und hatte sein Wohnhaus in der „Langen Straße“. Heute befindet sich darin das Gasthaus „Zur Falle“. Mit Freude stellen wir fest, dass hier die Heine-Tradition gleich doppelt gepflegt wird. Der altdeutsch getäfelte Restaurationsbereich heißt Heine-Zimmer, und die Karte dokumentiert mit der „Schaumburger Schlemmerplatte“ (Currywurst, Pommes frites, Salatbeilage) echte Heine-Ironie. Entschieden verbessert hat sich mittlerweile auch der Straßenbelag und gibt keinen Anlass mehr zu Klagen: Das halbe Fürstentum Bückeburg Blieb mir an den Stiefeln kleben; So lehmige Wege habe ich wohl Noch nie gesehen im Leben. Als Heine am 29. Oktober 1843 schließlich Hamburg erreichte, waren noch überall die Spuren des großen Brandes zu sehen, der die Stadt ein Jahr zuvor verwüstet hatte. Sowohl die Wohnung der Mutter als auch das Stadthaus des Onkels waren den Flammen zum Opfer gefallen. Aufmunternd sprach ich: „Ihr lieben Leut, Ihr müsst nicht jammern und flennen, Troja war eine bessere Stadt Und musste doch verbrennen. Baut Eure Häuser wieder auf Und trocknet Eure Pfützen, Und schafft Euch bessre Gesetze an Und bessre Feuerspritzen.“ Mit seinem Verleger Campe verhandelte Heine eine jährliche Rente für die Rechte an seinen Büchern. Gemessen daran, dass Heine beileibe kein Erfolgsautor war, schloss er einen äußerst günstigen Vertrag, der stilvoll gefeiert wurde. Als Republik war Hamburg nie So groß wie Venedig und Florenz, Doch Hamburg hat bessere Austern; man speist Die besten im Keller von Lorenz. Es war ein schöner Abend, als ich Mich hinbegab mit Campen; Wir wollten miteinander dort In Rheinwein und Austern schlampampen. „Lorenz“ ist längst perdu, und sein Nachfolger „Schümanns Austernkeller“ ging im Jahr 2000 Bankrott. Wir fanden passenden Ersatz am Hafen, aber welche Austern mag Heine wohl gegessen haben? „Fin de Claires“ aus Frankreich, „Donegals“ aus Irland, „Imperial“ aus Holland oder „Sylter Royal“? Für den klaren Kopf danach ist ein Besuch im Heine-Park gut, in dem die 1880 abgerissene hochherrschaftliche Villa von Heines Onkel stand. Übrig geblieben ist das kleine Gartenhaus (Elbchaussee 31, Tel. 040/428112152), in dem gelegentlich Ausstellungen stattfinden. Wen es mehr in die Innenstadt zieht, gehe zum Jungfernstieg. Die Nummer 34 war der Platz des Stadthauses der Familie. Es wurde 1900 abgerissen, das Nachfolgergebäude trägt aber weiter den Namen Heine-Haus. Hätten wir noch nach dem Nachttopf suchen sollen, in dem Hamburgs Stadtgöttin Hammonia Heine die Zukunft Deutschlands zeigte? Was ich gesehn, verrate ich nicht, Ich habe zu schweigen versprochen, Erlaubt ist mir zu sagen kaum, O Gott! was ich gerochen! – – – Heine traf die Göttin – „ein wunderbar hochbusiges Frauenzimmer“ – auf der Drehbahn, einer übel beleumundeten Straße vergleichbar der heutigen Reeperbahn. Ob sie heutzutage noch dort zu finden ist? Das herauszufinden lag jenseits unseres journalistischen Auftrags.

Pete R. Wilson

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld