Literatur-Nachrichten

Kindsein heute - eine fotografische Bestandsaufnahme

Die Kindheit sollte eine unbeschwerte, weitgehend sorgenfreie und behütete Zeit sein. Doch davon können viele Kinder in der Dritten Welt nur träumen, wie der Fotoband Kinder - die Zukunft der Menschheit dokumentiert.

Enrique versteht nicht, warum seine Mutter weint. Er ist aber auch erst fünf. Was er noch nicht begreift: dass seine Mutter Lourdes ihre Heimat Honduras und ihre Familie für immer verlassen wird. Sie geht in die Vereinigten Staaten, um dort das Geld zu verdienen, das ihre Kinder zum Leben brauchen. Tatsächlich schafft Lourdes wenig später den illegalen Grenzübergang und findet eine Anstellung bei einem reichen Ehepaar im noblen Beverly Hills – als Kindermädchen. Ihren Lohn schickt sie nach Honduras. Er reicht gerade so zum Überleben. Mit 16 kennt Enrique seine Mutter nur mehr aus den Briefen, die sie ihm regelmäßig schreibt. Um das zu ändern, macht er sich auf den Weg zu ihr. Eine gefährliche Odyssee beginnt: Enrique friert, hungert, wird von Polizisten gejagt und entgeht nur knapp dem Tod. Eine Station der waghalsigen Reise des Jungen hat der Fotograf Don Bartletti mit der Kamera festgehalten: Enrique, allein und schutzlos auf dem Dach eines Güterzuges sitzend, den Blick nach vorne gerichtet – ins Ungewisse. Bartlettis viel sagendes Bild wurde 2003 zum „UNICEF-Foto des Jahres“ gewählt. Seit 2000 veranstaltet die UNICEF, unterstützt von der Zeitschrift „Geo“ und der Citibank Deutschland, diesen Wettbewerb, um Fotoreportagen zu prämieren, die „Situationen oder Ereignisse im Leben von Kindern weltweit in hoher fotojournalistischer Qualität und Kreativität zeigen“. Der bewegende Bildband „Kinder. Die Zukunft der Menschheit“ versammelt die Fotosequenzen jener Fotografen, die in den vergangenen fünf Jahren mit dem Preis ausgezeichnet wurden. Mit dem Verkauf des Buches unterstützt der Gerstenberg Verlag das UNICEF-Projekt „Initiative Schulen für Afrika“ in Angola. Die Bilder international renommierter Fotografen sind eine eindrucksvolle Bestandsaufnahme des Kindseins in unserer heutigen Welt. Sie erzählen Einzelschicksale wie das von Enrique. Oder das von Monira, die mit zwölf Jahren Opfer eines brutalen Säureangriffs wurde, weil ihr Vater den Heiratsantrag eines Nachbarjungen ausgeschlagen hatte. Oder das von Ali Ismail Abbas, dessen Familie bei einer Explosion in Bagdad ums Leben kam – Ali selbst erlitt schwerste Verbrennungen, was dazu führte, dass seine beiden Arme amputiert werden mussten. Die Liste ließe sich nahezu endlos weiterführen. Aber trotz der Leiden der Kinder wird beim Betrachten der Bilder deutlich, dass Lebensfreude und die Hoffnung auf ein besseres Leben letztendlich immer noch überwiegen. Der Fotograf und UNICEF-Botschafter Sebastião Salgado machte die Erfahrung: „In jeder Krise sind Kinder unter den Opfern am zahlreichsten. Gleichwohl versprühen Kinder – es sei denn, sie sind schwer krank – selbst unter den schlimmsten Bedingungen pure Lebensenergie.“ Diese Beobachtung spiegeln auch die Bilder des Journalistenehepaares Silke und Manfred Kutsch wider. Ihre Aufnahmen, entstanden in den ärmsten Ländern der Erde, beinhaltet der UNICEF-Kalender „Auge in Auge mit Kindern dieser Welt“. Es sind alles andere als Mitleid heischende Bilder, die Monat für Monat durch das Jahr begleiten. Sondern authentische Aufnahmen der wenigen Glücksmomente im Leben der Kinder. Ein Gesamtbild liefert der jährlich erscheinende UNICEF-Bericht „Zur Situation der Kinder in der Welt“. Bei der Lektüre zeigt sich: Wie Enrique geht es mehr als 48000 Jungen und Mädchen in Mittelamerika und Mexiko. Auf der Suche nach ihren Eltern oder einem Arbeitsplatz nehmen sie unglaubliche Gefahren auf sich, um nach Amerika, ihr gelobtes Land, zu kommen. Wie viele Mädchen mit den sichtbaren und unsichtbaren Wunden eines Säureangriffs leben müssen, liegt im Dunkeln – allein in Bangladesch zählt UNICEF jährlich mehr als 400 Opfer. Wie Monira verdanken sie ihre Narben abgewiesenen und enttäuschten Liebhabern. Nur die Zahl der Kinder, die wie Ali an den physischen und psychischen Folgen von Kriegen leiden, kann wohl keine Statistik der Welt erfassen. Der UNICEF-Bericht ist mehr als eine Bestandsaufnahme des Elends. Er zeigt Wege aus der Misere und benennt bisher erzielte Fortschritte. Und die Hoffnung sollte man nie aufgeben: Monira traut sich heute wieder, in den Spiegel zu blicken. Dank einer Hilfsorganisation konnte sie sich in Spanien operieren lassen. Alis Eltern kann keiner ersetzen. Aber das Spendengeld, das der Junge erhielt, nachdem sein Bild um die Welt gegangen war, reichte für mehrere Operationen und die Armprothesen. Und Enrique? Nach 122 Tagen und mehr als 1900 Kilometern überquert er den Rio Grande. Wenig später ist er am Ziel der langen Reise angekommen – bei Lourdes, seiner Mutter.

Kathrin Franz

Titel

  1. Kinder. Die Zukunft der Menschheit
    • VerlagGerstenberg
    • ISBN 3806725640

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  2. Auge in Auge mit Kindern dieser Welt
    • VerlagHeye
    • ISBN 383182200X

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  3. Zur Situation der Kinder in der Welt
    • VerlagS. Fischer
    • ISBN 3596169097

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  4. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
    • VerlagEdition Büchergilde
    • ISBN 3936428530

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