Literatur-Nachrichten

Ian Rankin liefert Bilderrätsel aus Edinburgh

Zu Besuch bei Ian Rankin, einem der besten Krimiautoren Europas. In seinen Romanen um Detective John Rebus wächst ein Porträt der schottischen Hauptstadt.

So habe ich mir den Olymp von Schottland nicht vorgestellt. Stille Straßen, von Platanen und Kastanien gesäumt, deren Blätter sich braun färben. Dahinter zurückgezogen und sehr viktorianisch Villen, die Gotik und Romanik nachahmen: hohe Fenster ohne Gardinen, Schnörkel, Türmchen. Hier wohnen kaum 300 Meter voneinander entfernt drei der bekanntesten Autoren Großbritanniens: Joanne K. Rowling (Adresse sehr geheim), Alexander McCall Smith und Ian Rankin. Letztere sind sogar Nachbarn.
Dass McCall Smith, Professor für Medizinrecht und Erfinder sanfter Detektivinnen, auf dieser Insel der Wohlhabenden haust, kann ich mir ja vorstellen. Aber Ian Rankin? Trotz Literaturstudium und Beinahe-Promotion, trotz seines auf zehn Millionen verkaufter Bücher fußenden Wohlstands hat der 1960 in der kleinen Bergarbeiterstadt Cardenden in Fife Geborene nichts von einem „academic“ an sich.
Auch John Rebus, sein ihm hautnah verwandter Detective, Held von inzwischen 15 Romanen, ist ein einfacher (wenn auch nicht einfach gestrickter) Mann. Wenn der „Terrier“, vorübergehend erschöpft von einem Fall ablässt, ist die Oxford Bar in der Young Street sein Ziel. Zwei Räume, jeder kaum größer als ein Durchschnittswohnzimmer. Vorn steht man an der Bar, über der der Fernseher und die Whiskyflaschen zapfbereit für die Kurzen hängen. Rankin kommt ein- bis zweimal in der Woche hierher, um zu klönen und um seine Post abzuholen. „Ian Rankin, Oxford Bar, Edinburgh EH2 4“, das kommt an.
Neben Fan-Fotos örtlicher Fußballmannschaften hängt die Kopie eines Artikels: Barbesitzer John Gates präsentiert darin stolz einen Rebus-Roman. Rankin hat ihm zum Dank für die Belästigung seiner Gäste und aus Freundschaft ein Weiterleben als literarische Figur spendiert. So hat er als Professor Gates, Chefpathologe der Universität Edinburgh, in Rankins jüngstem Roman „So soll er sterben“ einen markanten Auftritt. Gates – die literarische Figur selbstverständlich – erkennt dabei sofort, dass es sich bei dem Skelett, das in einem Keller gefunden wurde, um ein aus der Universitätsanatomie entwendetes und also künstliches handelt.
„Ich mach’ das öfter“, bekennt Rankin. „Reiche Leute können sich bei mir mit ihrem Namen einkaufen, das Geld geht dann an die Wohlfahrt.“ Meist an Projekte mit kranken Kindern. Ians zweiter Sohn ist schwerbehindert. Jeden Morgen macht er ihn für die Schule fertig, setzt ihn in den Rollstuhl und bringt ihn in die Schule. „Die Wut über sein Schicksal hat mich angespornt“, sagt Rankin, wenn man ihn auf diese Erfahrung anspricht.

Ursprünglich wollte Rankin gar keine Kriminalromane schreiben. Statt an seiner Dissertation über die schottische Autorin Muriel Spark zu arbeiten, spann er Geschichten um einen Mann namens Rebus, der während seiner Ausbildung in der SAS, einer britischen Spezialeinheit, zu Testzwecken gefoltert worden und daran beinahe zerbrochen ist. Gewissermaßen als Abfindung verschaffte man ihm einen Job in der Lothian & Borders Police. Eines Tages erhielt er anonyme Briefchen mit Bindfadenknoten und Papierkreuzchen: Signale eines Serienkillers, der junge Mädchen aus Rebus’ Vergangenheit umbrachte. Rebus (auch im Englischen bedeutet der Name Bilderrätsel) blieb blind, bis seine Tochter verschwand. Das war „Verborgene Muster“, Rankins erster Roman, 1987. Eine Wucht.
Der Mittzwanziger Rankin war fest davon überzeugt, eine zeitgenössische Variante von Stevensons „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ verfasst zu haben. Erst die Reaktionen des Publikums machten ihm klar, dass seine Erzählung von dem Mann, der sein Gedächtnis verloren hatte, ein Kriminalroman war. Eine Naivität, die aus deutscher Ferne unglaublich scheint, aus schottischer Nähe aber begreiflich ist.
Topografie und Geschichte Edinburghs treiben geradezu Erzählungen über Doppelmoral, über Verbergen und Offenbaren, Oben und Unten hervor. Steile Treppen, wie alpine Serpentinen übereinander liegende Straßen, schmale Durchgänge machen die Stadtlandschaft zum gefalteten Universum: Vergangenes und Gegenwärtiges, Licht und Schatten, Aufklärung und Hexenwahn sind nicht weit voneinander entfernt, sondern liegen dicht an dicht. In Edinburgh zu erzählen, heißt von den dunklen Seiten, vom Verbrechen zu erzählen. Rankin tut das, mit bohrender Intensität deckt er die Schattenseiten seiner Stadt auf, unnachgiebig wie ein alter Puritaner. Unerträglich, besäße er nicht den bitteren Humor der Spötter und Trinker. Und detailgenau: Nicht nur die „Rebustours“ folgen den Spuren seiner Romane durch die Stadt, inzwischen könnte man die ganze Region Lothian mit Rebus-Tatorten markieren.
In großen Schleifen schreibt und überschreibt Ian Rankin die Geschichte, die Mythen, die Gegenwart Edinburghs. Jetzt hat er mit „So soll er sterben“, das in der düsteren Gasse Fleshmarket Close seinen Ausgang nimmt, einen neuen Anlauf genommen. Schärfer denn je setzt Rankin sich mit dem latenten Rassenwahn auseinander, der im schottischen Nationalismus keimt, zeigt am Fall eines abgestochenen kurdischen Immigranten, wem der Ausländerhass nützt: dem großen Verbrechen.

Tobias Gohlis

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