Literatur-Nachrichten

Montefiores Stalin-Biografie

Seine Launen fürchteten alle: Simon Sebag Montefiore lässt Stalins Machtgefüge transparent werden.

Nadja Allilujewa hatte sich herausgeputzt. Schließlich sollte am Abend des 8. November 1932 der 15. Jahrestag der Revolution gefeiert werden. Es wurde ein rauschendes Fest. Man tanzte viel und trank noch mehr. Josef Stalin jedoch hatte kaum ein Auge für seine Nadja. Er flirtete stattdessen heftig mit der Frau eines Kommandeurs der Roten Armee. Das war für sich genommen nicht ungewöhnlich, denn in jenen Jahren herrschte ein erstaunliches Maß an revolutionärer Promiskuität, aber vielleicht doch unpassend an einem solchen Abend. Am Ende kam es, wie nicht selten, zu einem gewaltigen Krach zwischen dem Egomanen Stalin und der psychisch labilen Nadja. Beide verschwanden, übernachteten aber in getrennten Zimmern, Stalin nicht allein, wie gemunkelt wurde. Als der Diktator am nächsten Morgen erwachte, war seine Frau tot; sie hatte sich erschossen. Die furiose Schilderung dieses Festbanketts mit seinem tragischen Ende ist Simon Sebag Montefiores großer Biografie als Prolog vorangestellt. Der Autor sieht im Tod von Stalins über alles geliebter zweiter Frau einen Schlüssel für das stets wache Misstrauen, das der Diktator den Menschen seiner Umgebung entgegengebracht hat. Zugleich war dieser Hofstaat die Welt des Diktators. Am liebsten blieb er hinter den Mauern des Kreml, wenn er nicht einen seiner Landsitze aufsuchte oder Urlaub am Schwarzen Meer machte. Im persönlichen Umgang schwankte er oft zwischen Liebesbedürftigkeit und Rachsucht. In den Jahren des großen Terrors wurden Millionen ermordet. Aber auch viele seiner engsten Vertrauten hat Stalin foltern und oftmals anschließend hinrichten lassen. Montefiore hat für seine weit ausgreifende und höchst fesselnd zu lesende Darstellung eine Fülle bislang unbekannter Akten ausgewertet, zahlreiche bisher ungenutzte Tagebücher und Briefwechsel herangezogen und auch mit vielen Nachkommen der damaligen Akteure lange Interviews geführt. So ist ein farbiges und detailreiches Bild vom Hof des „roten Zaren“ entstanden, das auch Nikita Chruschtschow, der später die so genannte Entstalinisierung einleitete, in den 30er Jahren aber als skrupelloser Parteigänger Stalins fungiert hat, ins rechte Licht rückt. Eine Reihe weiterer Spießgesellen und Weggefährten, etwa Molotow, Mikojan, Beria, Prokrebyschew, Kirow, Woroschilow, mit ihren Frauen und Kindern gewinnen in dieser atmosphärisch intensiven Darstellung ebenfalls Profil. Simon Sebag Montefiore hat der Fülle der Stalin-Biografien eine rasante Geschichtserzählung hinzugefügt, die in der Schilderung des Menschen Stalin alles hinter sich lässt, was bisher zu lesen gewesen ist.

Ernst Piper

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