Literatur-Nachrichten

Junge Wilde (Fernseh-)Köche

Jamie Oliver, Tim Mälzer, Ralf Zacherl & Co.: Die Küchen-Revoluzzer des Brutzeln und Bratens.

Kann man sich die Herren Biolek, Lafer oder Schuhbeck nackt beim Zwiebelschälen vorstellen? Eher nicht. Beim knuddeligen Jamie Oliver sieht das womöglich etwas anders aus. Seine phänomenale Karriere als jüngster und erfolgreichster TV-Koch der BBC startete der Sohn eines Kneipenwirts aus Clavering in der englischen Grafschaft Essex 1998 mit der Koch-Kultserie „The Naked Chef“. Die Reihe entwickelte sich zum Straßenfeger und läuft inzwischen in 34 Ländern. Unter anderem als erstes britisches Kochprogramm in den Gourmetnationen Spanien, Italien und – mon dieu! – sogar Frankreich. Da sich auch die Bücher des „nackten Küchenchefs“ weltweit wie geschnitten Brot verkaufen, kann man bei Oliver getrost von einem Koch-Superstar sprechen. Dabei ist er nie nackt, das bezieht sich auf seine Kochkunst: schnörkellos und ohne überflüssige Verpackung. Mittlerweile haben wir auch in Deutschland einen Jamie, Tim Mälzer heißt der. Geschorener Kopf, Zahnlücken-Lächeln, ein bisschen Proll, ein bisschen lieber Junge von nebenan. Eine Mischung, die viele überzeugt. Seine Sendung „Schmeckt nicht, gibt’s nicht“ läuft täglich auf Vox. Kaum zu glauben, aber tatsächlich kein PR-Gag: Mitte der 90er Jahre liefen sich in London die Jungköche Oliver und Mälzer über den Weg und wurden dicke Freunde. Heute sind sie in ihren Ländern die Quotenkönige am Kochtopf. Beide führen nebenbei noch Restaurants. Jamies „Fifteen“ in London bietet arbeitslosen und sozial benachteiligten Jugendlichen die Möglichkeit, das Kochen zu erlernen und im Gastgewerbe Erfahrungen zu sammeln. Mälzers „Das Weiße Haus“ in Hamburg ist immer ausgebucht und lockt mit schmackhaften wie bezahlbaren Gerichten. Im Gegensatz zum smarten Jamie ist sein deutscher Kumpel mehr der rustikale Typ. Was seine Beliebtheit bei den jüngeren Fans eher noch steigert. Vor allem, wenn er dem Akt des Kochens mit ein paar frechen Sprüchen das Elitäre austreibt. Wie Tim Mälzer die an sich staubtrockene Gourmetfachsprache mit solch plastischen Begriffen wie „schweinelecker“ bereichert – das macht ihm so schnell keiner nach. Aufwändige Meisterküche ist sein Ding sowieso nicht, Kaviar-Kreationen für eine finanzkräftige Genießer-Elite überlässt er den Etablierten. Bedauerlich ist das nicht, denn Mälzers Gerichte präsentieren sich höchst appetitlich. Nach seinen Rezepten zu kochen heißt, für Freunde kochen. Das ist letztendlich das Geheimnis seines wie auch Olivers Erfolges. Der Meister zaubert, es dampfen die Schüsseln, und im Studio freuen sich schon alle ganz fürchterlich auf die anschließende gemeinsame Mahlzeit. So ähnlich muss es wohl früher zugegangen sein, in der viel beschworenen guten, alten Zeit, als die Familien noch intakt und ein Hort der Beschaulichkeit gewesen sein sollen. Mit dem Unterschied, dass im TV-Studio zeitgemäß eine Art erweiterte städtische Großfamilie Platz nimmt. Etwas Leckeres auf den Tisch zu bringen – so lautet die unausgesprochene Botschaft dieser herzigen Bilder –, hilft gegen urbane Einsamkeit und Single-Trübsinn. Bis zu 1,5 Millionen Zuschauer finden’s toll und schalten zur frühabendlichen Stunde ein, um Mälzer kochen zu sehen – eine Traumquote. Dass ihn wie Tim und Jamie alle lieb haben, kann man von Ralf Zacherl weniger behaupten. Als glatzköpfiger und ziegenbärtiger Schwiegermütterschreck mit Ohrring tourt der ehemalige Sternekoch durch diverse Sender. Er guckt mal bei ZDF-Kerner in die Töpfe, mischt in der RTL2-Serie „Einsatz am Herd“ den deutschen Kantinenmuff auf und kreiert mit Kindern in „Planet Cook“ solch feine Sachen wie Affenkuchen und Tausendfüßlersuppe. Bei den lieben Kleinen verkneift er sich allzu derbe Sprüche, für die er ansonsten ebenso bekannt ist wie für seine leicht exotischen Suppenkreationen. Zacherl signalisiert allein durch sein Auftreten: Kochen ist nicht peinlich, sondern obercool. Bei den Kids kommt das gut an. Gäbe es einen ernährungspsychologischen Verdienstorden, wäre die gesamte junge wilde Riege der TV-Köche erster Anwärter: In Zeiten von Fastfood, Mikrowelle und Pizza-Taxis animieren Tim Mälzer, Ralf Zacherl & Co. ihre Zuschauer dazu, sich ihr Essen klassisch, bewusst und damit gesund zuzubereiten.

Hans Schloemer

Titel

  1. Born to Cook II
    • VerlagGoldmann
    • ISBN 3442390877

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  2. Essen ist fertig!
    • VerlagDorling Kindersley
    • ISBN 3831007292

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  3. Einfach kochen! Pasta
    • VerlagZabert Sandmann
    • ISBN 3898830845

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