Literatur-Nachrichten

Die Mächtigen: vier Unternehmerfamilien

Ein Blick hinter die Kulissen der vier Unternehmerfamilien Burda, Sachs, Dassler und Abramowitsch offenbart, wie viel Hass, Intrigen, Verrat zum hausinternen Inventar dazugehören. Sehen Sie selbst!

Aus der Sicht der Journalistin Gisela Freisinger erscheint der Lebensweg von Medienfürst Hubert Burda wie ein psychologischer Roman: als lebenslanger Versuch, von den Eltern anerkannt zu werden. Hubert wächst im Zeitschriftenimperium des Senators Franz Burda auf. Die Mutter, Herrscherin über „Burda Moden“, ist nicht weniger autokratisch. All das scheint wenig günstig für einen sensiblen Jüngling, der Gedichte liest und sogar mit linken Ideen kokettiert. Doch als junger Mann will der „Schisser und Zauderer“, wie ihn sein Vater verächtlich nennt, auch von der Macht kosten. Als Chefredakteur versucht er, der „Bunten“ – jener Zeitschrift, mit der ihn der Alte einst geohrfeigt hat – eine neue Ausrichtung zu geben. Sie soll ein mondänes Magazin werden, aber Huberts handverlesene Redakteure hören vom alten Senator nur abfällige Kommentare wie „Schissdreck“, wenn sie Themen vorschlagen. Erst nach dem Tod des Patriarchen scheint der neue Stern aufzugehen. In einem Bruderkrieg sichert sich Hubert den Verlag. Alle – die Familie ebenso wie die Herren von Springer und „Spiegel“ – warten auf sein Scheitern. Und tatsächlich: „Super!“, das Schmuddelblatt für Ossi, wird zum peinlichen Reinfall. Burdas feinsinnige Freunde wie Peter Handke wenden sich entsetzt ab. Aber Burda gelingt in der Krise ein publizistischer Coup. Er knackt das Monopol des „Spiegel“ als deutsches Nachrichtenmagazin. „Focus“ lehrt alle, die Burda verlacht haben, das Fürchten. Freisinger zeichnet diesen Aufstieg vom unterschätzten Sohn zum Medientycoon mit viel Einfühlungsvermögen und erfrischenden Indiskretionen nach. Auch Wilfried Rott berichtet über Intrigen, Hass und Verrat in der Familie. Verblüffend, denn diese Familie heißt Sachs, und damit verbindet der Boulevardkundige sonst eher: Côte d’Azur, Glamour, schöne Frauen, also: Gunter Sachs. Hinter diesem Abziehbild des ewigen Sonnyboys entdeckt Rott allerdings eine tragische Familiengeschichte. Sie wird verkörpert durch Gunters Vater Willy, dem Erben einer Kugellagerfabrik. Willy will Ende der 20er Jahre das väterliche Vermögen mit einer dynastischen Industriellenehe und Annäherung an die Politik sichern. Beides wird ihm zum Verhängnis: Die Verbindung mit Elinor von Opel scheitert, und seine Freunde aus der Politik heißen bald Himmler und Heydrich. Rott kann belegen, dass Willy Sachs so weit ging, seiner entflohenen Frau Nazischergen in die Schweiz hinterherzuschicken, um seine Söhne zurückzuholen. Trotzdem interessierte diesen Opportunisten in SS-Uniform Ideologie nicht sonderlich. Schöne Frauen schon eher. Nach dem Krieg übersteht Willy Sachs mit fragwürdigen Winkelzügen die Entnazifizierung, aber sein privates Lebensglück ist dahin. 1958 erschießt er sich. Einer Erpressung wegen und diverser amouröser Verstrickungen. Sohn Gunter hat dies problematische Erbe auf ganz eigene Art angenommen. Er verkauft das Unternehmen, verbannt Tragik, Arbeit und Pflicht aus seinem Leben und hebt das Playboydasein auf das Niveau einer neuen Lebensform. Auch über dem berühmten Bruderzwist der Sporthäuser Adidas und Puma schwebt der Schatten des Dritten Reiches, wie Barbara Smit in ihrer facettenreichen Biografie enthüllt. Der Tüftler Adi Dassler und sein kaufmännisch begabter Bruder Rudolf melden 1928 für Renn- und Fußballschuhe Patente ein. Die Olympischen Spiele 1936 machen sie reich, doch der Kriegsausbruch beendet die Eintracht. Nie wird der cholerische Rudolf es verwinden, dass er an die Front musste, während Adi als unabkömmlich eingestuft wurde. 1948 gründet Adi Dassler Adidas, Bruder Rudolf Ruda, später Puma. Ihre Söhne setzen den schwelenden Streit fort. Woraus ironischerweise, wie Smit nachdrücklich zeigt, die modernen Marketingmethoden des Sportbusiness entstehen. Was aber, wenn einer es ganz ohne Familie schaffen muss? Im neuen Russland geht das, wie Dominic Midgley und Chris Hutchins in ihrer hervorragend recherchierten Biografie nachweisen. Roman Abramowitsch ist ein „Milliardär aus dem Nichts“, ein Waisenjunge aus bescheidenen Verhältnissen, der in weniger als 15 Jahren elf Milliarden Euro zusammenraffte. Die Autoren meinen, Waisen seien „zur Größe bestimmt“, weil sie ohne die hemmenden Erwartungen von Eltern aufwachsen. Abramowitsch erkannte seine Bestimmung. Der Verkäufer von Plastikpuppen auf dem Jahrmarkt schloss sich als junger Mann dem Oligarchen Beresowski an und half diesem, die Ölgesellschaft Sibneft zu übernehmen. Abramowitsch wurde Milliardär dank unscheinbarer Eigenschaften: psychologischem Einfühlungsvermögen, Organisationstalent und der Fähigkeit, integer zu wirken, während er gleichzeitig die Ausplünderung des Staates betreibt. Seine Biografie ist das faszinierende Porträt eines ökonomischen Genies ohne Eltern inmitten eines riesigen Landes, das sich selbst wie eine Waise fühlt.

Bert Bresgen

Titel

  1. Der Milliardär aus dem Nichts - Roman Abramowitsch
    • VerlagMurmann
    • ISBN 3938017309

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  2. Hubert Burda
    • VerlagCampus
    • ISBN 359337417X

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  3. Sachs - Unternehmer, Playboys, Millionäre
    • VerlagBlessing
    • ISBN 3896672703

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  4. Drei Streifen gegen Puma
    • VerlagCampus
    • ISBN 3593376911

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  5. Das Auge des Bauern macht die Kühe fett
    • VerlagHanser Wirtschaft
    • ISBN 3446402160

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