Literatur-Nachrichten

Signore Schlitzohr: Andrea Camilleri

Charmant, ironisch, sprachmächtig – Andrea Camilleri verführt mit seinen sizilianischen Geschichten ein Millionenpublikum. Das Buchjournal im Gespräch mit dem italienischen Literaturstar über seinen Commissario Montalbano, das Schreiben und sein Leben.

Nennen Sie mir einen sizilianischen Schriftsteller, der nicht über Sizilien schreibt.“ Andrea Camilleri zündet sich eine Zigarette an. „Den gibt es nicht! Vom eigenen Land lässt es sich sogar besser erzählen, wenn man es aus der Distanz betrachtet“, sagt er und drückt die Zigarette nach dem dritten Zug schon wieder aus. Der Tabakgenuss ist das letzte kleine Laster, das sich der sizilianische Erfolgsautor, der seit mehr als 50 Jahren in Rom lebt, nicht abgewöhnen kann. Zigaretten gehören zu Camilleri wie gutes Essen zu seinem berühmten Commissario Montalbano. Ohne das dunkle Tabak-Timbre wäre Camilleris altersweise Stimme vermutlich nur halb so eindrucksvoll. Er klingt wie ein Märchenerzähler, der die Vergangenheit heraufbeschwört: „Das Schreiben ist für mich vor allem eine Sache der Erinnerung. Folglich beschäftige ich mich dabei mit meinen sizilianischen Wurzeln.“ Nach Rom verschlug es Camilleri 1949, nachdem er dort die Aufnahmeprüfung an der Theaterakademie bestanden hatte. Er studierte Regie, inszenierte bald Theaterstücke, Fernsehfilme und schrieb Drehbücher für das italienische Fernsehen. „Rom ist auch die Stadt, in der ich geheiratet habe und meine Kinder zur Welt kamen“, erzählt er. Seine Frau Rosetta bringt unterdessen Espresso und Wasser. „Ein Journalist, der zum Interview kam“, so Camilleri, „fragte mich mal, wer denn die Frau sei, die durch die Wohnung husche. Ich konnte mir nicht verkneifen zu antworten: Das ist Adelina. Die Köchin und Haushälterin von Montalbano.“ Im Unterschied zum eigensinnigen Commissario spielen in Camilleris Leben Frauen eine zentrale Rolle, allen voran Rosetta: „Wir waren Geliebte und Ehepartner; jetzt sind wir Komplizen, das ist wundervoll“, schwärmt er. „Meine Frau liest meine Bücher immer zuerst. Ihr Urteil fürchte ich mehr als das jeden Kritikers. Als sie den vierten oder fünften Montalbano-Krimi las, sagte sie zu mir: Ist dir eigentlich klar, dass du ein langes Porträt deines Vaters schreibst? Es stimmte. Rosetta hatte es im Gegensatz zu mir erkannt.“ Montalbano und Camilleri haben nicht viel gemeinsam – für den Autor der Grund, warum seine Figur derart gelingen konnte. Aber es gibt Ausnahmen: Camilleri teilt mit Montalbano die Liebe zum Essen, die ihm seine Familie und besonders Großmutter Elvira vererbt haben. „Montalbano ist kein Feinschmecker. Er schätzt die einfache, ursprüngliche Küche. Das ist der Geschmack, den ich vor 60 Jahren hatte.“ Mittlerweile hat ihm sein Arzt jedoch die traditionellen Köstlichkeiten verboten und stattdessen Schonkost verordnet. „Also lasse ich Montalbano essen. Dann bin ich aber zuweilen neidisch auf ihn und dichte ihm eine Krankheit an“, sagt Camilleri und lacht laut. Trotz seines guten Appetits wird der Commissario mit jedem neuen Fall melancholischer. Ob Camilleri insgeheim an Montalbanos Ableben arbeite? „Ich bin gegen die Todesstrafe – grundsätzlich und ausnahmslos!“, sagt Camilleri energisch. „Ich verabscheue Gewalt.“ Außerdem soll ihn nicht das gleiche Schicksal treffen wie seinen früheren Freund Manuel Vázquez Montalbán. Der spanische Krimi-Autor und Taufpate von Salvo Montalbano wollte sich von seiner Figur Pepe Carvalho trennen: „Dann ist Montalbán in Bangkok gestorben. Ich spiel da aber nicht mit. Ich will meine letzten Jahre unbeschwert verbringen. Deswegen bringe ich Montalbano nicht um, sonst ist er noch in der Lage, mich zu töten!“ Camilleri treibt ein gewieftes Spiel mit den Lesern und warnt sie vor der Schlitzohrigkeit des mittlerweile 55-jährigen Commissario: „Ich nehme ihm den eingebildeten Alten nicht ab“, sagt er lachend. „Er sucht doch nur ein Alibi für seine aufkeimende Abscheu vor der Welt. Montalbano hat gemerkt, dass die Verbrechen, die er aufklären muss, allesamt von Dummköpfen begangen wurden.“ Weil leibhaftige Kriminelle aber keine literarischen Ehren verdienen, kommt in Camilleris Romanen die Mafia nur am Rande vor. Der 80-Jährige weigert sich, Mörder zu Protagonisten zu machen. Die Gefahr, beim Leser Sympathien für einen Mafioso zu erzeugen, hält ihn davon ab, nicht die Angst vor der Mafia: „Die Mafia liest keine Romane, das wäre Zeitverschwendung.“ Die Ideen zu seinen Krimis findet der berühmte Sizilianer gewöhnlich in der Zeitung. „Ich bin unfähig, eine Geschichte aus dem Nichts zu erfinden, und brauche einen minimalen Input, den ich meinen Bedürfnissen anpasse. In jeden Montalbano-Roman könnte ich ans Ende den Zeitungsausschnitt kleben, der für die Geschichte verantwortlich war.“ Bei der Themensuche für einen historischen Roman geht Camilleri ähnlich vor. Er sucht in der sizilianischen Geschichte nach einer Anekdote und verwandelt diese in ein Buch von 300 Seiten. Sein neuester historischer Roman, „Der zerbrochene Himmel“, geht auf eine autobiografische Begebenheit zurück. Als Zehn- jähriger schrieb Camilleri Mussolini einen Brief, in dem er prahlte, für den Kampf-Einsatz in Afrika bereit zu sein. 70 Jahre später setzt er sich kritisch mit der faschistischen Indoktrinierung auseinander und schreibt eine Parabel auf eine geraubte Kindheit. In Italien wurde „Der zerbrochene Himmel“ von der Kritik missachtet, umso gespannter ist Camilleri auf die Reaktionen seiner deutschsprachigen Fans. Wenn er arbeitet, hat der sizilianische Literat gerne seine Enkelkinder um sich. „Ich bin ein guter Großvater“, verrät Camilleri stolz, „weil ich ein frecher Großvater bin.“ Die Eltern kümmern sich um die Erziehung, der nonno um das Verwöhnen – lautet sein Credo. Dafür schenken ihm seine Enkel die Lebendigkeit, die er beim Schreiben so schätzt. Während eines Aufenthalts in seinem toskanischen Landhaus trieben ihn Idylle und Vogelgesang einmal zur Verzweiflung: „Ich rief meine Tochter an und bat sie, mir alle Enkel zu schicken. Als sie da waren, konnte ich endlich arbeiten: ,Du bist kein Schriftsteller. Du bist ein Kriegsberichterstatter, der mitten im Kugelhagel schreibt‘, sagt meine Frau immer.“ Schmunzelnd drückt Camilleri seine Zigarette aus. Die Heiligkeit des Schreibens ist dem charmanten Sizilianer fremd – darin liegt sein Erfolgsgeheimnis.

Gabriella Vitiello

Titel

  1. Andrea Camilleri – Mein Leben
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492045235

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  2. Der zerbrochene Himmel
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492046800

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  3. Der falsche Liebreiz der Vergeltung
    • VerlagLübbe
    • ISBN 378571565X

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  4. Italienische Verhältnisse
    • VerlagWagenbach
    • ISBN 3803125243

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  5. Andrea Camilleris sizilianische Küche
    • VerlagLübbe
    • ISBN 3785715706

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