Romane
25.01.2006»Ich beobachte die Mächtigen bei ihrer Arbeit.«
Beobachten und kritisieren: ein Gespräch mit Maybrit Illner
In dem von Ihnen herausgegebenen Buch "Frauen an der Macht“ berichten 21 einflussreiche Frauen aus der Wirklichkeit. Wie sieht diese Wirklichkeit aus?
Maybrit Illner: Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen. Viele Vorurteile zerfallen, etwa Aussagen in der Preislage: Frauen schaden sich und ihrer Familie, wenn sie in Machtpositionen drängen. Oder: Männer bieten Frauen nur Jobs an, in denen sie verlieren können… Das war gestern.
Das Spektrum der mächtigen Frauen reicht von Annemarie Renger, Jahrgang 1919, bis zu Silvana Koch-Mehrin, Jahrgang 1970. Was hat sich verändert?
Stimmt, das Buch ist eine Zeitreise an der Seite selbstbewusster, entscheidungsfreudiger und couragierter Frauen, die bereit waren und sind, Verantwortung zu übernehmen. Es war nicht schwer, sie zu finden. Was schon mal ein Indiz dafür ist, dass sich die Zeiten geändert haben. Stellen Sie sich dieses Projekt im Jahr 1960 vor. Heute erobern Frauen nicht nur die Macht, sie lernen auch, sie auszubauen und zu verteidigen – wie Silvana Koch-Mehrin schreibt. Sie beobachtet zwei interessante Tendenzen. Erstens: Die Nachfrage nach dem Gatten der Modellreihe Kohl sinkt. Zweitens: Die Bereitschaft von Frauen, als Trophy-Wife von Karriere-Männern wie Fischer oder Schröder aufzutreten, lässt ebenfalls spürbar nach. Wem das alles zu langsam geht, dem empfehle ich eine Rückblende in die 60er Jahre.
Was hat Sie bewegt, ausgerechnet dieses Buch zu machen?
Zum einen hat das mit meiner Arbeit zu tun. Bei der Besetzung der Sendung „Berlin Mitte“ sind wir ständig auf der Suche nach Frauen, die hierzulande was zu melden haben. Zum anderen interessierte mich, wie Frauen, die es geschafft haben, ihren Weg zum Erfolg reflektieren. Bemerkenswert ist der Ton, den sie wählen. Ihre Berichte sind sehr ehrlich und teilweise wirklich anrührend. Offenkundig gehört zu einem gesunden Selbstbewusstsein auch die Fähigkeit, sich an einschneidende Krisen zu erinnern, an Schwächephasen und Selbstzweifel, und darüber zu reden.
Wie beschreiben diese Frauen die Macht?
Sehr unterschiedlich. Allein das Wort „Macht“ hat ja für manche einen gewissen Hautgout.
Wer sind die Adressaten dieses Buches?
Na, ich tippe mal mehrheitlich Frauen.
Und was ist mit Männern?
Die können auch eine Menge lernen. Zum Beispiel: nicht aus allen Wolken zu fallen, wenn eine Frau im Pilotensessel sitzt. Krista Sager hat ja Recht, wenn sie schreibt, dass Männer Frauen als potenzielle Konkurrentinnen jahrelang überhaupt nicht „auf dem Zettel“ haben. Wenn es dann plötzlich zu einer Kampfkandidatur um einen Posten kommt, sind beide Seiten überrascht … Weil Männer sich in der Regel immer nur an Männern messen, Frauen quasi außer Konkurrenz laufen, ist die Zuspitzung für beide eine echte Überraschung.
Sie erreichen mit Ihrer Sendung wöchentlich mehrere Millionen Zuschauer. Sehen Sie sich als Frau an der Macht?
Als Journalistin sitze ich nicht an den Schalthebeln der politischen Macht. Ich beobachte die Mächtigen bei ihrer Arbeit und habe das Privileg und den Auftrag, sie zu kritisieren. Und da möchte ich anständige Arbeit abliefern. In Hollywood gibt es den Ausdruck „Der Film ist der Boss“. Bei „Berlin Mitte“ ist die Sendung der Boss.
Mit einer sehr populären Moderatorin. Mit welchem Anspruch gehen Sie an die Sendung?
Spannende Information, Verständlichkeit, Fairness – das sind die Grundpfeiler von „Berlin Mitte“. Die würden aber bestimmt auch bestehen, wenn die Sendung ein Mann moderiert.
Sie sind in der DDR aufgewachsen. Dort wurde mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf selbstverständlicher als im Westen umgegangen.
In dem Gespräch mit Angela Merkel wird deutlich, dass Frauen aus dem Osten die Frauenbewegung der alten Bundesrepublik retrospektiv wahrnehmen. Es ist eher ein nachträgliches Analysieren als gelebte Erfahrung. Die Frauen im Osten waren zu 90 Prozent berufstätig. Ich bin mit einer fröhlichen, emanzipierten, berufstätigen Mutter aufgewachsen und einem grandiosen, undespotischen Vater. Insofern habe ich nie das Gefühl gehabt, dem schwächeren, kujonierten Geschlecht anzugehören.
Sehen Sie das als Ausnahmekindheit an?
Wenn mehr als 90 Prozent der Frauen auch einem Job nachgingen, werden Fälle wie meiner ziemlich alltäglich gewesen sein.
Ihre Karriere verlief steil und ohne Brüche. Für Ihre journalistische Arbeit wurden Sie mehrfach ausgezeichnet. Was ist Ihre persönliche Erfahrung auf dem Weg in eine Spitzenposition?
Lassen wir mal die Kirche im Dorf: Ich moderiere eine politische Talkshow im ZDF. Und Leute, die im Fernsehen rumspringen, kriegen halt auch eher mal ein güldenes Reh als eine Chefärztin oder eine Kriminalhauptkommissarin. Und was ich mache, das können bestimmt auch noch hundert andere. Sogar Männer.
Die aber gerade nicht da sind.
Ich hatte sicher das Glück, in den entscheidenden Momenten den richtigen Menschen zu begegnen. Ohne Mentoren ist es für einen Berufsanfänger schwer, seine Talente zu entwickeln und das richtige Maß zwischen Ehrgeiz und Gelassenheit zu finden. Ich rede hier ausdrücklich von Förderung, nicht von Protegieren. Ich habe damals als Sportreporterin angefangen, eine absolute Männerdomäne, also waren meine Mentoren Männer. Dann ging es rüber in die Politik, zufällig auch eine absolute Männerdomäne. Der Mann, der mich ins ZDF-„Morgenmagazin“ geholt hat, Peter Frey, hat übrigens als junger Journalist selbst einen Ziehvater im Sender gehabt. Diese Kultur des Förderns und Unterstützens tut einem Unternehmen wirklich gut.
Welche Rollen spielt Angela Merkel in diesem Kontext: Ist sie eine Art von Galionsfigur?
Die Kanzler-Kandidatur Angela Merkels war für die CDU ein Meilenstein! Jetzt ist es natürlich interessant, mal nachzuschauen: Was war das für eine Situation, in der Angela Merkel nach vorne kam? Auch sie ist von Männern gefördert worden. Ab einem bestimmten Punkt fungierte sie dann als Trümmerfrau, weil wiederum Männer eine desaströse Lage hinterlassen hatten. Mit viel Entschlusskraft und Machtinstinkt arbeitete sie daran, dass aus der Generalsekretärin die Parteivorsitzende, die Fraktionsvorsitzende und schließlich die Kanzlerkandidatin wurde.
Ist der Meilenstein für die Partei auch einer für die Gesellschaft?
Nicht automatisch. Ob sie eine gute Kanzlerin für Deutschland ist, hängt nicht davon ab, ob sie Machtkämpfe gewinnt, sondern wie sie Probleme löst. Es hat dankenswerterweise im Wahlkampf keine Rolle gespielt, dass der Herausforderer von Gerhard Schröder eine Frau war. Ihr wurden von der seriösen Presse die gleichen Fragen gestellt wie ihrem Gegenüber auch: Welche Ziele hat sie für Deutschland? Wie möchte sie die verwirklichen und mit welchem Personal? Dass sie in dieser Auseinandersetzung am Ende weniger Prozente zusammengetragen hat, als sie sich erhoffte, hat mit vielem zu tun, aber nicht mit ihrem Geschlecht.
Was zeichnet die Frauen an der Macht auf ihrem Weg dorthin aus?
Sie haben in der Zeit ihres Aufstiegs vermocht, ihre engsten Freunde, Freundinnen und Ratgeber nicht zu verlieren. Das Wichtigste ist, gute Freundschaften und gute Verbündete zu haben. Wer als Einzelkämpfer unterwegs ist, wird es immer schwerer haben im Leben.
Was können weniger mächtige Frauen von diesen Frauen lernen?
Ihre Skrupel über Bord zu werfen und zu sagen: Ich kann das, ich will das und deshalb probiere ich das jetzt. Also nicht lange darüber lamentieren, was alles schief gehen kann, sondern machen.
Vita Maybrit Illner
Maybrit Illner wurde am 12. Januar 1965 in Ost-Berlin geboren. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und ging anschlie- ßend zum Fernsehen der DDR, wo sie als Sportjournalistin arbeitete. Nach dem Mauerfall moderierte sie ein Reisemagazin und das „Abendjournal”. 1992 wechselte sie zum ZDF. Beim Mainzer Sender leitete sie das „Morgenmagazin“, ehe ihr 1999 mit der Polit-Talkshow „Berlin Mitte“ der endgültige Fernseh-Durchbruch gelang. Für ihre journalistische Arbeit wurde Illner mit dem Deutschen und dem Bayerischen Fernsehpreis sowie mit dem Bambi ausgezeichnet. Zu den Höhepunkten ihrer Karriere gehören außerdem die Moderationen der TV-Duelle im Vorfeld der Bundestagswahlen 2002 und 2005. Illner ist seit 1988 mit dem Drehbuchautor Michael Illner verheiratet.
Irene Nießen
| Titel | |
|---|---|
|
Maybrit Illner (Hg.) Frauen an der Macht Diederichs - 19,95 € (D) / 36,10 sFr Format: 216 S. ISBN: 3-7205-2649-6 Bestellen |
|


