Literatur-Nachrichten

Schwarzmaler: Hannes Binder

Schwarz ist die Farbe, aus der Hannes Binder seine weißen Phantasien kratzt. Der Meister der Schabkarton-Comics tritt in drei neuen Büchern auf.

Ein finster schwarzes Bilderbuch? Erwachsene schaudern, zögern, misstrauen der kindlichen Lust am Unheimlichen. Die düsteren Illustrationen, sagen sie, mögen passen für „Die schwarzen Brüder“, den traurigen Jugendklassiker aus dem Jahre 1942 von Lisa Tetzner, die Geschichte der armen Tessiner Kinder, die als Kaminfegerbuben nach Mailand verdingt wurden, wo sie als lebende Besen durch die Kamine klettern mussten (Sauerländer, 2002). „Roman in Bildern“ nennt Hannes Binder diese verdichtete Adaption, in der die holzschnitt-ähnlichen Bilder den Text mal illustrieren, mal ersetzen. Nun hat er zwei neue Kinderbücher illustriert, nächtliche Reiseabenteuer namhafter Schweizer Schriftsteller. Durch „Kunos große Fahrt“, die poetische Entwicklungsgeschichte von Klaus Merz, leuchtet erstmals Farbe: das rote T-Shirt des Buben, der sich seinen Traum erfüllt. Am Mofahelm die sieben Kontinente, saust Kuno auf dem Kickboard Richtung Nordpol „und unten herum wieder heim“ – als ein anderer. Nachtblau sind die Illustrationen für „Flug in die Nacht“ – Anita Siegfrieds suggestives Spiel mit Traum und Wirklichkeit. Mama liest dem Kind aus dem „Kleinen Prinzen“ vor, bevor sie ins Kino geht, bevor auf Dannis Bettdecke ein Propellerflugzeug landet, der Pilot mit ihr in die Nacht hinausfliegt und mitten in der Antarktis notlanden muss. Seelenverwandtschaft mit Glauser „Denke ich an Glausers Studer, denke ich an den Studer des Hannes Binder.“ Peter Zeindler ist nicht der Einzige. Seit Jahren beschäftigt sich Binder mit Glauser, „oft obsessiv“. Eine Seelenverwandtschaft. „Man kannte ihn bei uns zu Hause. Ein Morphinist hiess es, ein Verrückter.“ Binder wurde neugierig, noch neugieriger, als er die Umschläge für eine sechsbändige Paperbackausgabe von Glausers Kriminalromanen gestalten durfte. Vor allem „Der Chinese“ fasziniert ihn. Am liebsten würde er die ganze Geschichte zeichnen. Ein 170-Seiten-Roman als Krimi-Comic? Leichter gesagt als getan. Es musste „etwas Eigenständiges“ werden. Dieser Fall, lässt Glauser seinen Studer sinnieren, „scheint in drei Atmosphären zu spielen“, einem Dorfwirtshaus, einer Armenanstalt und einer Gartenbauschule. Vertraute Orte für Glauser. Binder recherchiert, reist ins Emmental, imaginiert sich anhand von Fotos in die Schweiz der dreissiger Jahre. Dann ritzt er mit einem Federmesser behutsam weisse Linien in den eingeschwärzten Karton. Drei Jahre lang, „mit Pausen“, aber das Buch war ständig im Kopf, namentlich der Studer, die Figur des Wachtmeisters. 1988 erschien Binders „Chinese“. Zehn Jahre später sass er vor dem fünften Roman. Glauser, 1935 wegen Opiumkonsums in die Berner Heilanstalt Waldau eingewiesen, setzte der Isolation „in einem literarischen Gewaltakt“ die „Fieberkurve“ entgegen. Mehr denn je „verführt von der Atmosphäre seiner Schauplätze, den Charakteren seiner Figuren“. Eine surreale Geschichte „mit Hellsehern, Kartenschläger und anderem mysteriösen Personal“. Binder realisierte, dass seine bewährte Art, „einer linearen Handlung zu folgen und die Brüche im logischen Ablauf zu überzeichnen“, in diesem Fall nicht funktioniert. Lustvoll übernahm er selber die Regie, paraphrasierte die „Fieberkurve“, vermischte Romanfragmente mit Biografischem, Briefstellen, Tagebuchnotizen zur vielschichtig rätselhaften Collage. „Das Ganze ein einziger Fiebertraum.“ Hannes Binder, Jahrgang 1947, lernte das Handwerk an der Kunstgewerbeschule Zürich. Seit 1972 selbständiger Grafiker, lebt und arbeitet er in Zürich. In einem Haus, schildert der Filmer Kurt Gloor, das ein bisschen so aussieht, „als hätte es der Illustrator Hannes Binder gezeichnet – nach einer Beschreibung von Friedrich Glauser in einem seiner Krimis“. Ein Häuschen eher, mit kleiner Wiese, Blumen. Und einem Atelier, „so gross, dass man sich fragt, wie es denn überhaupt Platz hat in dem kleinen Haus“. Einmal zeichnete Binder den jungen Glauser an der Bolleystrasse, wo er vorübergehend gewohnt hat, wie er aus seinem Fenster ins Nachbarhaus am Haldenbach schaut, ins erleuchtete Atelier seines Zeichners… Jetzt ist Binders Glauser-Kollektion in einem stattlichen Band zu haben, mit der neuen Erzählung „Dada“, mit aufschlussreichen Texten von Peter Zeindler, Kurt Gloor und einem Werkstattgespräch von Frank Göhre. Die Druckerschwärze steigt scharf in die Nase, macht schwindlig, verwirrt die Sinne, stürzt in Wort und Bild „in die Schwärze der menschlichen Seele“ („St. Galler Tagblatt“). Ein Binder-Glauser-Fieber erfasst einen. Erst mit dem letzten Satz in „Glausers Fieber“ landet man wieder in der Realität: „Denn nur Literat sein – das geht auf die Dauer nicht. Man verliert jeden Kontakt mit der Wirklichkeit.“

Franziska Schläpfer

Titel

  1. „Nüüd Appartigs…“
    • VerlagLimmat
    • ISBN 3857914815

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  2. Kunos große Fahrt
    • VerlagNordSüd
    • ISBN 3314014333

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  3. Flug in die Nacht
    • VerlagSauerländer
    • ISBN 3794160401

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