Literatur-Nachrichten

Wolfgang Amadeus Mozart

Noch heute erscheint uns die Musik von Wolfgang Amadeus Mozart (27.1.1756 – 5.12.1791) so lebendig und unverbraucht wie am ersten Tag. Warum das so ist, erzählt der Schriftsteller und Mozart-Fan Hanns-Josef Ortheil: eine Liebeserklärung zum 250. Geburtstag des berühmtesten Salzburgers.

Mozarts Musik ist die erste, an die ich mich erinnere, bereits mit fünf Jahren habe ich sie gehört. Damals, im Jahr 1956, saß ich im Schneidersitz auf dem Boden unseres Wohnzimmers und starrte auf die schwarze Scheibe, die sich langsam auf einem alten Dual-Plattenteller drehte. Was ich hörte, war eine Sonate für Klavier und Violine, die Mozart als kaum Siebenjähriger komponiert hatte. Stumm und regungslos saß ich da, ich lauschte und hörte auf jede Nuance, und ich spürte, wie sich mein ganzer Körper erhitzte, als wäre er angeschlossen an seltsame Wärme- und Glücks-Quellen. Als das Stück vorbei war, wollte ich es sofort ein zweites und dann ein drittes Mal hören, Mozarts Musik hatte mich süchtig gemacht, ich war ihr verfallen, doch ich ahnte noch nicht, dass diese Sucht ein Leben lang anhalten würde. Wie mir ist es inzwischen Millionen von Musikhörern ergangen, für die Mozart geradezu zu einem Synonym für Musik geworden ist. Oft schon von Kindesbeinen an haben sie durch Mozarts Kompositionen zuerst erfahren, was Musik ist und sein kann und wie ihre beinahe hypnotische Ausstrahlung bis in die feinsten Tiefenschichten der Emotionen reicht. Warum aber war das so? Was ist das eigentlich Besondere an gerade dieser Musik? Ich glaube, die Antwort auf diese Fragen ist gar nicht so schwer: Mozarts Musik macht auf befreiende Weise glücklich, mit keiner anderen ist so sehr eine Vorstellung von allen nur denkbaren Facetten von Glück und innerer Freiheit verbunden. Diese einzigartige Wirkung hat zunächst einmal damit zu tun, dass diese Musik keine Selbstzweifel und Skrupel, keine Skepsis und kein Zögern zu kennen scheint. Vom ersten Takt und Moment an will sie den Hörer auf unnachahmlich freundliche, liebenswürdige und entgegenkommende Weise mitnehmen, hinein in eine Lebensemphase und einen Enthusiasmus, der etwas Glühendes, Brennendes und oft Rührendes hat. Ihr stärkster Gestus ist daher die Verführung, das An-die-Hand-Nehmen des Hörers, sein Umschmeicheln, seine Begleitung und Betörung: Komm mit!…, flüstert diese Musik, begleite mich in ein Reich, das du noch nicht kennst und in dem du noch nie warst und in dem du dir doch auf geheimnisvolle Weise begegnen wirst… Dieser einladende Charakter macht Mozarts Musik distanzlos, sie will nicht studiert und zergliedert werden, sie bekennt nichts, und erst recht führt sie sich niemals als akademisch-kunstvoller Bau von Melodien und Motiven vor, eher betreibt sie eine Erhellung der Psyche, ein unablässiges Befragen ihrer Fundamente und ein Durchdringen ihrer Schatten. Erst Mozart hat die Musik zu einem solch weiten Kosmos von Gefühlssprachen gemacht; wie ihm das gelingen konnte, beschreiben viele seiner Biografen noch heute als Wunder. Sicher ist, dass er ein großes Talent der Aneignung hatte, mühelos und leicht nahm er Fremdes auf und verband es mit den eigenen, starken Impulsen. Diese Aneignung von fremden Welten und Klängen konnte jedoch nur gelingen, weil er anfänglich von einem Vater geführt und geprägt wurde, der zu den besten Musikkennern seiner Zeit gehörte. Als die beiden – zusammen mit der Mutter und der einzigen Schwester – zum ersten Mal auf Reisen gingen, begann der junge Mozart, sich Stück für Stück von den Lehren des Vaters zu entfernen. Seine Musik weitete sich von innen, nahm alles auf, was er sah, hörte, schmeckte und roch. Ganz Europa durchquerte er in seinen jungen Jahren, er badete gleichsam in Musik und verwandelte sich in einen Komponisten, der sich vom Klavier über die Violine bis hin zu den Singstimmen und zum großen Orchester alle Klangmöglichkeiten nacheinander und aufeinander aufbauend erschloss. Bei keinem anderen Komponisten können wir daher so genau nachvollziehen, wie sich sein Komponieren entwickelte, vom schlichten Menuett für Klavier, das der Vater notierte, da das kleine Kind die Notenschrift noch nicht beherrschte, bis hin zu den großen Opern, deren Kompositionen er in oft unglaublich kurzer Zeit und meist sogar während beschwerlicher Reisen förmlich aufs Papier warf. In seinen „Briefen und Aufzeichnungen“ hat nicht nur er selbst diese Entwicklung kommentiert und beschrieben, auch die anderen Familienmitglieder kommen in ihnen sehr ausführlich zu Wort. Über 1500 solcher Brief-Dokumente sind heute erhalten und erlauben – gleichsam als Familiengespräch über das „Wunder Mozart“ – die besten Einblicke in seine Existenz und die Vorstellungen, die er von seinem Leben hatte. Mozart gibt sich in ihnen niemals „privat“ oder „intim“, die Briefe sind auch nicht im Stil seiner Zeit „empfindsam“ oder romantisierend. Eher sind sie lebenssatte Zeugnisse eines Menschen, der immer geradeheraus sagte, was er dachte, und oft von einer großen Unruhe getrieben war. Von dieser Unruhe berichten viele seiner Zeitgenossen. Unaufhörlich sei er in Bewegung gewesen, schreibt seine Frau, noch während des Komponierens habe er kaum stillsitzen können, sondern habe um sich herum immer einen lebendigen, vibrierenden Raum der Ansprache und Stimmen gebraucht. Das Quecksilbrige und Überraschende, das sich in seiner Musik so häufig findet, rührt daher. Im Grunde ist Mozart nicht nur mehr als ein Drittel seines Lebens auf Reisen, sondern auch innerlich immer unterwegs gewesen, besessen von der Vorstellung, alles Sicht- und Hörbare in Klang verwandeln und ihm so Charakter und Form geben zu müssen. Das Zentrum all dieser Klangwelten aber ist die Liebe, das Pochen des Herzens, die Anbahnung der Gefühle, ihr Anschwellen und Sich-Überbieten. In Mozarts Musik ist diese Liebe etwas Kreatürliches, sie befällt nicht nur Mann und Frau und Frau und Mann, sondern ist gleichsam das Fluidum aller Aktionen seiner Figuren. In keiner Musik sind sich daher Menschen so nah, und in keiner Musik erschrecken sie so sehr über diese Nähe, so dass sie sich fallen lassen und abtauchen, als überließen sie ihre Gefühle dem Dahinströmen der Melodien. Die Bücher von Hanns-Josef Ortheil „Mozart im Innern seiner Sprachen“ (Luchterhand, 9,50 € (D) / 17,50 sFr) und „Die Nacht des Don Juan“ (btb, 10,– € (D) / 18,30 sFr) beschäftigen sich mit dem Komponisten. Im März erscheint „Das Glück der Musik – Vom Vergnügen, Mozart zu hören“ (Luchterhand, 10,– € (D) / 18,30 sFr).

Hanns-Josef Ortheil

Titel

  1. Sämtliche Opernlibretti
    • VerlagReclam
    • ISBN 3150105730

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  2. Wolfgang Amadeus Mozart
    • VerlagKnesebeck
    • ISBN 3896603167

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  3. Briefe
    • VerlagManesse
    • ISBN 371751296X

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  4. Mozart und die Frauen
    • VerlagLübbe
    • ISBN 3785720548

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  5. Die Familie MozartDie Familie Mozart
    • VerlagArtemis & Winkler
    • ISBN 3538072116

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  6. Die Zauberflöte
    • VerlagAnnette Betz
    • ISBN 3219112366

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