Belletristik / Wortwechsel

Das bessere Leben
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© Gunter Glücklich

"Genügt es, glücklich zu sein?"

In seinem hellsichtigen Roman „Das bessere Leben“ erzählt Ulrich Peltzer von Helden im Umbruch, weltumspannenden Geschäften und davon, wie das 20. Jahrhundert in uns weiterlebt. Ein Gespräch mit dem Autor in Berlin.

Ihr aktueller Roman gibt sich nicht gerade mit wenig zu­frieden. Er erzählt aus vielen verschiedenen Perspektiven, springt zwischen Zeiten und Orten hin und her: Moskau 1936, das Massaker an der Kent-State-University 1970 bei Protesten gegen den Vietnamkrieg, die beginnende Finanzkrise. Wovon handelt Ihr Roman?
Von drei Protagonisten, die biografisch und anfangs auch räumlich weit voneinander entfernt sind, aber auf merkwürdige Weise miteinander in Verbindung stehen. Im Zentrum des Romans steht Jochen Brockmann, ein deutscher Sales-Manager, dem die Felle davonschwimmen,  nachdem ein Deal geplatzt ist. Das ist die Ebene des Plots. Daneben gibt es aber auch noch weitere Ebenen, die mir allerdings erst beim Schreiben bewusst wurden.

An was denken Sie dabei genau?
Reue ist ein wichtiges Thema, Vergeblichkeit, das Alter, Verlorenheiten und immer wieder die Frage, was unserem Leben Sinn verleiht. Glaubt man den Werbeklischees, geht es im Leben vor allem darum, glücklich zu sein. Aber genügt das?

Ihre Hauptfiguren Jochen Brockmann, der dubiose Geschäftsmann Sylvester Lee Fleming und die Managerin Angelika Volkhart sind alle Kinder des 20. Jahrhunderts. Ihre Gedanken, ihre Weltsicht, ihre Vorstellungen von einem besseren Leben wurden davon geprägt.
Ja, das 20. Jahrhundert verbindet die Hauptfiguren und auch die Nebenfiguren miteinander. Der eine erinnert sich an das Kent-State-Massaker, der andere sieht es auf einer Video-Installation. Der Vater der Russischlehrerin von Angelika denkt, bevor er in Moskau zu einer Säuberungsaktion geht, an Wertows Film „Drei Lieder über Lenin“. Ein anderer, der ein desillusionierter Linker ist, schreibt an einem Booklet, in dem dieser Film auftaucht. Die Träume, die Wünsche, die Kämpfe des 20. Jahrhunderts gehen durch die Figuren hindurch. Und so berühren sie sich.

Jochen Brockmann ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der zum ersten Mal im Leben beruflich ins Schlingern gerät. Was ist er für ein Mensch?
 Er ist jemand, der sich nichts vormacht, dem vieles am Arsch vorbeigeht. Statt sich aufzuregen, zündet er sich lieber eine Zigarette an. Seine Gedanken kreisen zwar um seine schwierige berufliche Situation. Aber er ist niemand, der sich selbst bemitleidet. Das mag ich an ihm. Ich glaube, man kann nur mit Figuren mitfühlen, die kein Mitleid mit sich selbst haben.

Auf welchen literarischen Kunstgriff sind Sie bei diesem Roman besonders stolz?
 Ich wollte erreichen, dass die Figuren mit ihren unterschiedlichen Hintergründen, die Gegenwart und die Episoden von 1936, 1970, 1978, 1980 beim Lesen auf einer Ebene sind. Dass die Sätze und die Sprache geschmeidig genug sind, um alles zu verbinden, ohne dass ein Erzähler  eingreift. Alles soll gleichzeitig präsent sein, auch durch diese ständigen Wechsel zwischen Zeiten und Räumen.

Ihrer These entsprechend, dass nicht nur das, was wir selbst erlebt haben, sondern auch die Gedankenwelten und Erfahrungen anderer in uns nachhallen und uns ausmachen?
 Ja, wir sind Kinder des 20. Jahrhunderts. Und ich weiß nicht, ob man dem 20. Jahrhundert überhaupt entrinnen kann – seiner Philosophie und den Weichen, die dort gestellt wurden.

Nadja Einzmann

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