Literatur-Nachrichten

Dazwischen von etwas

Von Christian Seibel

Früher einmal war das Freibad sauber und modern gewesen. Jetzt blätterte die weiße Farbe von den Umkleidekabinen und auf den Innenseiten der Türen hatten sich schon viele Besucher mit ihren Initialen und Sprüchen verewigt. Die Fliesen waren schon länger nicht mehr erneuert worden und mittlerweile wurde der Rasen nur noch einmal im Monat gemäht. Selbst jetzt im Hochsommer wurde erst um acht Uhr geöffnet.
Er kroch durch das kleine Loch in der Buchsbaumhecke am hinteren Ende der Liegewiese. Es war früh am Morgen und das Licht der Sonne noch sanft. Das Gras war noch feucht und durchnässte seine Leinenschuhe als er über die Wiese lief.

Er warf seinen Tuchbeutel lässig auf die große Decke, die Pops mitgebracht hatte. Pops, mehr dick als klein, durfte eigentlich nur mitkommen, weil er der einzige war, der ein Mofa hatte und daher für den Transport der sperrigen Güter zuständig war. Heute hatte Pops zudem drei Flaschen Apfelsaft aus dem Laden seiner Eltern zum frühmorgendlichen Schwimmen beigesteuert. Er saß seelenruhig auf seiner Decke mit dem Gesicht zum Schwimmbecken und sagte nur: „Verschlafen?“

„Klappe!“

„Die anderen sind schon drin.“ Pops ging so gut wie nie ins Wasser. Er behauptete eine Chlor-Allergie zu haben, wurde aber beständig damit aufgezogen, dass er nur keine Badehose in seiner Größe gefunden habe. Vom Schwimmbecken hörte man das Klatschen eines Körpers auf das Wasser und mehrstimmiges Lachen. Pops inspizierte eingehend seine Fingernägel als er fragte: „Lena sagt, ihr kommt heute Abend nicht mit zum Lagerfeuer?“

„Weiß nich“, gab er zurück, während er sich das Shirt abstreifte und die Schuhe ins Gras schleuderte. Er rannte zum Becken, während Pops nur in die Morgensonne blinzelte und bedächtig nickte.

Er lief durch das kleine Abduschbecken, ignorierte die winkenden Hände und das johlende Rufen und war mit einem Hechtsprung im Wasser. Er tauchte unter, drei, vier schnelle Schwimmzüge, und ließ sich beim Ausatmen langsam wieder an die Oberfläche treiben.

Daniel stand am Beckenrand, schüttelte spielerisch drohend den Zeigefinger in seine Richtung und rief etwas Unverständliches. Dann sprang er, mit dem Hintern zuerst, dicht vor den beiden auf dem Rand sitzenden Mädchen ins Wasser. Lena und Ingrid schrien auf. Ingrid stürzte sich sofort ins Wasser und schwamm in Daniels Richtung. Lena blieb sitzen und ließ die Füße durchs Wasser gleiten.

Er schwamm gemächlich auf sie zu. Kurz vor ihr tauchte er unter. Er drückte sich kräftig am Beckengrund ab, schnellte hoch und gab ihr einen ungezielten Kuss zwischen Mund und Wange. „Wo sind die anderen?“ fragte er, stemmte sich aus dem Wasser und setzte sich neben sie.

„Stefan ist grade im Busch“, sagte sie und umfasste seine Taille, „und Sonja kommt vielleicht später.“

„Wieso vielleicht?“

„Weiß nich. Hat Pops gesagt.“

„Was hat er denn gesagt?“

„Weiß ich nich mehr.“ Sie küsste ihn auf die Wange und schlang ihre Arme um seinen Hals. „Du, wie ist das denn mit heute Abend und Lagerfeuer?“

„Keine Ahnung.“ Er räusperte sich. „Onkel Helmut kommt so gegen fünf, glaube ich“, er blinzelte in die Sonne, „und dann sind wir vielleicht so gegen acht oder neun erst aus dem Restaurant wieder da. Kann ich aber noch nicht versprechen.“ Er zögerte kurz. „Aber du kannst ja auch ohne mich hingehen. Wie gesagt, ich komm dann wahrscheinlich vielleicht nach.“

„Ohne dich hab ich aber keine Lust.“

„Aber die Anderen sind doch da. Ingrid und Daniel – Stef, Pops und so.“

Stefan hastete an ihnen vorbei, rief, „Sonja ist da“, und stürzte sich mit einem Kopfsprung neben ihnen ins Wasser.

„Ich weiß nich,“ sagte sie.

Er befreite sich sachte aus ihrer Umarmung und ließ sich wieder ins Wasser gleiten. Auf dem Rücken liegend, paddelte er langsam zur Mitte des Beckens. „Vielleicht komme ich ja später noch nach“, rief er ihr zu.

Sie zog die Beine an, legte die Arme um die Knie und blickte ihm nach als er untertauchte. Mit zwei schnellen Zügen war er am Grund des Beckens und ging in die Hocke. Er verharrte, fast reglos. Dann, kurz bevor ihm die Luft knapp wurde, stieß er sich ab und tauchte auf.

Daniel und Ingrid versuchten eben sich gegenseitig unterzutauchen. Stefan machte im flacher werdenden Teil des Beckens einen Handstand und ließ seine Beine senkrecht aus dem Wasser ragen, bevor er mit einem Platschen nach hintenumfiel. Auf dem Rand hatte sich Lena jetzt flach auf den Rücken gelegt, den Arm über die Augen als Schutz vor der stärker werdenden Sonne. Knapp neben ihr auf einem der Startblöcke stand Sonja.

Sie stand gerade da, die Füße eng aneinander, den Rücken durchgedrückt, die Schultern zurück. Ihr Badeanzug glänzte feucht. Sie musste sich abgeduscht haben. Sie hatte die Augen geschlossen, als müsse sie sich auf das Bevorstehende konzentrieren, als würde viel von diesem Sprung abhängen. Hellbraunes leicht gewelltes Haar, nass und zurückgestrichen. Im blauen Stoff ihres Badeanzuges zeichnete sich die sanfte Rundung ihrer Brüste ab. Ihre Beine waren schlank und kräftig, die Füße mit kurzen geraden Zehen.

Jetzt lässt sie die Schulter leicht hängen und wendet das Gesicht in die Sonne, die Augen immer noch geschlossen. Ihre Haut glänzt goldfarben in der Morgensonne vor den weißen Stämmen und dem hellen Laub der Birken. Sie lässt sich langsam nach vorne fallen und stößt sich im letzten Moment kraftvoll vom Startblock ab, reißt die Arme nach vorne und taucht kopfüber ins Wasser.

Er kraulte ein paar kraftlose Züge, ließ sich auf den Rücken gleiten, ließ sich einige Zeit einfach treiben, das Gesicht in den Himmel.

Er richtete sich auf. Stefan stand gebeugt am Beckenrand und sprach auf Lena ein, die dort unverändert lag. Daniel und Ingrid kletterten über die Leiter aus dem Wasser und liefen Richtung Pops zur Wiese zurück. Schließlich erhob sich Lena und rief, „ich geh schon mal.“

Sie schlenderte mit Stefan, der immer noch wild gestikulierend auf sie einredete, zur Wiese. Sie lachte kurz und warf den Kopf in den Nacken. Stefan machte eine übertrieben entschuldigende Geste.

Er ließ sich langsam nach vorne gleiten und hielt die Luft an. Das Gesicht im Wasser konnte er die Wärme der Sonne auf dem Rücken spüren.

Jemand tauchte unter ihm durch und kam dicht neben ihm, prustend wieder an die Oberfläche. Er richtete sich auf und wandte sich um. Die Beine nur leicht bewegt, die Arme ausgebreitet schwamm er auf der Stelle.

„Hallo“, sagte sie nur leise.

„Hallo, du“, gab er zurück.

Er blickte sie an.

„Und?“ fragte er.

„Ich weiß nicht“, sagte sie, ruderte mit den Armen und streifte wie durch Zufall sein Handgelenk.

Die Sonne schien und der Sommer war noch lange nicht vorbei.

„He, ihr beiden“, rief eine Stimme vom Beckenrand, „die machen gleich auf, und Pops muss nach Hause.“

„Alles klar, sind schon unterwegs“, rief er ein wenig lauter als nötig.

Sie spritze ihm Wasser ins Gesicht, drehte sich geschmeidig um und versuchte von ihm wegzutauchen. Schnell griff er nach ihr und fasste sie um den Knöchel. Er tauchte unter und zog sich an ihr vorbei. Er spürte ihre Hand kurz am Rücken, als sie versuchte ihn festzuhalten. Er schwamm mit schnellen Zügen in den flacher werdenden Teil desBeckens, glättete seine Shorts und stapfte langsam aus dem Wasser.

Er hörte schnelle Schritte. Sie lief am Beckenrand entlang. Sie musste die Leiter genommen haben. Mit zwei Sätzen war sie an der Dusche, hieb auf den Druckknopf und hüpfte unter dem kalten Wasser.

Er duschte sich ebenfalls ab, drehte sich schnell unter dem kalten Strahl hin und her. Er konnte sehen, dass Daniel die Liegewiese schon erreicht hatte. Die anderen waren bereits fertig angezogen und Richtung Hecke und zu ihren Rädern unterwegs.

Er betrachtete das kleine Muttermal auf ihrem Schulterblatt. Sie lächelte kurz und strich sich die Haare nach hinten. Dann lief sie zu ihren Sachen. Er folgte ihr und versuchte sie zu überholen. Pops legte gerade die Decke zusammen. „Saft jemand?“, fragte er.

„Gerne“, sagte sie, trank ein paar schnelle Schlucke und reichte ihm die Flasche. Während er trank blickte er den Anderen nach, die die Hecke schon fast erreicht hatten. Lena und Ingrid hatten sich eingehakt und sprachen leise lachend miteinander. Daniel kroch eben durch das Loch und Stefan war schon nicht mehr zu sehen.

Pops stopfte die Decke und die halbleere Flasche Apfelsaft unter großen Anstrengungen in seine Segeltuchtasche. Sonja hatte sich schnell Sandalen, Rock und Shirt übergezogen. Die Feuchtigkeit des Badeanzuges drang an ihren Brüsten schon durch den leichten Stoff ihres Shirts. Während sie noch ihr Haar kämmte machte er sich langsam auf den Weg Richtung Hecke.

Als er das Loch fast erreicht hatte spürte er eine Berührung an seiner Schulter. Er blickte sich um. Er sah nur ihre leuchtenden Augen in dem sommergebräunten Gesicht. Pops hatte die Decke verstaut, war aber noch fast zwanzig Meter hinter ihnen.

Er sagte, „nach dir“, wies auf das Loch in der Hecke und kam sich dabei reichlich dämlich vor.

Sie lächelte. „Hol mich heute um sechs ab“, sagte sie leise. Dann verschwand sie durch die Hecke.

Er blieb stehen. Er lauschte auf das Klappern der Fahrräder. Dabei ordnete er umständlich das Handtuch in seinem Beutel, als müsse er sich vergewissern, nichts vergessen zu haben. Er vernahm Pops’ Geschnaufe hinter sich. Auch ihn ließ er vor sich durch die Hecke kriechen.

Pops startete sein Mofa und blinzelte unsicher in die Sonne. „Bis heute Abend?“.

„Weiß noch nich,“ gab er zurück und verstaute seine Sachen gemächlich auf dem Gepäckträger seines Fahrrads. Pops nickte bedächtig und knatterte davon.

Er radelte langsam hinterher. An den zwei großen Ulmen, wo der Waldweg auf die Landstraße traf, wartete Lena auf ihrem Fahrrad. Sie lächelte. „Du, wenn du nicht böse bist, geh ich heute Abend mit den Anderen zum Lagerfeuer. Wenn das okay is, meine ich.“

„Klar, schon okay“, sagte er und bemühte sich, zumindest ein wenig zerknirscht auszusehen.

An der nächsten Kreuzung verabschiedeten sie sich. „Vielleicht bis später dann“, sagte sie. Er beugte sich vor und küsste sie irgendwo zwischen Mund und Wange.

1 Kommentar/e

1. Eskannjanichtimmerregnen 23.08.2018 23:57h Eskannjanichtimmerregnen

Eine dilettantische Arbeit. Adaption Hemingway ohne Idee. Preisträger? Coming of what !?

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