Literatur-Nachrichten

Can't help fallin'

Von Anja K.

Du kennst das doch, hast dich verknallt. Denkst, du passt in die Welt. Glaubst, du kannst alles. Machst plötzlich Sport. Sagst geistreiche Sachen, bist witzig, charmant – sagen die anderen. Sogar du selbst glaubst das irgendwann.  Die Euphorie geht soweit, dass du in den Spiegel guckst und (Vorsicht!): dich selbst schön findest. Sogar dich morgens zu kämmen, macht dir Spaß, auch wenn du dich noch immer fragst, warum deine Haare nachts verfilzen. Und warum ihn das nicht stört. Du hast Sex, guten Sex. Viel Sex. Oft. Und selbst, wenn du gerade keinen Sex hast, denkst du dran. Nicht verzweifelt, jammernd, von wegen, ach, wär das mal wieder schön. Du denkst daran, wie es gerade noch war. Wie er dir mit den Händen über den Körper fährt, wie er noch gestern seine Bartstoppeln frisch gestutzt hat, weil er mag, wie du dich empörst, wenn er dich mit Dreitagebart küsst. Wie seine Stimme in deinen Ohren rauscht. Du malst dir triumphierend aus, was ihr noch alles machen werdet. Im Bett und auch sonst. Von langweilig seid ihr noch ewig weit entfernt. Vielleicht kommt ihr da nie hin. Aus welchem Grund auch immer. Du weißt in jedem Moment, es wird nicht lang dauern, bis ihr wieder im Bett landet. Manchmal lachst du, wenn ihr miteinander schlaft. Manchmal fehlt dir dafür der Atem. Alles ist I just called to say und Can't help fallin' und so weiter. Morgens küsst er dich gierig, sogar dann, wenn dir die Wimperntusche vom Vorabend schwarze Ringe unter die Augen frisst. Beide riecht ihr nach Sex. Manchmal, glaubst du, sogar, nach Liebe.

Ihr trinkt, raucht, diskutiert, küsst, schlaft euch durch die Abende, durch die Nächte und hängt die Tage dran. Eure Muskeln spannen und entspannen sich in perfekter Harmonie. Lachmuskeln, Beckenmuskeln. 

Du bist noch nicht misstrauisch. Stellst dir nicht die Frage, ob du es sein solltest. Dafür ist keine Zeit. Ob dafür Anlass besteht, weißt du nicht. Obwohl du aus Erfahrung weißt, dass im Grunde immer Anlass zum Misstrauen besteht. Jedem gegenüber.

Wenn er nicht da ist, denkst du daran, wie er seine dunklen Haare mit der halboffenen Hand von rechts nach links und links nach rechts über die Stirn schiebt. Weil er nicht mehr jung ist und seine Haare inzwischen dünn, schiebt er sie oft von links nach rechts. Du durchschaust, dass er hofft, dass sie dann voller aussehen. Darüber kicherst du, und er weiß nicht, warum du ihn jetzt küsst.

Und alles ist dir herrlich egal. Dass er drei Kinder hat, denen die Pubertät noch bevorsteht. Egal. Egal auch, dass dir das auf lange Sicht Ärger und Kummer bringt. Nur ein Ausflug aus deinem Leben. Nur ein Ausschnitt aus seinem Leben. Den Rest würdest du auch gar nicht wollen. Doch was soll er dann machen mit diesem Rest? 

Also geht er. Bleib. Bitte. Bleib. Plötzlich ist alles Ne me quitte pas. Als wüsstest du nicht, wovon ich rede! Bist doch auch schon mal verlassen worden, hast doch auch schon geheult und Wodka gesoffen, weil einer dich nicht wollte. Von vornerein oder eben irgendwann nicht mehr. Oder hast du Cocktails getrunken? Wirklich, Cocktails? In ner Tapas-Bar? Nicht dein Ernst, oder? Ist ja erbärmlich. Noch erbärmlicher als Heulkrämpfe kriegen und Wodka trinken! Cocktails! Saufanlass und Getränk müssen zusammenpassen. Verlassen werden ist doch keine Strandparty. Verlassen werden ist wie ein eisiger lettischer Winter. Und wer trinkt in Lettland im Winter Cocktails? Geh lieber in einen Supermarkt! Bieg vor der Kasse links zu den harten Spirituosen ab und nimm eine von den klaren Flaschen. Die trägst du nach Hause und säufst dich vor dem Fernseher oder der Waschmaschine oder dem Toaster zu. Scheiß auf die Tapas-Bar, in der deine Freundinnen auf dich warten und so tun, als wollten sie dich trösten. Von denen versteht dich sowieso keine. Die machen ihr betroffenes Gesicht nicht dir zu liebe. Wenn du das glaubst, verwechselst du dir zuliebe und deinetwegen. Die gucken so, weil sie sich jetzt dein Gejammer anhören müssen. Alles Cocktails und Heuchelei! Wodka und Heulerei sind da allemal besser. Geistreich warst du. Sogar witzig. Jetzt bist du nur noch kitschig. Liebe. Triebe. Diebe. Hiebe. Auch, wenn er natürlich der Arsch ist! Aber das nützt dir nix. Dich verzehrt's und allen anderen geht’s auf die Nerven. Herrlich, wie gerecht die Welt ist! Liebe. Dann ist sie da. Dann ist sie weg. Da. Weg. Schmacht. Heul. Jetzt erinnerst du dich wieder, wie seine Wimpern gezuckt haben, wenn ihr euch geküsst habt, daran dass sein Schal immer leicht nach Rauch roch, wie behaart seine Zehen sind, wie laut und unbeherrscht er darüber wird, wie sie jetzt alle nach Berlin wollen. Wie unsäglich er schnarcht, wenn er mehr als drei Bier getrunken hat und wie es ihm überhaupt nie peinlich ist, sich lächerlich zu machen. Bescheuert! Und beneidenswert. Und dann fragst du dich, warum du ihn neulich in der Kunsthalle nicht die Rotunde runtergestoßen hast. In der Liebe nicht egoistisch sein, Ratgeber-Quatsch. Aber gib ruhig zu, dass du diesen Quatsch hören willst. Nicht egoistisch sein, das geht doch nur, wenn sich jemand anderer um das kümmert, was du brauchst. Er jedenfalls kümmert sich nicht mehr, und du musst wieder sehen, wo du bleibst und streust eben keine Rosenblätter. Schon eher Nägel. Reißzwecken. Immer, wenn's ihn schmerzt, kehrt das Leben funkenweise in dich zurück. Dass du ihn kränken musst, um dich selbst aus der Liebeskummerscheiße zu ziehen. Erbärmlich wohltuend. Du willst gar nicht jammern. Wer will schon jammern? Nix Junimond. Winter war's, als er dich rumgekriegt hat. Als Schluss war auch. Und nun ist es eben vorbei, bye, bye, und so weiter. Vorbei, vorbei, er kann dich mal.

Such dir irgendwen. Schlaf mit irgendwem. Quäl irgendwen. Hauptsache nicht mehr dich selbst. Irgendwen wirst du doch scharf finden. Los, gib dir Mühe. Der Typ da drüben an der Bar, schaut der rüber? Der schaut doch rüber. Den kannst du abschleppen. Na gut, der muss es vielleicht doch nicht sein. Scheiß drauf! Bist wieder zu dir selbst mutiert. Bist die letzte arme Sau, verlassen, trübsinnig, entstellt. So ist sie die scheiß Liebe. Entstellt dich. Wenn sie kommt, glaubst du diesen Eso-Blödsinn vom wahren Ich. Wenn sie geht, glaubst du nichts mehr. Schon gar nicht an die Liebe. Und wenn du nicht mehr an sie glaubst, wird sie mächtig. Sie martert dich, und wenn du schläfst, träumst du von ihm und wenn du wach bist, denkst du an ihn und wenn du duschst, sehnst du dich nach ihm und wenn du kochst, vergiftest du ihn. Und wenn er dann stirbt, rettest du ihn. Vielleicht.

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