Literatur-Nachrichten

Geschmacksverstärker

Von Andreas Gelbhaar

Ein stummes Arbeiten, nebeneinander, routiniert. Beider Handgriffe gehen zielgerichtet und präzise zu dem jeweiligen Teil. Kein Fehlgriff auch nur ansatzweise. Sie nimmt die Teller, er das Besteck. Sie dann die Gläser, er wie immer die darunter liegenden Untersetzer aus Kork. Das Körbchen für Brot ist wieder ihre Aufgabe, während er sich der Sauciere annimmt. So geht es weiter. Sie die Karaffe, er die Sets. Immer noch kein Wort zwischen ihnen. Beide versehen ihre Tätigkeit so beflissentlich, als wollte der eine dem anderen etwas beweisen. Doch dem ist nicht so. Vielleicht war dem am Anfang ihrer Ehe so, so wie es wahrscheinlich am Anfang einer jeden Beziehung ist- dieses Sich-beweisen-müssen.

Ich beweise dir, dass du mich verdient hast.

Ich beweise dir, dass du eine gute Wahl getroffen hast.

Ich beweise dir, dass ich dir ebenbürtig bin.

Ich beweise es dir schon!

Dieses Stadium haben sie lange überwunden.

Jetzt, an diesem noch nicht einmal sehr späten Abend, muss diesem stummen, flinken (nicht hastig), auf Arbeitsteilung beruhenden Abräumen des Tisches etwas anderes zugrunde liegen.

Der Grund bei beiden recht banal. So banal ein Grund sein kann, wenn nach einem gemütlichen Essen mit Freunden und nach deren Verabschiedung sich die Eheleute sofort daran machen, den Tisch in den Ursprungszustand zu versetzen.

Herbert würde also sagen, so man ihn denn fragen würde, dass er einfach die Ordnung liebe, die Struktur. Er könne wahrscheinlich nachher  sogar schlecht einschlafen, wenn er wisse, dass dieser Tisch nicht abgeräumt sei. Das sei nichts Klinisches und auch nicht therapierbedürftig. Er liebe einfach eine gewisse Grundordnung, mehr nicht. Und er lasse sich da auch nichts einreden. Und außerdem räume er ja nun nicht alleine den Tisch ab! Sie mache ja schließlich mit! Ja gewiss, er fange damit immer an. Aber doch nur, weil sie immer Gerd und Marion zur Tür geleite und verabschiede. Und überhaupt…Man könne auch ein Problem daraus machen, wo gar keines sei. So oder so ähnlich.

Ihr Grund nun: Sie möchte nicht reden. Oder besser: Sie möchte nicht mit ihm reden. Nicht darüber, warum sie jedes Mal nachdem sie Marion und Gerd verabschiedet haben, wie eingespielte Servicekräfte den Tisch abräumen. Könnten sie nicht einfach…?! Aber eigentlich möchte sie über gar nichts reden. Anders als früher. Früher wollte sie immer reden. Wichtiges und Unwichtiges. Und er wollte auch reden. Sie wollten sich einfach gegenseitig hören, sich des Anderen vergewissern.  

Sie räumt die Salatschüssel vom Tisch, er dafür die Servietten. Natürlich wird er die unbenutzte Serviette von Marion wieder glatt streichen, akkurat falten und ins Schubfach zurücklegen. Wie immer wird es sie verrückt machen. So arm sind wir nun auch nicht, sagte sie schon einmal. Doch er verstand nicht und sah sie nur hilflos an. Am nächsten Tag hatte sie dann das Schubfach geöffnet und die Serviette doch noch weg geworfen. Ein später, stiller Triumph. Vielleicht würde sie es auch morgen wieder tun.

Seltsam, denkt sie jetzt zum x-ten Male, dass sich beim Abräumen des Tisches noch nicht einmal unsere Wege kreuzen. Als hätten wir eine stille Übereinkunft, wer wo lang läuft. Sie überlegt was er wohl tun würde, wenn sie sich ihm in den Weg stellte. Immer wieder. Würde er einen Schritt nach rechts gehen, würde sie einen nach links tun. Und würde er links vorbei wollen, würde sie nach rechts gehen. So wie es einem manchmal auf der Straße mit wildfremden Menschen passiert. Ihr gefällt der Gedanke. Doch dann tut sie es doch nicht, weil sie weiß, dass ihr nur der Gedanke gefällt. Er würde nicht darüber lachen können. Bestenfalls schmunzeln. Und auch sie möchte nicht lachen.

Es ist immer wieder schön, sagt er, und versucht herunter gelaufenes Kerzenwachs vom Tisch zu kratzen.

Was ist immer wieder schön, fragt sie scheinheilig und wie nebenbei.

Na, was schon? Es ist immer wieder schön, wenn Gerd und Marion zu Besuch kommen, sagt er.

Das Kratzen seines Fingernagels auf der Glasplatte macht sie auch verrückt.

Findest du, sagt sie und schaut dabei aus dem Fenster in den Garten, der jetzt, um diese Jahreszeit traurig und verloren aussieht. Von beiden letzte Woche winterfest gemacht, hat der Garten etwas Endgültiges. Auch da, denkt sie jetzt, beim Laub harken, umgraben, Blumenzwiebeln aus der Erde holen, Gartenmöbel in den Schuppen stellen usw. war fast den gesamten Vormittag kein Wort zwischen ihnen gefallen. Sieht man einmal von den Hilfegesuchen des jeweils anderen ab- bringst du bitte den Spaten aus dem Schuppen mit, fasst du mal an der Gartenbank mit an…Nur ein Mal waren sie sich überhaupt näher gekommen. Sie kniete gerade in einem Beet und holte Tulpenzwiebeln aus der Erde. Er schlich sich von hinten an sie heran und machte kopulierende Bewegungen. Es sollte wohl ein Scherz sein. Doch sie war zu sehr erschrocken, als dass sie sofort darüber lachen konnte. Sie stieß ihn unsanft vor die Brust und erst mit einem zeitlichen Sicherheitsabstand von ein paar Minuten lachte sie doch noch. Aber da war er schon wieder in der anderen Ecke des Gartens und bugsierte den Grill unter die Abdeckhaube.

Mist, sagt er und steckt seinen Finger in den Mund.

Was ist, fragt sie und ahnt es doch schon.

Abgebrochen…mein Fingernagel. Scheiß Kerzenwachs, sagt er.

Es freut sie ein wenig.

Ich finde, sagt sie, dass es immer langweiliger mit Gerd und Marion wird und dass wir mal eine Pause, eine Auszeit bräuchten. Zwei Mal im Monat, immer im Wechsel, diese Besuche. Das hält doch keiner aus! Man hat sich ja schon nichts mehr zu erzählen und wenn doch, kennt man es eh schon.  

Er lutscht immer noch an seinem Finger. Dann kramt er in dem Schubfach nach einer Schere.

Links, sagt sie nur und sammelt in ihrer hohlen Hand den zerbröselten Kerzenwachs vom Tisch.

Es gibt nichts widerlicheres, als einen abgebrochenen Fingernagel, sagt er und schneidet umständlich an dem Nagel herum. Dann hält er inne und scheint zu überlegen. Sie sieht es aus den Augenwinkeln.

Was erwartest du, sagt er und schneidet jetzt auch noch gleich die restlichen Fingernägel seiner rechten Hand.

Schlagartig beschleunigt sich ihr Puls. Hitze kriecht in ihr hoch und legt sich als rote Flecken auf ihren Hals. Sie hat Mühe ihre hohle Hand, in der sich immer noch die Kerzenwachsbrösel befinden, ruhig zu halten. Sie muss sich an die Wand lehnen und möchte jetzt weinen. Es braucht eine Zeit, bis sie sich wieder etwas beruhigt hat. Sie weiß nicht, ob er auf eine Antwort wartet.

Was ich erwarte, wiederholt sie leise. Meinst du…?

Er geht in die Küche und wirft seine abgeschnittenen Fingernägel in den Abfalleimer.

Na ja, ich meine…, ruft er aus der Küche, wenn man sich so lange kennt wie wir Marion und Gerd. So ist das eben! Ich gehe schon hoch, sagt er dann, kommst du?

Er geht die Treppe hoch und verschwindet im Bad. Sie hört wie er uriniert. Es ist ein sattes, schaumiges Geräusch. Die Kerzenwachsbrösel legt sie wieder zurück auf den Tisch. Sie kann sie jetzt nicht in den Abfalleimer werfen, weil sie Angst hat sich übergeben zu müssen, wenn sie seine abgeschnittenen Fingernägel darinnen sieht. Sie schaut sich um. Das Zimmer sieht aus, als hätten sie nie Besuch gehabt. Nur die Kerzenwachsbrösel liegen noch als letzter Protest auf dem Tisch.     

Auf dem Herd in der Küche stehen noch zwei benutzte Töpfe und zeugen vom Kochen. Alles andere ist schon im Geschirrspüler verschwunden.

Sie schneidet sich ein Stück Baguette ab und tunkt es in die Soße. Sie hat keinen Hunger. Es ist nur eine Handlung, mehr nicht. Ihre Hände sollen sie ablenken. Denn in Gedanken wiederholt sie seine Frage von vorhin: Was erwartest du? Wieder beschleunigt sich ihr Puls. Doch dieses Mal ist es anders als vorhin, nicht so schlagartig, abrupt. Es ist eher ein Anschwellen, langsam aber stetig. Als gäbe es in ihrer Körpermitte ein Epizentrum, das unaufhörlich dem Pochen in ihren Schläfen neue Wellen zuführt und mit jeder dieser Welle kommt auch ein Was erwartest du in ihrem Denken an.

Was erwartest du? Was erwartest du?

Die Frage macht sie sprachlos vor sich selbst. Und wütend. Und noch wütender macht sie, dass sie darauf keine Antwort weiß. Sie kann nur vage sagen, was sie nicht erwartet. Und sie kann dieses Gefühl benennen. Dieses taube, abgestandene, schale Gefühl, welches jetzt neuerdings immer in ihr ist. Es ist unabhängig davon, was sie gerade macht oder denkt. Es ist einfach immer da. Manchmal glaubt sie es sogar zu schmecken. Vor allem wenn sie nachts wach wird, glaubt sie das. Dann schreckt sie hoch, wie aus einem Albtraum. Doch sie träumte nicht. Sie ist einfach sofort wach, ohne Aufwachphase. Sofort ganz klar im Kopf. Aber sofort ist auch dieses Gefühl da und mit ihm dieser Geschmack nach Stillstand und Traurigkeit und Trostlosigkeit. Meistens geht sie dann ins Badezimmer, wäscht sich das Gesicht mit kaltem Wasser und spült sich den Mund aus. Aber auch das hilft nicht. Gefühl und Geschmack werden von irgendwo anders her genährt, unaufhörlich.

Neulich wollte sie schon mit ihm reden. Wollte ihm sagen, dass da irgendwas nicht mehr stimmt- mit ihr, mit ihnen, mit dem Leben, keine Ahnung, irgendwas. Ja, vielleicht auch mit dem Universum. Vielleicht hätte sie ihm gesagt, dass alles so aufgeräumt, so rein, so sauber ist. Nein, und sie meine nicht das Haus oder den Garten, verdammt. Doch so wie er ist, hätte er es klipp und klar wissen wollen. Was meinst du denn, was?! Wahrscheinlich hätte er sogar gesagt: Mach dich doch nicht lächerlich!

Sie steht immer noch in der Küche. Sie hört, wie er sich oben ins Bett fallen lässt und dabei ein wohliges Geräusch von sich gibt. Er wird gleich eingeschlafen sein. So lange will sie noch warten. Jetzt geht sie ins Wohnzimmer und mit einer Handbewegung wischt sie die Kerzenwachsbrösel vom Tisch. Sie verschwinden fast vollständig in den Schlaufen des Teppichs. Er wird sie nicht bemerken und das freut sie.

Dann geht auch sie nach oben.

Nachher im Bett wird sie sich selbst über den Arm streicheln.

Das hilft immer etwas.

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