Literatur-Nachrichten

Die Geschichte vom Getüm, seinem Kind und von den vielen Kleinen

Von Birgit Alfmeier

Die Geschichte vom Getüm, seinem Kind und von den vielen Kleinen

Es war einmal ein Getüm. Das war vor vielen, vielen hundert oder tausend Jahren. Es war groß und grün mit Locken. Vielleicht war es auch ein bisschen gefährlich, aber das wusste es selbst nicht so genau. Denn es lebte zu einer Zeit, als vieles noch sehr groß war, aber kaum jemand davor Angst hatte. Am liebsten lag es nur so rum. Es hängte dann ein Schild raus: Bitte nicht stören, bin heute eigentümlich. Dann kam keiner, nicht mal ein Kleiner.

Die Kleinen waren viele, lebten in Rudeln, aber ohne Anführer. Sie orientierten sich immer am Lustigsten von ihnen, dann gab´s keinen Ärger. Sie waren gänzlich haarlos und hatten zierliche Schuppen wie rötliche Karomuster. Man hätte sie nie Winzlinge oder so genannt. Dazu waren sie alle viel zu wild. Genauso wenig sagte man zu dem Riesengetüm Ungetüm. Das Getüm und die Kleinen spielten gern Räuber und Gendarm. Es hätte auch König und Untertanen heißen können, denn das Getüm hatte immer die Oberhand, nur dass die Kleinen gar nicht wussten, was Untertanen sind. Vielleicht wussten sie aber auch nicht so genau, was Gendarmen sind; denn hätten sie sich sonst immer mit so viel Gekicher einbuchten lassen?

Nun geschah es, dass das Getüm auf ein Kind traf. Es war am Waldrand im Vorgarten einer Siedlung. Das Kind selbst konnte niemanden treffen, denn es befand sich in einem Laufgitter. Diese Bezeichnung war vollkommen unpassend, denn es konnte gar nicht laufen. Aber es konnte prima krabbeln und das wahnsinnig schnell. Es hätte also durchaus seinerseits das Getüm treffen können, wenn man es nicht hinter dieses Gitter gesteckt hätte.

Anfangs verbarg sich das Getüm noch hinter einem Hortensiengebüsch – so gut es halt ging. Es wollte das Kind nicht erschrecken. Aber so einen trostlosen Anblick ertrug das Getüm nicht lange: krabbelt hin, krabbelt her, krabbelt einmal im Karree – herrje. „Wort“ rief das Getüm und grinste, denn es hatte gehört, dass Menschen, einander gern ein freundliches Wort sagen. Da lachte das Kind – froh, dass überhaupt einer zu ihm sprach.

Das Kind hieß G. Töse – so war es zumindest aufgestickt. Es krabbelte zum Geländer, das Getüm auch. G. Töse zieht sich hoch, das Getüm beugt sich runter. Und dann geschieht es: G. Töse greift in die dicken Locken des Getüms, hält sich fest und als sich das Getüm wieder aufrichtet, hält es sich immer noch fest. Das Getüm denkt völlig zu Recht: Es freut sich, es packt mich, denn es mag mich. Das war schön und blieb auch so für ganz lange Zeit.

Das Getüm zog mit dem Kind, welches immer zufrieden im grünen Riesenlockenschopf saß, krabbelte oder lag, zurück in die Wälder. Ihm gefiel das viele Grün und es begann zu dichten. Immer wenn Getüm grinsend „Wort“ zu ihm sagte, antwortete es kreischend oder quietschend: „Mord – Sport – Lord“ oder sogar zweisilbig: „Abort – Akkord – gechlort“. Das gefiel auch den Kleinen gut. Denn beim Spielen konnten sie immer schon am Kindergeschrei erkennen, wo sich das Getüm gerade versteckt hatte – lange bevor es sie anzugreifen versuchte. Die Kleinen umzingelten ihrerseits das Getüm, banden es vorsichtig fest, kitzelten das Kind, bis sie vor Lachen nicht mehr konnten und aufgeben mussten.

Sie nannten das Kind mittlerweile Mords-G.-Töse, weil all seine vielen Dichtungen mit Mord begannen – und schließlich hatten sie mit ihm einen Mords-Spaß.

Nur das Getüm haderte mit dem Lauf der Dinge: „Wir müssen die Kleinen überlisten“, sagte es nachdenklich zum Kind. „Schau, es gelingt mir nicht mehr, sie gefangen zu nehmen, weil sie immer schon wissen, wo wir sind. Aber wir müssen rechtzeitig, bevor du lachst, wissen, wo die sind, damit ich mich über sie stülpen kann.“ Das Kind war soweit einverstanden. „Wenn du ihnen Witze erzählen könntest, würden sie sich wegschmeißen vor Lachen und ich hätte sie alle in einem Schwung unterjocht.

Aber das Kind kannte von früher nur einen kleinen, witzigen, platten Spruch, und der ging so:

Sacht n Dicker taun Dünnen

Wo is bidi boven un wo ünnen?

Da lachte, obwohl es ihn nicht ganz verstand (wegen der Fremdwörter) das freundliche Getüm laut auf, und da es ja nicht nur nett, sondern auch klug war, vermutete es, so würden es auch die Kleinen tun. Und richtig: Beim ersten Versuch gleich kullerten diese vor Vergnügen durcheinander. Es war ein Leichtes fürs Getüm, sie alle unter sich einzubuchten. Das machte dem Kind solchen Spaß, dass es immer neue Verse erfand und sogar das Getüm dichtete mit und war sehr geschickt beim Komponieren der Wörter und Finden des Reimes.

Sacht n Kicker taun Schiri

Wo ist bidi Popo un wo Piripiri?

                                                                Reim vom Getüm gefunden

Sacht n Snicker taun Mars

Biste noch frisch oder all Aas?



Sacht n Ficker taun Kicker

Use Weiber wern jümmer dicker

                                                                Reim vom Getüm gefunden

Sacht der Blinde, wenn eck di finde:

Denn is wat lous, min leive Gerlinde!

Nun hatten die Kleinen ein lustiges Leben. Sie waren längst nicht mehr kariert, sondern vor Lachen ganz scheckig geworden. Wenn das Getüm sie mal wieder übermannt hatte, warteten sie, bis sie sich ausgelacht hatten, und flutschten dann unter den flatternden Rändern des Getüms vorsichtig hindurch – auf und davon. Das gutmütige Getüm war im Grunde ganz froh, wieder hohl zu sein und wurde jetzt auch immer öfter eigentümlich. Mit der Zeit machte das wiederum dem Kind Sorgen: Es sprach dann leise mit den Kleinen und bat sie, doch einen weitläufigen Lattenzaum ringsherum zu errichten, damit das Getüm nicht einmal versehentlich verloren gehe.

Es selbst – damals nur noch seltener (meist nachts) in dessen Locken ansässig – hätte das Getüm zwar anleinen und gängeln können, genierte sich aber, so streng zu sein.

Den Kleinen war das so ganz recht. Sie waren ja geschickt und so viele. Ratzfatz wurden sie mit dem Bau eines weitläufigen Geheges fertig, dessen Grenzen nie von dem Getüm erreicht, und wenn doch, dann nicht erkannt worden wären. Ihre Arbeit taten die Kleinen auch gern, da sie wohl zu schätzen wussten, dass das Getüm seine große Kraft und Masse nie wirklich ausgelotet hatte. Denn dann wären sie ganz fix schwarz geworden, schwarz gescheckt oder schwarz kariert - egal, jedenfalls sehr schnell oder ganz langsam vergangen. Ob das Getüm das ahnte?

Es sagte einfach: „Nun wart ihr lange genug von mir übermannt (oder hieß es übermantelt?), nun haut man ab. Ich spüre schon wieder das leise Nahen einer Eigentümlichkeit.“ Und auch dem Kind war jetzt manchmal etwas besinnlich zumute. Das letzte Wort ihrer gemeinsamen Dichtungen ging ihm nicht aus dem Kopf: Gerlinde.

Ihm war, als könne das sein Name, die Erklärung für „G.“ sein.

Das Getüm nahm mit der Zeit an Umfang etwas ab. Die Kleinen ihrerseits wurden zwar nicht größer, aber geistig reger. Nach Ende ihrer Bauarbeiten berieten sie sich über ihre nächsten Ziele und da waren sich alle einig: Gedichte reimen. Schließlich war es das, was ihnen am meisten gefiel auf der Welt.

Sie beantragten bei Mords-G.-Töse eine regelmäßige Sprechstunde mit etwas Reimhilfe am Nachmittag. Damit war auch das Kind zufrieden. Hauptsache, sie waren so leise, dass sie das Getüm nicht beim Herumliegen störten. Doch kaum baten die Kleinen um Hilfe bei ihrem ersten Vierzeiler-Entwurf, da flippte es so laut aus, sozusagen mit Mordsgetöse.

Gieß mir ein hinter die Binde

Heute Abend unter Gerlinde

Wenn ich sie finde

Die alte Schwarzbrotrinde

„Ihr Zwergspinner, wisst ihr denn überhaupt, was Gerlinde ist?“ „Klar, so ’n alter Baum dahinten mit den hellgrünen Blättern dran“, meinten sie. Dann klärte das Kind sie auf, und zwar über den Unterschied von Linde und Gerlinde und auch darüber, dass sein Buchstabe G höchstwahrscheinlich für Gerlinde stehe. Es war ein großes Raunen im Walde zu hören: So ’n schöner Name aber auch, fast schöner noch als Mords-G.-Töse, und außerdem ein richtiger Mädchenname, wie angenehm! Sogar das Getüm erwachte und trug ganz aufgeregt etwas bei zu dem Jubel, nämlich: „Und ich hab’s als erster gefunden, das Gerlinde! Wart, ich taufe dich.“ Und es übergoss sich schwungvoll mit Wasser, so dass unterm Haardickicht auch das Kind benetzt wurde. Die Kleinen niesten alle durcheinander und in dem Tumult wurde der Taufname durchs Getüm leicht abgewandelt: Es sang nämlich ganz laut und schnell:

Ich hab dich apportiert.

Ich raufe mich, ich taufe dich mit Vor-

und Nachnamen hinter sich:

gedoppelt und gemoppelt

Auf Mords-Gerlinde Getüm-Getöse

Nun freuten sich alle, was das Kind für gewaltige Doppelnamen bekommen hatte. Es lebte vierfach hoch, wurde viermal hochgeworfen und blieb noch vier Jahrhunderte beim Getüm, noch oft in seinem Schopf, bis das seine Haare verlor und zu schwächeln begann.

Mords-Gerlinde wickelte das Getüm in eine große wollene Decke, legte es ganz vorsichtig in einen alten Bollerwagen und zog mit ihm wie gewohnt durch die Wälder. Und Mords-Gerlinde kam mit ihm weit herum. An das Gefühl, eingesperrt zu sein wie im Laufstall, konnte sie sich selbst kaum noch erinnern. Sie sang meist vor sich hin – am liebsten mit Reim.

Der Specht, nicht schlecht – kein Hecht, doch echt.

Ja, alles ließ eben nach: die Größe, die Kraft und selbst die Dichtung.

Die Kleinen allerdings kamen groß raus mit ihren Dichtungen. Auch für andere bereiteten sie Ansprachen vor und sogar Grabinschriften erdachten sie – für das Getüm z.B. folgende:

Du warst uralt und weise

Und jetzt da bist du leise.

Und für Mords-Gerlinde (aber das durfte sie noch nicht wissen) sollte einmal die letzte Inschrift lauten:

Es legen

Mords-Gerlinde, der Süßen

im Regen

die Kleinen

ihre Dichtung zu Füßen

und weinen.

Das war dichterisch die ganz hohe Schule (allein das Reimschema AB, AC, BC – sehr komplexe Angelegenheit), zeugte aber auch inhaltlich von großer Weitsicht: Dass an Gerlindes frischem Grab der Himmel weint – darin waren sich alle Kleinen einig, doch wie gesagt: ist noch geheim.

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