Literatur-Nachrichten

Single Malt

Von Britte Soedersen

Der Hafen von Magordon auf Nodor ragt flach in den Atlantik. Er verbindet die Insel mit dem Festland und den umliegenden Inseln. Jenseits von Autobahnen und Warenhäusern liegt sie eingepfercht vom Wasser in stiller Abgeschiedenheit. Die Restricted Area des Hafengebäudes, über das Aaron, der Hafenmeister, wacht  öffnet einmal in der Woche ihre Türen. Reisende kommen oder gehen mit der Fähre, die an jedem Freitag die Insel anläuft. Auch die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe, die Nodor anlaufen, müssen durch die Restricted Area und an Aarons wachsamen Augen vorbei. Die Kreuzfahrtschiffe sind die Haupteinnahmequelle der Inselbewohner. Den Touristen sitzt das Geld locker in der Tasche, und sie kaufen rauen, schottischen Tweed zum doppelten Preis. Sie kommen gerne nach Magordon, wo es   fruchtigen Whiskey in einer Destillerie, die weit über die Inselgrenze bekannt ist, zu kaufen gibt. Neben Aaron wacht Kyle, der Polizist, über die Insel. Das Postauto braucht einen ganzen Tag, um von den weißen Häusern der Hafenstrasse bis zum entlegenen Gehöft der Mc Leouds zu gelangen.

„Wann kommen Sie?“, fragt Kyle. Das Petroleum, dass er in seinen Kanister füllt, riecht abgestanden.

„Um 10.00 Uhr“, antwortet Aaron, der den Petroleumverkauf im Restricted Area betreibt.

„Den McLeouds fehlt ein Schaf, es hat sich wohl in die Berge verirrt.“

„Soll wohl so sein“, antwortet Aaron und dreht den Zapfhahn der Tanksäule zu.

Um 08.00 Uhr schließt Emma die Tür zu den Verkaufsräumen der Destillerie auf. Emma schenkt im Verkaufsraum die Probeverkostung an die Touristen aus. Weil Chris geizig ist, sind die Verkostungsgläser von Jahr zu Jahr kleiner geworden. Tag für Tag lässt Emma den Ärger der Touristen über sich ergehen. Bevor sie eines der alten, großen Gläser zur Verkostung füllt, muss sie 2,50 Pfund verlangen, so hat es Chris nach dem Tod seines Vaters bestimmt. Emmas Gesicht ist über die Jahre grau geworden, der Blick starr nach unten gesenkt. Wenn sie nicht das monatliche Gehalt für ihr Haus und ihren Rosengarten brauchen würde, sie würde nicht mehr in die Probierstube gehen.

Draußen lärmen Raben. Als sie die Stimme der Radiosprecherin übertönen, zieht Emma ihre orangene Perlmusterstrickjacke an, schlüpft in gelbe Gummistiefel und stapft über das Kopfsteinpflaster, vorbei an den Destillierhallen, zum Ende des Fabrikplatzes.

Dort lagern die Holzfässer für die nächste Abfüllung und das Grau des Kopfsteinpflasters geht in das Blau des Atlantiks über. Auf der linken Seite liegen Eichen-, auf der rechten Portwein- und Südweinfässer. Das Holz bestimmt den Geschmack des Whiskeys. Nach fünf oder zehn Jahren ist aus einer stinkenden Gärbrühe honig- oder bernsteinfarbener Whiskey geworden. Für Chris Spezialabfüllung sucht der Lagermeister selbst die Fässer aus, damit sie nach der Reife auch die honiggelbe Farbe annimmt.

Als Emma das Ende des Platzes erreicht, entdeckt sie die Beine eines Menschen, die reglos auf dem Kopfsteinpflaster liegen. Die Füße stecken in derben Arbeitsschuhen hüftaufwärts liegt der Körper in einem Südweinfass. Zwei Krähen sitzen auf dem Rand der Holztonne, die umgestürzt auf dem Pflaster liegt. Hier haben sie ihn also abgelegt, denkt Emma, als sie beim Näherkommen das Olivgrün von Chris Parkajacke erkennt. Sie packt ihn an den Beinen und zieht mit aller Kraft.

Als der Leichenwagen abgefahren ist und Kyle, der Inselpolizist, seine Fragen gestellt hat, geht Emma in den Verkaufsraum zurück. Sie hängt ihre Strickjacke an einen Haken, und gießt sich ein großes Glas aus der   Spezialabfüllung ein. Der Brand läuft ihre Kehle herunter, für einen Augenblick badet ihr Zunge in süßem Honig.

McLeoud und Emma hatten gewartet, bis die Temperatur im Gärkessel 90 Grad erreicht hatte, dann gaben sie Aaron das Zeichen. Der stieß Chris durch das runde Loch in den Gärkessel, sein Körper verschwand unter dem Gärschaum. Als sie die Flüssigkeit abließen, schimmerte sein Körper silbrig wie eine Heringshaut. Sie zogen ihn mit Enterhaken herauf.  

Emma klettert die Trittleiter herauf und sucht nach den großen Whiskeygläsern, die sie früher zur Verkostung genommen hat.   Sie poliert Glas für Glas und stellt sie in einer langen Reihe auf den glänzenden Kirschbaumtresen. Die schwarze Schrift „Single Malt“ auf den dickwandigen Gläsern zeigt in den Schankraum. Dann gießt sie die Gläser randvoll und schaltet die Beleuchtung ein, der Single Malt strahlt goldgelb in den Gläsern. Lächelnd öffnet sie den ersten Besuchern die Tür.

Kyle hatte das Schaf, mit einem verletzten Huf zwischen zwei Felsen gefunden. Als er mit seinem Van auf den Hofplatz der McLeouds fährt, steht die Sonne auf 13.00 Uhr. McLeoud tritt aus der Stalltür. Gemeinsam hieven sie das Tier von der Ladefläche.  

„Heute Nachmittag?“. McLeoud nickt. „Heute Nachmittag“.

Kyle fährt mit seinem Polizeiwagen Richtung Hafen. Der Bestatter wird seine Arbeit erledigen, denkt er. Bald kann er seine Ermittlungen einstellen, ein Schaf ist schließlich leichter zu finden, als ein Mörder auf Magordon.

Am Hafen kontrolliert Aaron die Bordkarten der Passagiere. Nach dem Besuch der Destillerie werden die Dorfmädchen ihre Tänze zeigen. Bunte Kilts bringen die Augen der Touristen zum Leuchten, dazu spielte er selbst auf dem Dudelsack auf.

Professor Klein aus dem forensischen Institut der Hamburger Universität sitzt abseits der anderen Schiffspassagiere. Er findet keinen Gefallen an dem, was allen Anderen gefällt. Auf dem Schiff gilt er als seltsamer Kauz. Während die anderen tanzen, sitzt er hinten am Heck, in einem der  Bordstühle und starrt in den Abendhimmel. Die Reise durch den Atlantik, die sich das Kollegium zu seinem Abschied ausgedacht hat, langweilt ihn.

Während die Anderen mit dem Bus über die Insel fahren und von einem Fotostopp zum nächsten jagen, spaziert er durch Magordon, besucht die Kirche in der Dorfmitte, isst am Hafen  Fisch und beobachtet die Fischer beim Flicken ihrer Hummerkörbe. Auf einen Spazierstock gestützt wandert er weiter und findet sich spät am Nachmittag am Dorfrand auf dem Friedhof ein.

Der Friedhof wird von einer roten Backsteinmauer umfriedet. Vor den Grabsteinen blühen Rosenbüsche und Kamelien, viele Inschriften sind kaum noch zu entziffern. Andere in Stein gemeißelte Zeilen, erzählen die Geschichte einer ganzen Familie. Ein frisch aufgeworfener Erdhügel weckt Kleins Interesse. Das Grab scheint gerade erst verschlossen zu sein, noch liegt der Geruch der frischen Erde in der Luft. Neugierig furcht Klein mit seinem Spazierstock in der lockeren Erde herum. Als er einen Widerstand spürt, kniet er nieder und schaufelt mit den Händen die Erde zur Seite. Er gräbt solange, bis er auf Beton stößt. „Single Malt“, in ungelenker Schrift sind die Worte in den Beton gekratzt. Gedankenverloren klopft Klein Erde von seiner Hose. Als er das Friedhofstor hinter sich schließt, fliegt ein Rabe auf und läßt sich auf dem frischen Erdhügel nieder. Neben dem Friedhofseingang findet er frische Betonspuren. Unschlüssig verweilt er kurz, das Schiff legt um 18.00 Uhr ab, ihm bleibt nur noch eine Stunde.

Am Hafen angekommen blickt er sich suchend um. Neben dem Eingang eines Pubs entdeckt er ein Schild. Rostige Ketten halten das Emailleschild mit der verblassten Aufschrift „Single Malt“. Neugierig folgt er dem Schild und betritt den Innenraum des Pubs. An einem groben Holztisch sitzt der Hafenmeister, neben ihm ein Uniformierter. Beiden gegenüber hockt ein schottischer Bauer mit hünenhafter Gestalt, daneben eine Dame mit weißem Haar und einer orangefarbenen Strickjacke. Als er den Uniformierten, der sich als Inselpolizist vorstellt, um eine Unterredung bittet, erstirbt das Gespräch der Runde.

Kyle und Aaron haben dem Kapitän versichert, sofort Nachricht zu geben, wenn sie den fehlenden Passagier, Prof. Klein, finden. Das Kreuzfahrtschiff verlässt mit einstündiger Verspätung den Hafen.

Spät am Abend tauchen die Scheinwerfer von McLeouds Van die schroffen Felsen der Küste in schwaches Licht. Hier fallen die Felswände der Klippen senkrecht ins Meer. Ein unbedachter Schritt und dem Spaziergänger wird der weiße Sandstrand zum Grab.  

Die Treppe des alten Leuchtturms ächzt unter den Schritten der Männer. Oben, in der Kuppel, bietet das Meer den Männern seine freie Flanke. Ihre Blicke streifen über die endlose Weite des Atlantiks, dessen Wellen sich an den Felswänden brechen. Unterdessen heizt Emma im Haus des Leuchtturmwärters den Ofen an und bezieht das Bettzeug, das McLeoud gestiftet hat, mit frisch gestärktem Leinen. Zum Schluss wischt sie über die Wachstuchdecke des Küchentischs und stellt eine Flasche Single Malt darauf.

Klein sitzt in der Kuppel des Leuchtturms auf einem Holzstuhl und betrachtet den Sternenhimmel. Die Milchstraße ist heute ungewöhnlich klar zu sehen. Die Anderen sind gegangen und haben ihn  zurück gelassen, bis morgen Mittag, dann kommen sie wieder. Ihr Angebot ist bestechend klar: Einmal in der Woche fangfrischer Fisch, Fleisch von McLeouds Schafen, Holz für den Ofen, Single Malt, soviel er will. Den alten Leuchtturm und das Haus des Leuchtturmwärters geben sie dazu. Klein beobachtet den Sternenhimmel. Würde denn das Universum schweigen?

Am nächsten Morgen bricht er zu einer Wanderung über die Nordhälfte der Insel auf. Peitschend trifft das Meer auf schroffe Klippen, die die Wellen in weiße Gischt brechen. Das Tosen der Bucht versetzt ihn in eine sonderbare Stimmung. Bedächtig setzt er einen Fuß vor den anderen, ein Schritt folgt auf den nächsten, auf sanften, grasbewachsenen Hügeln weiden Schafe.

Um die Mittagszeit legt er Holzscheite in den Ofen und betrachtet die Feuerzungen, die das Holz verzehren.Er kocht Tee, öffnet die Flasche Single Malt, gießt fünf Gläser voll bis zum Rand und setzt sich wartend vor das Haus.

Als McLeouds Van auf der Küstenstraße erscheint, ist er entschieden. Das Universum wird schweigen, so wie er, der nur mit einem Spediteur in Hamburg telefonieren muss, um Bücher und Mobiliar packen und nach Magordon verschiffen zu lassen.

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