Literatur-Nachrichten

Idrissou

Von Frank Schliedermann

„Go! Go! Go“, brüllen die Männer in Uniform. Die Läufe ihrer Maschinengewehre
deuten hinaus aufs offene Meer. Auf einen dunklen, schwankenden Fleck im
gleißenden Mondlicht, das auf der glatten Wasseroberfläche zerläuft wie ausgelassene
Butter. „Go! Go! Go!“ Dürre Gestalten huschen über den Strand. Sie tragen
Daunenjacken, Kaftane, Ronaldo-Trikots. Idrissou ist ins Stolpern geraten. Er hat
einen Schuh verloren. Der Sand ist noch warm. „Go! Go! Go!“ Idrissou rappelt sich
wieder auf. Alles rennt durcheinander. Wasser platscht. Die Schritte werden schwerer.
Da ist das Boot! Idrissou kann sein Glück kaum fassen. Da ist tatsächlich ein Boot!
Wie die Männer gesagt haben. Idrissou hat schon nicht mehr daran geglaubt. Vier
Monate ist er unterwegs. Immer haben sie gesagt, es kommt ein Boot. Und jetzt ist es
da. Aber ist es nicht viel zu klein? Es hat bereits Schlagseite. Idrissou dreht sich um.
All die Menschen, die noch hinter ihm sind, all die verschwitzten Gesichter. Sie
scheinen genauso enttäuscht wie er.

Ein Schiffsmotor heult auf. Ohne zu zögern wirft Idrissou sein Bündel ins Boot und
klettert hinterher. Er hilft einem Jungen, an Bord zu kommen. Dann dessen Vater.
Idrissou reicht ihm seine Hand. Aber der Vater schüttelt den Kopf. „Half Price.“ Er
deutet auf seinen Jungen. „Go! Go! Go!“ Die Männer mit den Gewehren scheuchen
ihn weg, zurück an Land. Das Boot setzt sich in Bewegung. Der Junge streckt seine
Arme nach seinem Vater aus. Schreit wie ein Tier. Er klettert auf den Rand des
Schiffes, will zurück ins schwarze Wasser springen. Aber Idrissou hält ihn zurück.
Hält ihn ganz fest. Der Junge windet sich in seinem Arm, tritt ihm gegen das
Schienbein. Spar dir deine Kraft, denkt Idrissou. Du wirst sie noch brauchen. Erst als
der Strand außer Sichtweite ist, lässt er den Jungen los.

Kurz vor Tagesanbruch gehen die Männer mit den Gewehren von Bord. Ein
dröhnendes Motorboot holt sie ab. „Look for the light!“ sagen sie und lachen. Die
Uniformen sind ihnen viel zu groß. „Europe“, rufen sie immer wieder und zeigen mit
ihren Gewehren in unterschiedliche Richtungen. „Look for the light!“ An Bord gibt es
daraufhin einen Tumult. Alle reden aufgeregt durcheinander. Arabisch, Französisch,
Englisch. Panik klingt in jeder Sprache gleich. Erst nach einer halben Stunde haben
sich alle beruhigt. Haben sich wieder hingesetzt, halten Ausschau nach dem Licht.
Auch Idrissou. Sein Onkel hat ihm von Europa erzählt. Von dem Licht. Man sehe es
schon von Weitem, sagt er jetzt zu dem Jungen neben ihm. Es bringe es den
schwarzen Himmel zum Leuchten. Idrissou ist sich sicher, dass der Junge ihn
versteht. Auch wenn er bloß dasitzt und vor sich hin starrt.

Endlich geht die Sonne auf. Das Boot ist in einem noch schlechteren Zustand, als
Idrissou in der Nacht befürchtet hat. Der Boden ist durchgerostet. Eintretendes
Wasser läuft nicht schnell genug ab. Daher auch die Schlagseite. Außerdem sind viel
zu viele Menschen an Bord. Dicht an dicht hocken sie auf dem feuchten Untergrund.
Familien, Frauen mit ihren Kindern. Idrissou blickt zu dem Jungen und bietet ihm
einen Schluck Wasser an.

Ein kahlköpfiger Mann behauptet, das Boot steuern zu können. Die Richtung zu
kennen. Eine Gruppe von Männern hat sich formiert, um ihn zu beschützen. Sie
nennen ihn „den Kapitän“. Idrissou beschließt, auch dem Jungen einen Namen zu
geben, ihn Mojo zu nennen. Vielleicht bricht das sein eisernes Schweigen. Für die
anderen Passagiere ist der Junge unsichtbar. Die Frauen wiegen ihre eigenen Kinder
im Arm. Teilen ihre Kekse in winzige Krümel. Rationieren das Wasser. Die Männer
brüsten sich mit ihren Zukunftsplänen. Nach Deutschland oder nach Frankreich?
Einen BMW oder lieber einen Mercedes? Mit solchen Fragen halten sie sich bei
Laune. Der Junge hingegen hat noch kein einziges Wort gesagt. Hat noch nicht ein
Mal von seinem Fladenbrot abgebissen.

Wind kommt auf. Gegen Abend schieben sich dunkle Wolken vor den Mond. Das
Boot beginnt zu schaukeln. Wer nicht schwimmen kann, bekommt Panik. Wer
seekrank wird, erbricht das Wenige, das er zu sich genommen hat. Die Wellen ziehen
und zerren an dem alten Kahn. Immer wieder spritzt etwas Gischt über die Bordwand.
Besorgt blicken die Menschen hinauf in den Himmel. Wo ist Europa? Wo ist das
Licht, von dem die Männer mit den Gewehren gesprochen haben? Das der Onkel
damals gesehen hat. Idrissou greift nach der Hand des Jungen. Ob er das auch spüre,
fragt er. Je höher die Wellen schlagen, desto schneller seien sie in Europa. Er werde
schon sehen. Bald hätten sie es geschafft. Der Junge reagiert nicht. Immerhin hat er
inzwischen einen Schluck Wasser getrunken.

Es ist Nacht, als der Motor des Schiffes verstummt. Von einem Moment zum anderen
ist es still. Nur das Rauschen der Wellen ist zu hören. Einige wachen davon auf. Dann
die aufgebrachten Schreie, das Weinen der Frauen. Diese Betrüger! Idrissou sieht zu
dem Jungen. Das könne nur bedeuten, dass sie bald da seien, sagt er. Um den Jungen
zu beruhigen. Zwei Tage, haben die Männer mit den Gewehren gesagt, vielleicht drei.
Die Bedingungen seien günstig. Die See ruhig. Dass sie kein Benzin mehr haben, sei
ein gutes Zeichen, sagt Idrissou und nimmt den Jungen in den Arm. Sicher sähen sie
noch vor dem Morgengrauen das Licht.

Am nächsten Tag ist die Situation angespannt. Die Sonne brennt. Die letzten Kekse
sind zerbröselt, das Wasser wird knapp. Gruppen haben sich gebildet. Die Araber
stehen zusammen, im mittleren Teil des Schiffes. Misstrauisch beäugen sie die
Schwarzen, die deutlich in der Überzahl sind. Es gibt erste Rempeleien. Streit um
Essen, um Wasser, darum, seine Beine auszustrecken. Es wird behauptet, vorn im
Boot habe jemand eine Machete. Idrissou zieht Mojo näher zu sich heran. Warum
sollte jemand eine Machete mit nach Europa nehmen?

Die Nächte sind am Schlimmsten. Kein Platz, kein Schlaf. Und auch kein Licht weit
und breit. Stattdessen nur Dunkelheit, Durst, Angst, Babygeschrei und dieser
furchtbare Gestank. Niemand traut sich noch, seine Notdurft ins Wasser zu
verrichten. Schon gar nicht nachts. Jeder hat Angst, über Bord gestoßen zu werden.
Manchmal sind Schreie im Wasser zu hören. Jeden Morgen werden Menschen
vermisst. Habt ihr Eyong gesehen? Farid? Raoul? Immer werden andere beschuldigt,
die Vorräte unter sich aufgeteilt zu haben. Es wird beschimpft, gedroht, Rache
geschworen. Idrissou macht sich große Sorgen um Mojo. Er isst nichts. Das
Fladenbrot vertrocknet in seinen Händen. Das ist nicht gut. Vor allem die, die selbst
nichts mehr haben, starren den Jungen mit unverhohlener Wut an.

Jeden Morgen geht eine Gruppe von Männern umher. Einer von ihnen hat eine
Machete. Sie beugen ihre Köpfe über die Schlafenden. Über die, die sich nicht mehr
bewegen. Sie werden an Armen und Beinen gepackt und ins Meer geworfen. Andere
springen freiwillig ins Wasser. Zermürbt von der Hitze, von der Angst, von dem
ewigen Geschaukel, stehen sie auf und klettern auf die Bordwand. Niemand versucht
sie aufzuhalten. Es geht ganz schnell. Die meisten können nicht mal schwimmen.
Ein Fisch, ruft jemand. Dann noch jemand. Dann alle. Ein Fisch! Hier im Boot!
Verrückt vor Hunger und Durst starren alle in das trübe Wasser, das ihnen bereits bis
zu den Knöcheln reicht. Auch Idrissou sieht nach unten, glaubt, eine silbrige Haut
zwischen seinen Füßen zu entdecken. Zum Greifen nah. Aber es ist nur eine
Plastiktüte. Er fragt sich, was die anderen mit ihm gemacht hätten, wenn er den Fisch
gefangen hätte. Sie haben ihn schon einmal geschlagen und fast über Bord geworfen.
Wegen eines vertrockneten Fladenbrots.

Nach fast einer Woche hat auch der Kapitän genug. In einem unbeobachteten Moment
muss er seinen Beschützern entwischt sein. Plötzlich steht er neben Idrissou. Seine
Gebete klingen wie ein Kinderreim, als er seinen massigen Körper ins Wasser gleiten
lässt. Der kahle Kopf versinkt wie eine zentnerschwere Last. Die Männer, die ihn
tagelang bedrängt haben, die ihm verbieten wollten, zu schlafen, geben sich gegenseitig
die Schuld. Eine Frau drängt an ihnen vorbei, ruft dem Mann hinterher, fleht ihn an,
zurückzukommen, ihrem Kind zuliebe. Vornüber gebeugt hält sie das schreiende Baby
über die Tiefe. Ihre lackierten Zehen suchen verzweifelt nach Halt.

Idrissou presst die letzten Tropfen Urin in seine Flasche. Das wird kaum reichen,
weder für ihn, noch für Mojo. Er bekommt Angst. Ist er womöglich schon zu schwach,
um sich über den Rand des Schiffs zu hieven? Um selbst zu entscheiden, was mit ihm
geschieht? Um nicht verspeist zu werden von den anderen? Darüber wurde schon
geredet. Er hat es selbst gehört. Die Beine zuerst. Aber was würde dann aus Mojo
werden? Müsste er nicht zuerst den Jungen davor bewahren? Dürfte er das? Könnte
er das?

Hör mir gut zu, Mojo! Die Männer haben gelogen. Dein Vater hat gelogen. Ich habe
gelogen. Es gibt gar kein Licht. Kein Europa. Nicht für uns. Wir werden alle sterben.
Bitte sag etwas! Idrissou versucht sich aufzurichten. Seine Hände umklammern das
Ende der Bordwand. Er will sich hochziehen, schafft es aber nicht. Sein Körper sinkt
gegen den Stahl. Der Tod kündigt sich an. Mit einem tiefen Brummen. Es kommt von
ganz weit her und wird immer lauter. So laut, dass es den Bootsstahl zum Vibrieren
bringt. So laut, dass Idrissou seine eigenen Gebete nicht mehr versteht. Und plötzlich
ist da ein Licht. Ein greller Strahl, direkt über ihm. Kein hell erleuchteter Himmel, wie
der Onkel gesagt hat. Aber immerhin ein Licht. Weitere Lichter werden folgen. Und
weitere Männer mit Gewehren, die „Go! Go! Go!“ brüllen. Aber da hat Idrissou
bereits das Bewusstsein verloren.

Idrissou erwacht im Krankenhaus. In Europa, das weiß er sofort. Alles ist hell
erleuchtet. Weiß, neu und sauber. Eine blonde Schwester steht an seinem Bett. Sie
notiert etwas auf einem Klemmbrett. Als sie bemerkt, dass er wach ist, lächelt sie. Sein
Sohn wolle ihn sehen, sagt sie. Idrissou sieht sie fragend an. Die junge Frau probiert es
in einer anderen Sprache. Sie lächelt erneut. Ihr Sohn, wiederholt sie. Mojo.

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