Literatur-Nachrichten

Kathrin

Von Inge Müller

Im fahlen Licht der Außenbeleuchtung wurde die Glut ihrer Zigarette zu einem roten
Glühwürmchen, das immer wieder auf und ab tanzte. Hin zu ihrem Mund, wo es kurz
verweilte, nur um wieder zu fallen und zu warten, bis es erneut gebraucht wurde.
Er blieb stehen, lehnte sich gegen den Türrahmen und beobachtete sie. Ihre hastige Flucht
hatte ihn nicht überrascht; er hatte es schon erwartet. Doch obwohl er ihr genügend Zeit
gegeben hatte, ihre Koffer zu packen und zu gehen, war sie immer noch hier. Etwas hatte sie
innehalten lassen.
„Du bist verdammt schlecht im Anschleichen“, sagte sie unvermittelt, drehte sich zu ihm
und blies den Rauch in Richtung Hauseingang. „Warst du schon immer.“
Ihre Ohrringe reflektierten das rötliche Schimmern zwischen ihren Fingerspitzen, als sie
erneut an der Zigarette zog.
„Hab es auch gar nicht versucht.“ Er trat hinaus und auf sie zu, aber blieb auf halbem Wege
stehen, unsicher nach unten blickend. Da war Schlamm an ihren Stiefeln, und ihre
Hosenbeine waren hochgekrempelt.
Die erste kühle Nachtbrise zupfte an seiner Kleidung und ließ ihn frösteln. Sie trug ihren
roten Mantel, und für einen Moment wünschte er sich, er könnte sie umarmen und einen
Teil ihrer Wärme stehlen, so wie er es erst gestern Abend getan hatte.
Aus dem Augenwinkel sah er das Glühwürmchen erneut aufleuchten, und er schaute hoch.
Sie legte ihren Kopf in den Nacken und ließ den Rauch gen Himmel aufsteigen.
„Kannst du dich erinnern, als wir damals die Sterne beobachtet haben?“
Er folgte ihrem Blick und glaubte, den großen Wagen zu erkennen. Jener Sommer war in
sein Gedächtnis eingebrannt, und doch waren die Tage zu einem einzigen, großen Abenteuer
verschwommen, aus denen nur wenige Dinge hervorstachen.
Sie hatten Brote und Limonade eingepackt, sich eine Picknickdecke ausgeliehen und waren
zur Waldwiese spaziert, wo sie im Gras lagen bis die Sonne unterging. Und dann noch ein
bisschen länger.
„Du hast mich geküsst.“ Die Berührung war nur so kurz und flüchtig gewesen, ihre Lippen
trocken und rissig von der vielen Sonne, aber sein Herz hatte mit einem Trommelwirbel
geantwortet. Sie hatte gelacht, und er mit ihr, und die Sterne tanzten im selben Rhythmus
wie ihre Finger über seine Haut. Das war ein gutes Gefühl gewesen, und einer der wenigen
Momente, in dem ihm sein Körper nicht wie ein Kleidungsstück vorkam, das an keiner
Stelle richtig passte.
„Ich hab es nie bereut“, stellte sie fest. Das Glühwürmchen näherte sich erneut ihrem
Gesicht und ließ ihre feinen Konturen kurz aufschimmern, doch diesmal folgte ein letzter
Flug in die Dunkelheit, als sie den Rest der Zigarette mit einer geübten Handbewegung
davonschnippste. Sie drehte endlich ihren Kopf zu ihm, und im Halbdunkel glänzten ihre
Augen feucht. „Es hat sich richtig angefühlt.“
Irgendwo tief drin in seiner Brust löste sich ein Knoten aus Angst, und er machte noch einen
weiteren Schritt auf sie zu, trat hinein in den Kreis aus Zigarettenrauch, den sie um sich
gezogen hatte.
„Für mich auch.“ Jene Nacht war stets ein Leuchtfeuer für ihn gewesen, und ihr
Zugeständnis ließ es nun zu einer Supernova werden. „Und jetzt?“
„Jetzt ist alles anders“, sagte sie und schüttelte den Kopf. Die Tränen flossen. „Besonders …
du.“
Er überlegte, zögerte, bevor er vorsichtig seine Hand auf ihre Wange legte und mit dem
Daumen ihre Tränen wegwischte. „Es tut mir Leid, dass ich es dir nicht eher gesagt habe.“
Es war nicht das erste Mal, dass er sich heute für das Spiel, das er in den letzten Monaten
mit ihr getrieben hatte, entschuldigte. Bisher schien sie ihm nicht geglaubt zu haben. Sie
hatte ihn nur angeschrien, und war dann ganz still geworden, bevor sie den Raum verlassen
hatte.
„Und mir tut es Leid, dass ich dich nicht wiedererkannt habe.“ Sie zog ihre Nase hoch, und
plötzlich lachte sie auf. Es klang wie Schluckauf. „Wir sind das alles irgendwie falsch
angegangen, oder?”
„Ja, sind wir“, stimmte er ihr zu, und machte dann einen halben Schritt zurück. Selbst im
Halbdunkel war ihre Verwirrung deutlich in ihrem Gesicht zu erkennen, bevor sie merkte,
dass er ihr die Hand entgegenstreckte.
“Hallo, ich bin Erik, aber vor fast genau zwanzig Jahren war ich mal Kathrin.”
Es fühlte sich albern an, aber vielleicht brauchten sie einfach diese zweite Chance. Sie
schien die angebotene Hand einen Moment zu studieren, bevor sie auf ihn zuging und seine
Hand ergriff.
“Hallo Erik.”
Über ihnen tanzten immer noch dieselben Sterne, und ihre Lippen waren warm und sanft.

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