Literatur-Nachrichten

Mein Nachbar

Von Katja Darssen

Irgendwann musste es passieren, dass er losrennt und seine Wohnungstür offen lässt. Immerzu hat er ein Buch vor der Nase und ohne aufzuschauen nagt er gleichzeitig an einem Apfel. Bestimmt läuft er noch einmal vor ein Auto.

Der geht und steht in seiner eigenen Welt. Das kann doch gefährlich sein.

Doch für mich hat er schon ein paarmal aus seiner Welt aufgeschaut. Mit seinen grünen Augen. Wie von einer Katze sind auch seine Bewegungen. Wahrscheinlich braucht er wie diese Tiere eigentlich niemanden. Schade.

Mit der Hand an seinem Türknauf halte ich inne.

Wenn er einmal seinen Schlüssel drinnen vergessen hat, dann ist es keine Hilfe, ihm die Tür zuzuziehen. Vielleicht steckt der Schlüssel ja von innen? Oder ist mein Nachbar gar zu Hause?

„Herr, ähm. Hallo Herr Reinhardt. Ich bin es, die Greta, Ihre Nachbarin.“

Kein Herr Reinhardt. Kein Schlüssel.

Hat er ihn doch mitgenommen?

Ich kann ja mal auf dem Flurschrank nach dem Schlüssel sehen. Die zwei, drei Schritte in die Wohnung hinein wird er mir wohl verzeihen. Immerhin geschieht das aus reiner Hilfsbereitschaft. Er wird dann hoffentlich ein kleines Dankeschön für seine Nachbarin übrig haben! Auch einen kleinen Plausch?

Was hat der hier in seinem Flur? Ist das überhaupt einer? Bücher. Überall. Bücher in einem großen Regal. Gestapelt auf dem Fußboden. Sicher sind auch welche in den Kisten.

Noch immer Umzugskisten? Er wohnt doch nun schon fast ein Jahr hier.

Bis heute hat er sich niemandem vorgestellt. Wir wohnen in unseren Appartements so dicht beieinander. Wenigstens in unserem Hof hätte er mal die Runde machen können.

Die Schlüssel liegen bestimmt auf den Kisten. Unter der Zeitung?

Notizzettel, Geld, Schraubenzieher, Taschentücher, verklebte Bonbons. Igitt, Ameisen an einem Apfelgriebs.

Kein Schlüssel. Zerknülltes Papier. Ein Heft. Herrje, jetzt ist es mir herunter gefallen. Auch das noch. Es ist gar kein Heft, nur lose Blätter. Ich werde sie schnell aufheben. Was für eine Schrift. Feine, lange Linien fließen zu Buchstaben und Wörtern ineinander. Das Ganze erinnert an eine Zeichnung, ganz und gar nicht an Notizen. So ein Liederjan mit solch einer Schrift? Halte ich gerade eine Art Kunstwerk in den Händen? Ach was. Er hat es im Flur achtlos abgeworfen. So ist er eben. Nur das Genie und so weiter. Doch, wenn ich schon einmal hier bin, sprühe ich schnell Sagrotan auf die Ameisen, dann gehe ich. Die Blätter sollte ich vorher allerdings weglegen sonst verwischt noch die Tinte. Ob er das wirklich geschrieben hat? Ich überfliege es mal kurz:

„Er folgte mir tatsächlich. Ich freute mich darüber. Falls dieses kleine Verb meine Anspannung auszudrücken vermag. Er erkannte die Schale, in der ich die Asche und den Rest einer Zigarette zurückgelassen hatte. Er verstand sofort und bat nun ebenfalls um eine Zigarette, ganz wie ich es erwartet hatte. Seine Aztekenschale aus seinem Museum hatte ich gestohlen und dann zu einem Aschenbecher degradiert. Nun wären wir quitt, sagten seine Augen. Anerkennend nickte er von oben herab. Zu mir hinunter! Er führte die Zigarette zur Schale hin. Wir sagten kein Wort.

Doch ein vor 700 Jahren von welcher Meisterhand auch immer gefertigtes Ding hält keinem Vergleich mit einer Frau stand. Dass er ganz sicher annahm, dass der Diebstahl schon meine Rache war, bewies nur einmal mehr wie formatlos er war. Dachte er wirklich, ich würde Manuela so einfach hergeben?

Diese selbstverliebte Kreatur wäre nie darauf gekommen, über den Inhalt dieser Zigarette nachzudenken. Dass es ihn fügsam machen und dann in Gefahr bringen würde.“

Jetzt hole ich erst einmal irgendetwas, um die Ameisen zu vertreiben. Ich werde meinen Nachbarn fragen, ob ich die Geschichte zu Ende lesen darf.

Hier muss die Küche sein, genau wie in meiner Wohnung. Die Tür klemmt. Ich umschließe die Klinke fest und drücke noch einmal ordentlich nach unten. Schwer und kalt ist sie. Fast theatralisch dieses schnörkellose Gusseisen. Doch die Tür gibt nicht nach. Ich rüttele, ziehe, stoße. Ich stemme mich noch einmal voller Schwung gegen die Tür und packe die Türklinke. Endlich. Es kracht. Ein wenig Lack oder ähnliches bröckelt vom Türrahmen. Die Tür ist offen. Doch, das darf nicht wahr sein. Diese schwere Klinke ist auseinandergefallen. Auf der anderen Seite der Tür hat es mächtig gekracht. Die Tür schaukelt hin und her. Und ich halte noch immer ein Stück schwarzes Eisen in der Hand. In der Küche hebe ich den anderen Teil der Klinke vom Boden auf. Ich wende mich dabei noch einmal dem Türrahmen zu; schaue an ihm empor. Warum hat die Tür so geklemmt? Warum nur! Ich stehe auf und denke, so ein zerstreuter Mann kocht wahrscheinlich nicht. Einfach zusammengeklebt mit der Zeit. Ich kann ihn mir wirklich nicht in einer Küche vorstellen; wie er Wasser, Kartoffeln oder gar Gemüse kocht. Aber nun ist alles kaputt. Ich habe hier nichts mehr verloren. Vergiss die Ameisen und den grünäugigen Nachbarn. Was gäbe ich darum, wenn die Tür jetzt schnell reparabel wäre. Eine dicke braunschwarze Kruste hatte die Tür wohl so verklebt. Ich wage kaum, diesen Dreck zu berühren. Hier hilft wohl kein Putzen mehr. Ob irgend etwas in der Küche ist, das mich retten kann? Es könnte ja auch etwas von innen gegen die Tür gefallen sein. Doch hier drinnen ist nichts. Keine Kaffeedose, keine Teepackung, kein Wasserkocher, kein Geschirrhandtuch, kein Salz.

Nur dieser wunderbare Tisch, der nicht umfallen kann. Er steht groß und massiv im hinteren Teil der Küche. Man möchte ihn mit üppigem Essen voll stellen und daran feiern.

Doch mein Nachbar hat nur eine Schale darauf gestellt. Schwer sieht sie aus, dennoch anmutig. Golden oder bronzefarben. Reich verziert. Wie aus einer anderen Zeit.

So etwas habe ich noch nie gesehen. Auf gar keinen Fall in einer Küche! Mein Nachbar hat ein paar Kräuter hinein gelegt. Und ein Messer? Und ein Beil! Beides verschmutzt? Sieht aus wie die Kruste am Türrahmen. Hier hinten ist auch die Wand ziemlich verschmiert. Höre ich da jemanden? Mir wird schwindelig, schwarz vor Augen. Das hier kann ich niemals erklären. Soll ich mich verstecken? Ich wollte doch nur helfen. Wohin soll ich nun? Still! Nein, ich habe mich getäuscht. Nichts ist zu hören. Nur die Tiefkühltruhe brummt.

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