Literatur-Nachrichten

Frida

Von Nicole Lahr

Ich weiß nicht, wie genau Sie in den Besitz dieses Manuskriptes gekommen sind. Entweder, bin ich bereits tot und mein Nachlassverwalter – wenn ich denn einen habe - hat es an den Meistbietenden verscheuert oder aber Sie haben es von meinem Schreibtisch entwendet. Und wenn Sie es einfach von meinem Schreibtisch genommen haben, stellt sich mir prompt die Frage: Warum war ich nicht da, um Sie daran zu hindern? Niemals hätte ich es zugelassen, dass jemand diese Seiten, ohne mein Einverständnis in die Finger bekommt. Ich hätte dieses unvollendete Manuskript mit meinem Leben verteidigt. Ja, ich hätte den potenziellen Dieb bis aufs Blut bekämpft und ich wäre sogar imstande gewesen, dafür zu töten. Das glauben sie mir nicht? Bitte schauen Sie in die unterste Schublade meines Schreibtisches. Dort liegt eine Waffe. Genau genommen eine SIG P210. Sie liegt schon seit vielen Jahren dort und sie ist geladen. Ich kam noch nie in die Bedrängnis, sie zu benutzen und ich hätte sogar meinen Arsch darauf verwettet, dass die Munition dieser Waffe bis ans Ende meiner Tage kein Tageslicht sehen wird. Wenn das Manuskript noch auf meinem Tisch liegt, dann müsste auch die Waffe noch dort in der Schublade sein. Ich wäre zum jetzigen Zeitpunkt weder ohne das Eine, noch ohne das Andere aus dem Haus gegangen. Wenn Sie allerdings diese Zeilen hier lesen können, habe ich die Befürchtung, dass meine kleine Schutzmaßnahme nicht ausgereicht hat.

Oh, bitte verzeihen Sie! Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Jan Döring, ich bin fünfunddreißig Jahre alt, bin mittelmäßig erfolgreicher Schriftsteller und habe – wie rund 1,4 Milliarden Menschen auf dieser Welt - einen Facebook-Account. Ich halte mich für einen durchschnittlich intelligenten Menschen, ich glaube nicht an Gott, bin dennoch stets bemüht, das Richtige also Gutes zu tun. Ja, ich gebe zu, das gelingt mir in der letzten Zeit nicht besonders gut. Ich würde an dieser Stelle gerne noch ein passendes Foto einreichen, doch zurzeit bin ich nicht besonders fotogen. Das hat einen guten Grund. Wissen Sie, ich bin eigentlich ein sehr eitler Mensch und lege größten Wert darauf, sauber und gepflegt durch das Leben zu gehen. Dusche, Rasur, Deo, Aftershave und sogar Hautcreme sind meine ständigen Begleiter. Doch die letzte ausgiebige Körperpflege liegt schon einige Tage zurück. Fünf, um genau zu sein - oder waren es doch mehr? Ich weiß es nicht mehr. Wie lange ist es her? VERDAMMT, FRIDA, ICH WEISS ES NICHT MEHR!

Oh, bitte verzeihen Sie, ich habe Ihnen meine charmante Begleitung noch gar nicht vorgestellt: Diese unscheinbare, etwas introvertierte und stille junge Dame an meiner Seite heißt Frida. Da ich davon ausgehe, dass Frida die geschriebenen Worte nicht mitlesen kann, sage ich es, wie es ist: SIE ist der Grund, warum ich mich seit Tagen in meiner Wohnung verkrieche. Ich harre hier aus, bei schwachem Licht, abgedunkelten Fenstern und fest verriegelter Türe. Ich habe seit Tagen kaum geschlafen, noch weniger gegessen und mich, wie bereits erwähnt, auch nur sehr spärlich um meine Körperhygiene gekümmert. Ich ekele mich vor mir selbst, aber alleine der Gedanke, durch Duschwasser von meiner Umgebung abgelenkt zu sein, hält mich davon ab, meinen geregelten und Tagesablauf wieder aufzunehmen. Ich habe Angst vor ihr – Gott ja, die habe ich! Deshalb schreibe ich. Ich bilde mir ein, dass es das Einzige ist, was mich vor ihr schützen kann. Vielleicht schützt es mich sogar besser als die SIG in meiner Schublade. Ich habe sie inzwischen aus der Schublade genommen und Sie im Bund meiner Jeanshose platziert – man weiß ja nie. Jetzt sitze ich hier, spüre ihren starren, leeren Blick in meinen Nacken und schreibe alles auf, in der Hoffnung, über diesen Weg all das Geschehene und vielleicht auch das, was noch geschehen wird, zu kontrollieren und somit von mir fernhalten zu können. Klingt verrückt, nicht? Und genau das ist der Punkt, daher frage ich Sie: Haben Sie schon einmal ernsthaft an Ihrem Verstand gezweifelt? Ich meine, so richtig ernsthaft? Und ich rede jetzt nicht von den Dingen, wie dem Schlüsselbund, das plötzlich unauffindbar ist und sich, aus unerklärlichen Gründen, gleich neben der Butter im Kühlschrank wieder findet. Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ich bis vor fünf Tagen, noch nie ernsthaft an meinem Verstand gezweifelt habe und das, obwohl ich in meinem Leben schon die absurdesten Dinge gesehen und erlebt habe. Ich bin Schriftsteller, ich schreibe Geschichten und verdiene im Idealfall sogar Geld damit, durch meine Vorstellungskraft die absurdesten Dinge zu sehen, sie somit zu erleben, um sie im Anschluss niederzuschreiben. Aber wann genau hat man einen Grund? Ich sage es Ihnen! An Ihren Verstand sollten Sie zweifeln, wenn die Fantasie plötzlich zur Realität wird oder die Realität plötzlich zur Fantasie und Sie selbst in beiden Fällen den Unterschied nicht mehr erkennen können. Ja, das ist der Punkt an dem Sie anfangen sollten, an Ihrem Verstand zu zweifeln. So, wie auch ich es tat als Frida zum ersten Mal vor meinem Fenster stand. Wie aus dem Nichts tauchte sie plötzlich aus dem Morgennebel auf, stand regungslos vor meiner Terrassentüre und starrte mich an. In meinem ersten Schreck dachte ich, es wäre mein eigenes Spiegelbild, das mich dort aus der Dämmerung heraus anstarrte. Doch dann kam die schreckliche Erkenntnis, dass die Person vor meinem Fenster in keiner Weise meine Bewegungen als Spiegelbild wiedergab. Ein Moment, in dem der ganze Körper vor Schreck erstarrt. Das Hirn hört auf zu denken und selbst das Herz vergisst für einen kurzen Moment das Schlagen. Eine Art Zwangspause, damit der Verstand zunächst das gerade Geschehene registrieren und verstehen kann. Und er registrierte Folgendes: Dort draußen in der Morgendämmerung steht eine Frau. Sie trägt die Uniform einer Fastfoodkette, die weiße Bluse ist verdreckt, die Hose am Bein aufgerissen. Ihr Kopf ist gesenkt. Die dunklen Haare, vom Regen feucht, hängen in schlaffen Strähnen herab und verdecken ihr Gesicht. Über ihrer Brust ist ein Namensschild geheftet. Ich kenne den Namen, der darauf steht: FRIDA GILOW. Ich lese ihn immer und immer wieder. Dann kommt Frida plötzlich näher. Sie schlurft wankend auf mich zu und schlägt mit ihren Fäusten gegen die Scheibe. Und dann sah ich plötzlich ihr Gesicht. OH, MEIN GOTT IHR GESICHT!

Dann stehe ich da, blicke dem Absurden weiter ins Auge und hoffe bis zuletzt, auf den übersehenen Fehler in meiner Verstandscheckliste, vielleicht sogar auf einen Fehler in der Matrix. Letztendlich konnte ich nichts weiter tun als an meinem Verstand zu zweifeln. Ein sehr schlimmes und prägendes Gefühl, wie ich finde, denn es bringt einen dazu, sich unwillkürlich einzureden nicht mehr ganz richtig im Kopf zu sein.

Sie fragen sich jetzt berechtigterweise, was es mit dieser Frida auf sich hat? Warum verlor ich beim Auftauchen der Frau so derart die Fassung, obwohl ich – wenn durch Sie tatsächlich eine Gefahr im Verzug wäre -  sie doch einfach mit meiner Waffe aus der Schublade hätte über den Haufen schießen können?  

Nun, wie ich bereits zu Beginn dieser Aufzeichnung – wenn man dies denn so nennen kann - erwähnte, steht Frida steht inzwischen nicht mehr vor meiner Terrassentür. Sie steht hinter mir. Sie steht schon lange dort. Sie ist ganz still. Und diese Stille macht mich wahnsinnig.

Sie fragen sich, warum ich Frida nicht einfach – nötigenfalls sogar mit meiner SIG – aus dem Haus jage? Frida, sollen wir es ihnen sagen?

Frida ist tot. Ich weiß es ganz sicher, denn ich habe sie vor 5 Tagen getötet. Ich habe sie nach einer durchzechten Nacht, oben auf der Landstraße mit meinem Wagen angefahren. Ich habe jetzt noch den dumpfen Schlag im Ohr, als ihr Körper auf die Motorhaube prallte und ihr Gesicht meine Windschutzscheibe durchschlug.

Ich habe angehalten. Wollte noch helfen. Irgendwie.

IHR GESICHT, OH MEIN GOTT, IHR GESICHT!

Verdammt, ich war betrunken!

Ich kann nicht mehr …

Ich will nicht mehr …

Frida, glaub mir, das habe ich nicht gewollt!

Es tut mir leid …

Kommissar Gerald Meier seufzte, als er den Laptop zusammenklappte und der Spurensicherung überreichte.

 „Ich gehe davon aus, dass auf der Tastatur nur die Fingerabdrücke von Döring sind. Wir haben hier einen sauberen Kopfschuss direkt durch den Rachen!“

„Und ein Geständnis“, murmelte Kollege Arthur Bergmann nachdenklich und blickte seinen Meier über den Rand seiner Brille an.

„Ich habe mich schon immer gefragt, was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht, die Unfallflucht begehen. Aber diese dokumentierte Form von Gewissensbissen sprengt selbst meine Vorstellungskraft.“

„Du meinst wegen Frida Gilow?“

Er nickte.

„Ich habe gerade noch einmal mit dem Krankenhaus telefoniert. Sie ist über den Berg und wird in ein paar Wochen das Krankenhaus wieder verlassen können. Gut, dass sie wenige Minuten nach dem Unfall gefunden wurde.“

1 Kommentar/e

1. Elke Keller 11.11.2015 18:06h Elke Keller

Wirklich eine preiswürdige Geschichte!

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