Literatur-Nachrichten

Trauerschilf

Von Ray Silver

Hilflos. Ja, das war die treffende Beschreibung. Oliver fühlte sich zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben hilflos. Mit beiden Händen hielt er die ausgebreitete Straßenkarte auf der Motorhaube des Wagens fest, um sie am davonflattern zu hindern. Wieder verfluchte er die Tatsache, dass sein Wagen in der Werkstatt war. Als der Auftrag kam, Aufnahmen in der südwestlichsten Provinz der Niederlande, in Zeeland, zu machen, hatte er sich den alten Wagen seiner Freundin Maike ausleihen müssen. Besser als nichts – aber so war er ohne Navi in einer ihm völlig unbekannten Gegend unterwegs.

Aus Gewohnheit war er einfach der Nase nach gefahren, hatte immer wieder angehalten und Fotos gemacht. Jetzt bekam er die Quittung dafür – er steckte auf einer schmalen Straße irgendwo zwischen weiten Feldern und Weiden fest, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wo er war. Kühe und Schafe grasten malerisch vor einem strahlend blauen Himmel. Der stetige, kräftige Westwind war zwar nicht kalt, zerrte aber beharrlich an der Karte und an Olivers Nerven.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine freundliche Stimme mit unverkennbar holländischem Akzent.

Oliver drehte sich um. Ein alter Mann auf einem Fahrrad hatte hinter ihm angehalten. Erleichtert nickte Oliver.

„Ich suche eine Übernachtungsmöglichkeit in der Nähe. Können Sie mir etwas empfehlen?“

„Natürlich. Folgen Sie der Straße, bis sie sich teilt. Fahren Sie dann links. Nach ungefähr 20 Minuten erreichen Sie einen Wald. Darin liegt das Dorf Rodekerk. Fahren Sie einfach in die Mitte, zur Kirche. Auf der rechten Seite ist das Gasthaus Gouden Leeuw.“

Oliver bedankte sich und machte sich auf den Weg. Der Wald war weitaus größer, als er ihn sich vorgestellt hatte. Dann sah er das Ortsschild Rodekerk. Es handelte sich um ein typisches niederländisches Ringdorf, dessen Häuser kreisförmig um die kleine Kirche in der Mitte angeordnet waren. Die Häuser mit ihren individuellen Giebelformen stammten aus dem 17. Jahrhundert und waren in einem sehr guten Zustand. Im Graben um die Kirche standen Schilfhalme in sattem Grün.

Oliver parkte seinen Wagen vor dem Gasthaus Gouden Leeuw. Der alte Golf wirkte wie ein Fremdkörper zwischen all den Nobelkarossen, die sonst noch dort standen.

Die nette Wirtin des Gouden Leeuw zeigte ihm ein schönes Zimmer, das liebevoll eingerichtet war. Als Oliver wieder zum Auto ging, um seine Sachen zu holen, wurde er von vorbei schlendernden Dorfbewohnern freundlich gegrüßt und ein paar Kinder winkten ihm zu.  

Entspannt betrat er wenig später den gemütlichen Gastraum. Die meisten Tische waren besetzt. Oliver wunderte sich, dass das Restaurant dieses kleinen Dorfes an einem normalen Werktag so gut besucht war.

Er bestellte sich ein Bier und das Tagesangebot an  Fisch. Nach zwei weiteren Bier und einem Genever hatte er herausgefunden, dass die hübsche blonde Bedienung Antje hieß.      

 „Wie lange wirst du bleiben?“, fragte Antje, als sie den Nebentisch abwischte.

„Eigentlich nur bis morgen – aber es gibt hier so tolle Motive, dass ich wohl noch ein paar Tage dranhänge. Es wirklich nett hier!“

„Ach, unser Dorf wirkt nur auf den ersten Blick so wunderbar. Ich glaube kaum, dass du bei uns Motive für mehrere Tage finden wirst!“, entgegnete Antje und warf ihm einen besorgten Blick zu, was Oliver amüsiert registrierte. Hatte sie etwa einen eifersüchtigen Freund?

Als er am nächsten Morgen nach unten kam, wunderte er sich, dass die Wirtin, die gestern noch so redselig gewesen war, ihm wortlos das Frühstück servierte und dann verschwand. Im Gastraum saß er allein. Vielleicht hat sie schlecht geschlafen, dachte er und machte sich schließlich mit seiner Fotoausrüstung auf den Weg.

Er ging zu der kleinen Kirche. Vor dem Graben baute er sein Stativ auf und blickte durch das Objektiv. Irgendetwas war anders als gestern. Er konnte aber nicht sagen, was sich verändert hatte.

Als er hochblickte, stand Antje neben ihm.

„Du musst abreisen, sofort!“

„Abreisen? Warum? Was ist denn los?“

Sie sah sich nach allen Seiten um, ob sie von jemandem beobachtet wurden. Dann deutete sie auf den Graben. Mit gepresster Stimme antwortete sie: „Das Trauerschilf! Seit heute Morgen blüht es!“

Oliver sah zum Graben. Jetzt wusste er, was sich verändert hatte: Die Schilfhalme trugen große schwarze Rispen, die sie gestern noch nicht hatten.

„Trauerschilf nennt ihr das? Interessant! Habe ich noch nie vorher gehört.“

Antje lachte bitter. „Interessant? Es ist gefährlich, besonders für dich.“

 „Was soll das denn heißen?“

„Das Trauerschilf blüht sehr unregelmäßig. Manchmal nur alle 20 bis 30 Jahre. Dies ist der letzte Ort, wo es wächst. Sonst ist es überall ausgerottet worden. Zuletzt hat es hier geblüht, kurz bevor ich geboren wurde. Es schützt das Dorf und bringt seinen Einwohnern Gesundheit und Wohlstand. Aber das Trauerschilf verlangt auch etwas, damit es dem Dorf Gutes tut.“

Oliver lachte. „Das ist ja eine spannende Legende! Was verlangt es denn?“

Antje sah ihn traurig an. „Ein Opfer. In der Nacht, nachdem die Blüten aufgegangen sind, muss ihm bis Mitternacht ein Opfer gebracht werden.“

„Eine tolle Geschichte! Wenn ich die zusammen mit den Fotos abliefere, flippt mein Redakteur aus! Was genau muss denn das Opfer sein?“

Wieder der traurige Blick. „Jemand, der zurzeit der Blüte im Dorf wohnt.“

Oliver blieb das Lachen im Halse stecken. „Das meinst du doch jetzt nicht ernst!“

„Was hast du gedacht, warum sich alle so gefreut haben, als du gestern angekommen bist? Wenn ein Fremder im Dorf ist, muss kein Einheimischer geopfert werden. Wenn dem Schilf kein Opfer gebracht wird, lässt es das Dorf verfallen. Den anderen Dörfern im Umkreis war der Preis zu hoch. Sie haben das Schilf vernichtet. Danach ging es ihnen aber sehr schlecht. So hat man hier beschlossen, weiter unter dem Schutz des Schilfes zu leben.“

„Ich kann das einfach nicht glauben! Wir leben im 21. Jahrhundert! Ein Menschenopfer mitten im industrialisierten Europa – so etwas ist doch völlig unmöglich!“

Antje verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Schultern hoch, als ob sie frösteln würde. „Ich habe dich gewarnt – flieh, solange du noch kannst!“ Dann drehte sie sich um und ging ins Gasthaus zurück.

Oliver sah ihr hinterher. Dann beschäftigte er sich wieder mit seiner Kamera. Doch der Gedanke an die Legende vom Trauerschilf ließ ihn nicht los. Menschenopfer - so ein Blödsinn!

Am Abend saß Oliver allein im Restaurant. Er beschloss, am nächsten Morgen abzureisen. Irgendwie war ihm die Lust am Landleben vergangen. Es musste schon kurz vor Mitternacht sein, als er durch Geräusche aus einem kurzen, unruhigen Schlaf geweckt wurde. Er stand auf und sah aus dem Fenster. Vor dem Gasthaus sammelten sich einige Leute mit Fackeln. Da klopfte es an seine Tür.

„Oliver! Ich bin’s, Antje! Mach auf!“

Als er die Tür öffnete, zog Antje ihn sofort am Handgelenk mit.

„Moment mal! Ich bin gar nicht richtig angezogen – wo willst du denn hin?“

„Wir haben keine Zeit mehr! Sie wollen dich holen! Wenn das Opfer nicht bis Mitternacht gebracht wurde, ist es zu spät – dann verfällt das Dorf!“

Die Angst in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Barfuß, nur mit Boxershorts und T-Shirt bekleidet folgte Oliver ihr zum Hinterausgang.

Sie rannten durch den Garten, Richtung Straße. Doch dann waren die Männer auf einmal da und hatten sie umringt. Zwei hielten Antje fest, die wie am Spieß schrie. Zwei andere packten Oliver. Vergeblich versuchte er, sich loszureißen. Sie fesselten ihn mit einem groben Strick, zerrten ihn zum Graben an der Kirche und stießen ihn hinein.

Sofort sank er in dem schlammigen Wasser nach unten. Das Wasser sollte ihm höchsten bis zur Brust gehen – wieso war der Graben so tief?! Wie wild strampelte Oliver, um an die Oberfläche zu kommen. Der grobe Strick, den sie ihm um Arme und Körper gebunden hatten, begann sich zu lösen und fiel endlich von ihm ab. Als er versuchte, nach oben zu schwimmen, spürte er, wie sich etwas schlangenartig um seine Beine wickelte und ihn festhielt. Schilfblätter! Das Trauerschilf hatte ihn gepackt! Mit der Kraft der Verzweiflung riss Oliver an den Blättern. Endlich gelang es ihm, sie durchzureißen. Seine Lungen schrien nach Sauerstoff. Er tauchte auf und japste nach Luft.  Wieder spürte er, wie das Schilf nach ihm griff. Die Leute standen am Rand und hielten ihn mit ihren Fackeln davon ab, aus dem Graben zu entkommen. Da gelang es Antje sich loszureißen. Für einen Moment zog sie dadurch alle Aufmerksamkeit auf sich. Das nutze Oliver zur Flucht. Er kletterte aus dem Graben und rannte um sein Leben, bis er die Landstraße erreichte. Zitternd versteckte er sich hinter einem Baum. Schuldbewusst dachte er an Antje. Was würden sie wohl mit ihr machen? Da schlug die Kirchenuhr. Es war Mitternacht.

Zu Hause erzählte er niemandem, was wirklich passiert war. Er behauptete einfach, nachts beim Campen ausgeraubt worden zu sein – schließlich hatte er noch nicht einmal Fotos vom Trauerschilf. Die ganze Ausrüstung hatte er ja zurücklassen müssen.

Es dauerte ein Jahr, bis es ihm gelang, den Weg nach Rodekerk zu finden. Der Gedanke an das Trauerschilf hatte ihn nicht losgelassen. Er hatte Maike überredet, mit ihm Urlaub in Zeeland zu machen.

Endlich waren sie in einem dichten Wald auf ein kleines Dorf gestoßen, das auf keiner Karte verzeichnet war. Ein Ortsschild war nicht mehr vorhanden, doch er war sicher, dass dies Rodekerk war, obwohl es sich sehr verändert hatte. Die Häuser wirkten verfallen, das Dorf schien schon seit Jahren verlassen zu sein. Oliver atmete erleichtert auf. Wenn das Dorf in einem so schlechten Zustand war, hatte das Trauerschilf kein Opfer bekommen – Antje musste die Nacht überlebt haben.

Maike sah sich um und fragte skeptisch: „Was willst du denn hier?“

Er wollte schon anfangen, die Geschichte zu erzählen, als sein Blick auf den Graben fiel. Die schwarzen Rispen des Schilfes schluckten das Sonnenlicht – das Trauerschilf blühte. Oliver schluckte und sagte: „Du hast Recht. Hier gibt es nichts zu sehen. Komm, lass uns verschwinden.“

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld