Literatur-Nachrichten

Elsa in der Badewanne

Von Utta Kaiser-Plessow

Seit Artur in Rente ist, wird es immer schlimmer. Dauernd tappt er hinter Elsa her, fragt was machst du, lässt die Zeitung überall herumliegen und nörgelt. Nichts kann sie mehr tun, ohne dass er seinen Kommentar dazu abgibt. Sogar in den Supermarkt folgt er ihr. ‚Brauchen wir das wirklich, ist das nicht zu teuer?’ Sie kann es nicht mehr hören. Niemals ist sie mehr allein. Will  sie mal entspannt im Sessel sitzen, oder ein Stündchen auf der Couch dösen, will er Kaffee trinken oder mit ihr fernsehen.

Es ist mal wieder Zeit für eine kleine Flucht. Elsa verteilt Duftkerzen im Badezimmer, rückt den Teewagen neben die Badewanne. CD Player, Illustrierte, eine halbe Flasche Sekt, gut gekühlt, ihr handgeschliffenes Lieblingsglas und eine Schachtel Belgische Pralinen, alles in Reichweite.  Sie lässt Wasser ein, schüttet eine halbe Flasche Badeöl mit Rosenduft dazu und gleitet in die Wanne.  Herrlich. Elsa  schließt die Augen, lauscht der Musik. Meeresrauschen, Vogelgezwitscher. Dann trinkt sie genießerisch Schluck für Schluck Sekt, knabbert Pralinen und vertieft sich in Gala, Freundin und Brigitte. Ab und zu lässt sie warmes Wasser nachlaufen. Richtig schön. Hier lässt sichs aushalten. Da hört sie die Tür. Artur ist zurück. Wenn es nicht regnet trifft er sich manchmal am Nachmittag mit einigen Kumpels im Park zum Bocciaspielen, aber auch nur dann, wenn sein Freund Hans ihn anruft und abholt.

„Elsa, Elsa, wo bist du? Was gibt es zu essen?“

Ruf du nur, denkt Elsa, heute gibt’s nichts zu essen. Ich streike. Sie hört ihn rumoren, Türen öffnen. Schließlich kommt er ins Badezimmer. Zu blöd, dass ich nicht abgeschlossen habe.
 „Wann essen wir?“
„Heute gibt es nichts.“
„Wie nichts? Was soll der Blödsinn?“
„Du hast doch gehört. Es gibt nichts.“

„Komm raus.“
„Nein.“
„Aber Du kannst doch nicht ewig in der Wanne bleiben.“
„Doch kann ich.“
„Ich muss aufs Klo.“
„Untersteh dich. Geh auf die Gästetoilette.“
Artur schaut verwirrt. Setzt mehrmals an, als ob er etwas sagen will, zuckt dann mit den Schultern und zieht brummend ab.

Jetzt erst recht. Elsa findet Gefallen an der Situation. Nichts tun, im warmen Wasser liegen, umgeben von Rosenduft. Schön ist das. Alles Leben kommt aus dem Wasser, hat sie mal gelesen. Muss was dran sein. Schließlich schwimmt auch der Embryo im warmen Fruchtwasser, und das neun Monate lang.
Artur versucht immer wieder Elsa zu bewegen, aus der Wanne zu steigen. Aber sie weigert sich. In der Wanne sitzend dirigiert sie Artur, diktiert ihm Einkaufslisten, befiehlt ihm, was zu tun ist. Und Artur gehorcht widerwillig. Er stellt im Badezimmer in Elsas Reichweite einen Kühlschrank auf, schleppt Sekt an, Kekse, Illustrierte und immer wieder Pralinen. Literweise kauft er duftende Badeöle und Schaumbad. Elsa residiert in ihrer Badewanne. Empfängt dort den Besuch der Nachbarin, gibt per Mobilfon beim Pizzaservice Bestellungen auf. Die Kartons  bringt ihr Artur dann an die Badewanne. 

Allmählich scheint sich Artur mit der Situation arrangiert zu haben. Er kommt immer seltener ins Badezimmer und ist weniger zu Hause. Wenn er weg ist klettert Elsa aus der Wanne, benutzt die Toilette und durchstöbert die Wohnung. Sie holt die Orchideen von der Fensterbank und drapiert sie neben der Badewanne, stapelt um sich Bücher, CDs und die Gläser mit der selbstgemachten Marmelade. Den Fernseher stellt sie so, dass sie durch die geöffnete Tür auf den Bildschirm sehen kann.

Mit der Zeit wird Elsa immer fetter. Das Herausklettern aus der Badewanne macht ihr immer mehr Mühe und eines Tages geht es gar nicht mehr. Die Wanne umschließt ihren Körper wie eine stabile Hülle. Elsa und die Wanne bilden eine Einheit. Aber es stört sie nicht sonderlich. Sie ist eingelullt von Musik zum Träumen, umhüllt vom warmen Wasser und bedeckt von duftendem Schaum. Sie trinkt Sekt, beißt genussvoll in Pralinen und löffelt  Marmelade.

Das Problem mit der Toilette hat sie auch gelöst. Sie lässt das Wasser ab, setzt sich mit angewinkelten Beinen so gerade wie möglich hin, in der rechten Hand einsatzbereit die Handbrause. In kleinen Portionen und immer wieder einhaltend erleichtert sie sich. Gleichzeitig befördert sie mit dem scharfen Strahl der Handbrause alles in den Abfluss.  Nach erledigtem Geschäft spült sie mit viel Wasser die Wanne durch. Dann verstöpselt sie den Abfluss wieder und dreht das warme Wasser voll auf. Mit einer Handvoll Fichtennadelsalz sorgt sie für  Wohlgeruch.

Eines Tages kommt Artur und zeigt ihr ein Schreiben der Hausverwaltung. Der Wohnblock ist verkauft und der neue Vermieter plant eine Generalsanierung. Es sollen zwei Stockwerke aufgestockt werden. Alle Mieter werden aufgefordert, das Gebäude zu verlassen, Ersatzwohnungen stehen bereit.
„Also Elsa, jetzt musst du aber endlich aus der Wanne raus.“
„Ich denke nicht daran.“
„Aber Elsa, du bist verrückt, total verrückt. So geht das nicht weiter.“
„Wieso nicht, du siehst doch, dass es geht.“
Artur rauft sich die Haare.
„Dann mach doch, was du willst Ich bin es leid, endgültig leid.“

Vier Wochen später liefert Artur bei Elsa im Badezimmer einen Großeinkauf ab.
„Du kannst es dir noch überlegen. Ich bin jetzt weg.“
Elsa dreht den Kopf zur Seite, sagt nichts. Wenig später hört sie es Schlurfen und Scharren, offenbar werden Kisten und Schränke aus der Wohnung geräumt.

Die nächsten Tage tut sich nichts. Elsa genießt ihre Ruhe. Dann geht auf einmal der Kühlschrank nicht mehr. Das Wasser tröpfelt nur noch. Elsa ist verwirrt. Sie setzt ihre letzte Sektflasche an die Lippen. Puuuhhh, warmer Sekt. Plötzlich hört sie ein Rumpeln. Über ihr reißt die Badezimmerdecke auf, blauer Himmel schaut sie an. An den Wänden brechen Steine, rieselt Schutt. Der Boden unter der Badewanne wankt. Es poltert und kracht. Eine riesenhafte Baggerschaufel senkt sich herab, ergreift die Badewanne und schwingt sie in den Himmel.
„Ich fliege, ich fliege“ jubelt Elsa und schwingt die Sektflasche. 

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld