Literatur-Nachrichten

Das Porzellanpferd

Von Eva Birzer (12 Jahre)

In Paris, in der Nähe von Montmartre stand in einem Schaufenster ein Porzellanpferd. Das Pferd trug den Namen Deneuve Pierre. Das Pferd war stolz auf sich, da es glaubte, reinrassig zu sein. Das Problem war, dass man es aufrecht wie einen Menschen angefertigt hatte. Sogar einen Frack hatte man ihm aufgemalt.

Manchmal spazierte es nachts, wenn keiner zusah, im Laden wie ein alter Herr herum. Oft fühlte M Deneuve sich einsam. Vielleicht liegt das daran, dass ich so geizig bin, überlegte er einmal und sofort fühlte er sich an Ebenezer Scrooge erinnert. Tatsächlich war M Deneuve geizig: Er sagte nie Guten Tag, er lachte die anderen Porzellanfiguren aus, weil sie in Vitrinen standen und er nicht. Dabei hatte er nicht ein gutes Wort für abgebrochene Beine oder Arme.

Dieses Mal jedoch stand M Deneuve am Schaufenster, starrte auf den Mond und überlegte, und überlegte, und überlegte. Er wusste nicht einmal, warum er überlegte. Plötzlich sagte der Mond: „Du willst auf eine Reise gehen und raus aus diesem Laden, nicht wahr?“

Erschrocken drehte sich das Pferd um, um zu sehen, ob die anderen wach geworden waren. „Keine Sorge, nur du kannst mich hören“, ertönte wieder die tiefe Bassstimme des Mondes. Er lächelte ihn mitleidig an. „ Ich will kein Mitleid“, motzte M Deneuve. „Nun Pierre...“ M Deneuve schrak zusammen. Noch nie war er mit seinem Vornamen angeredet worden. Er brüllte: „Auch für dich, Mond, bin ich immer noch Monsieur Deneuve!“

„Verzeihung, Monsieur Deneuve!“ Der Mond spuckte den Namen wortwörtlich aus. „Jetzt weiß ich auch, warum M Deneuve so einsam ist.“ Der Mond lachte spöttisch und verstummte. „Bitte, Mond, es war nicht so gemeint!“; bettelte M Deneuve. Doch soviel das Pferd bettelte, der Mond blieb stumm. Als es merkte, dass es wieder alleine war, verstummte auch das Pferd und schlief ein.

M Deneuve wachte auf, als eine Hand sich um seinen Frack schloss. Es war die Hand des Ladenbesitzers. „Tut mir Leid, M Deneuve“, sagte er, „Aber jetzt nimmt ein anderes Pferd deinen Platz ein.“ Mit diesen Worten stellte er ein Pferd auf die Fensterbank, das auch wirklich wie ein Pferd geformt war, und das M Deneuve angrinste. M Deneuve wollte ihm die Zunge herausstrecken, aber der Krämer trug ihn schon in den dunklen Abstellraum für unverkaufte Stücke. „Es tut mir leid“, sagte er und schloss ab.

Nun saß M Deneuve alleine zwischen verärgerten Porzellanfiguren. Ängstlich kroch er in eine Ecke. „Seht da, Freunde!“, rief ein Porzellanengel. „Unser komisches Menschen-Pferde-Vieh ist endlich da!“ Die anderen lachten. Ein Büffel flüsterte ihm zu: „Ich weiß nicht, was du denen angetan hast, aber glaub mir, du willst mich nicht zum Feind. Ich werde dich sonst zerquetschen.“ „In Ordnung.“ M Deneuve betrachtete den Büffel und stellte fest, dass das braune Ungetüm ihn locker zermalmen könnte. Wer stellte solche Sachen nur ins Schaufenster? Absurd, dachte das Porzellanpferd.

„Aha. Du hast also schon mit unserem braunen Riesen Bekanntschaft gemacht“, stellte ein Hase fest und starrte ihn bitterböse an. Woher kenn ich den? , fragte sich M Deneuve. Ach ja, ich hab ihm seinen Fensterplatz weggenommen, erinnerte er sich. Er drehte sich nach dem Hasen um. Er hieß Jean Vauthey, oder? Doch der Hase hatte sich umgedreht und schrie eine Puppe an, die sofort das Weinen anfing.

Der Hase war schlimmer als M Deneuve, hatte sich aber als Schleimer Freunde gemacht – vor allem unter den Neuen – um ihnen bei der passenden Gelegenheit ihr Porzellanherzchen zu brechen. Ein aalglatter Kerl. Und jetzt brüllte er die arme Puppe an. Mitleidig trat M Deneuve vor, um sie zu trösten. „Das ist eigentlich ein schönes Gefühl. Ich wünschte, ich wäre nie gemein gewesen“, dachte er. „Heute Nacht laufe ich weg!“, schluchzte sie. „Das geht schon lange so“ „Nun“, erwiderte M Deneuve. „Ich würde sie gerne begleiten. Ich heiße Pierre Deneuve. Und sie?“ „Mein Name ist Evelin Leroy, M Deneuve.“ „Aber ich bitte sie“, lachte M Deneuve, „nennen sie mich doch Pierre.“ Dann begann Evelin zu lächeln – Es war ein wunderschönes, sanftes und warmes Lächeln.

M Deneuve saß auf einem Regalbrett und dachte über ihre Flucht nach. Immer wieder schwirrte ihm die das warme Lächeln Evelins durch den Kopf. Er war doch nicht verliebt? Nein, das konnte nicht sein! Er sah sich um und entdeckte Evelin, die in ein kleines hölzernes Köfferchen einen Regenschirm und ein Kleid einpackte.

„Es ist so weit“, sagte die Puppe. „Nun, so sei es“, erwiderte M Deneuve zog seine Jacke glatt und griff nach seinem Spazierstock. „Wir müssen durch das Fenster.“ Erschrocken sah Evelin ihn an. „Wie willst du das aufmachen? Es klemmt!“, rief sie und begann wieder herzzerreißend zu schluchzen.

„Ich frage den Büffel“, meinte das Pferd und sprang auf, um den Büffel zu wecken. „Hmmmm!“, schnaubte der Büffel, „jetzt zerquetsche ich dich.“ „Nicht doch!“, krächzte M Deneuve. „Es war nicht in böser Absicht. Ich wollte fragen, ob du für Evelin das Fenster öffnen kannst. Sie meinte, es sei so stickig.“ Stocksteif stand er vor dem Büffel. „Für eine so hübsche Dame mache ich doch alles“, brummte der Büffel und schob sich gegen das Fenster, das mit einem lauten Ächzen nach außen aufschwang. „Bitte sehr.“ Der Büffel drehte sich um, wobei er M. Deneuve fast zwischen seinem Hinterteil und dem Fensterrahmen eingequetscht hätte. Schnaubend legte er sich wieder schlafen.

Sogleich hörte Evelin zu weinen auf und fiel M. Deneuve um den Hals. „Lass uns gehen!“ M. Deneuve wurde rot und stieg nach seiner Freundin aus dem Fenster. Ein Glück, dass es das Kellerfenster war! „Ich habe einmal von einem Ort gehört, der dir gefallen könnte“; meinte er und dachte dabei an das Künstlerviertel in Montmartre. „Dann führe uns“, rief Evelin, die einen kleinen Freudentanz vollführt hatte und nun vor Glück über das ganze Gesicht strahlte.

Und so gingen sie los. Sie wanderten nur bei Nacht, da tagsüber die Menschen sie sehen konnten. Nach drei Tagen hatten sie Montmartre erreicht. Als die Sonne unterging wagten sie sich aus ihrem Versteck. „Es ist wunderschön!“, hauchte Evelin, als sie die Kunstwerke der Künstler sah. M. Deneuve lächelte, er hatte seiner Gefährtin einen Wunsch erfüllt.

„Wen haben wir denn da?“, ertönte eine Stimme hinter ihnen. Einer der Künstler hob sie auf. „Jetzt bin ich nicht mehr alleine!“, sprach er und setzte sie kurzerhand auf seine Tasche. „Ich nehme euch mit nach Hause. Es wird euch gefallen!“ und so nahm er die Porzellanfiguren mit zu sich in seine Wohnung und setzte sie an ein Fensterbrett. „Gute Nacht.“

Als der Mensch verschwunden war, löste sich M. Deneuve aus seiner Starre und meinte, es sei doch nicht schlimm. „Jetzt haben wir ein Zuhause.“ „Egal, so lange wir zusammen sind“, murmelte die Puppe, „ich liebe dich, weißt du das?“ Dann war Evelin eingeschlafen. M. Deneuve legte sich neben sie und schlief mit dem rosigen Duft ihres Kleides in der Nase ein.

Er bemerkte nicht mehr, dass der Mond zufrieden auf die beiden hinablächelte.

1 Kommentar/e

1. Schleicher Marianne 02.10.2015 19:57h Schleicher Marianne

sehr interessant und total kurzweilig zum Lesen. Bin sehr neugierig und werde dieses Buch mit Sicherheit kaufen

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