Literatur-Nachrichten

Das Wartezimmer

Von Veronika Zeiselmair (16 Jahre)

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich sitze in einem Wartezimmer und warte, wie man das in Warte-zimmern nun einmal so tut. Bedenkt man die Uhrzeit, so herrscht doch überraschend reger Be-trieb. Zu fünft sitzen wir auf unbequemen Stühlen und schweigen. Immer wieder tippe ich mit der Spitze meines Kugelschreibers gegen den Notizblock, den ich bei mir habe.
Die junge Frau, die auf dem grünen Plastikstuhl neben meinem roten Plastikstuhl sitzt, stupst mich an. Ich wende mich ihr zu. Sie ist mir schon aufgefallen, als mich die Arzthelferin in das Wartezimmer gelotst hat. Meiner Meinung nach ist sie ziemlich niedlich.
„Hey, Sie“, flüstert sie. Sie flüstert so laut das kein Zweifel daran besteht, das jeder in diesem Raum sie hören kann. „Kann ich mir ihre Jacke borgen? Mir ist scheißkalt.“
Ich blinzele. Die warmen Monate sind lange vorbei, und so klitschnass wie die Frau ist – seit mei-ner Ankunft schon ist sie damit beschäftigt, den Boden voll zu tropfen – erscheint es mir nicht weiter verwunderlich, dass sie friert.
„Oh, hm. Ja, natürlich.“ Ich ziehe meine Jacke aus. Die Frau nutzt sie erst als eine Art Handtuch, aber es hilft alles nichts. Ihre Haare müssen sich mit einem ganzen Ozean vollgesogen haben. Schließlich resigniert sie und wickelt sich in die Jacke ein.
„Ich hätte auf meine Eltern hören sollen“, sagt sie bedauernd. „Aber man ist ja immer so unge-stüm, verstehen Sie, was ich meine? Kaum ist man alt genug, dass einen die Leute endlich sein eigenes Ding machen lassen, und dann ist man so blöd und ertrinkt beim Schlittschuhlaufen.“
„Mein Beileid“, sagt ein Mann mit tiefer Stimme und gespaltenem Schädel, der uns gegenüber sitzt.
Die Frau nimmt die Bekundung dankbar nickend zur Kenntnis.
„Und Sie?“, fragt sie mich dann. „Wie sind Sie gestorben?“
„Oh, nein, ich bin nicht tot“, lache ich verlegen.
„Das kommt schon noch“, schaltet sich eine majestätisch wirkende ältere Dame ein. Sie sitzt ne-ben dem Mann und blättert in einer dieser Zeitschriften, in denen man alle Details über die Kö-nigsfamilie oder das Neueste über Promi XY erfährt, und blickt nicht einmal auf.
„Da haben Sie vermutlich recht…“
„Die Nächste, bitte“, sagt die adrette Arzthelferin, die urplötzlich im Türrahmen erschienen ist.
„Das bin dann wohl ich!“, schwungvoll erhebt sich die Frau und zwinkert mir im Hinausgehen
noch einmal zu „Wir seh’n uns dann ja!“
Ich versuche mir einzureden, dass sie wirklich mich meinte. Fast könnte ich vergessen, dass sie
meine Jacke mit sich genommen hat. Ich bin mir beinahe sicher, dass ich sie nie wiedersehen
werde, diese Jacke.
Während ich noch den Verlust betrauere, höre ich ein unwirkliches Gurgeln. Das Gurgeln kommt
von dem jungen Kerl, dem armen Tropf, der da in einer Schlinge von der Zimmerdecke baumelt
wie frisch gehenkt.
„Ähm, ich, ich meine, ich will ja nicht aufdringlich sein oder so, aber… ist es da oben nicht furchtbar
unbequem?“, frage ich den Jungen.
Er sieht mich giftig an. „Quatschen Sie nicht so blöd, helfen Sie mir!“
Hastig springe ich auf und zusammen mit dem Mann mit dem gespalten Schädel gelingt es, ihn
aus der Schlinge zu befreien.
„Danke“, sagt der Junge.
„Kein Problem“, erwidert der Mann höflich in seiner tiefen Stimme. Wir setzen uns wieder.
„Suizid, ja? Ist das nicht ein bisschen erbärmlich?“, höre ich die Dame. Sie hat ihre Gala-
Zeitschrift auf den Tisch geknallt, von dem sie ursprünglich stammt, und sitzt nun da, mit vor der
Brust verschränkten Armen. „Wir sterben doch eh alle früher oder später. Da kann man sich doch
wenigstens noch bis zum Ende gedulden.“
„Das ist es ja gerade“, sagt der Junge. „Geduld hatte ich noch nie. Schon als kleiner Junge habe
ich es nie geschafft, ein Puzzle fertigzustellen. Ich habe auch noch nie ein Videospiel bis zum
Ende durchgespielt.“ Er sieht sich hektisch um, wie jemand, der unter Verfolgungswahn leidet.
„Aber wenn ich gewusst hätte, dass mich dieser Strick noch über den Tod hinaus verfolgen würde,
wäre ich lieber von einem Hausdach gesprungen!“
Die Dame hält sich eine Hand vor den Mund, um zu gähnen.
„Ich verstehe“, sagt der Mann. „So ein Hausdach kann einen schlecht bis in eine Arztpraxis verfolgen…“
„Ähm, entschuldigen Sie mich“, wende ich plötzlich ein. Mir wird die Sache langsam eindeutig zu
bunt. „Ich meine, wenn Sie alle tot sind… Was tun Sie dann bitteschön hier?“
„Man sagt, der Herr Doktor hier biete die besten Reisen ins Jenseits. Und er ist auch sehr preiswert“,
erklärt der Mann ruhig.
„Er wirbt mit diesem lustigen Slogan und kleinen bunten Kunststoffgespenstern. Die gibt’s gratis
dazu, als Schlüsselanhänger.“
„Und die braucht man im Jenseits?“
„Ich habe diesen Teil des Angebots ausgeschlagen“, sagt die Dame, die viel zu seriös für Spielzeug
ist.
„Ich nicht. Im Prospekt sahen sie wirklich niedlich aus.“
„Ich habe vor, es meiner Lieselotte zu schenken. Als sie klein war, stand sie total auf dieses Zeug.“
„Das ist so cool“, sage ich zu mir selbst und bewege den Kugelschreiber hastig über das Papier.
„Was schreiben Sie denn da die ganze Zeit?“, klagt die Dame. „Sagen Sie mir jetzt bloß nicht, sie sind Journalist! Ich hasse Journalisten! Immer ist dieses Pack so aufdringlich.“
„Ich bin Schriftsteller.“ Ich ernte anerkennendes Gemurmel und füge bescheiden hinzu: „Naja, fast.“
Wie wir da so sitzen und uns unterhalten zieht sich erneut ein Seil um der Kehle des Jungen zu-sammen. Fast sind der Mann und ich schon auf den Beinen, aber der Junge winkt ab. „Lasst mal. Ist ja eh zwecklos.“
Er sieht nicht besonders gesund aus, wie er da an seinem Seil baumelt, aber der Doktor wird es schon richten, denke ich.
Trotzdem protestiere ich: „Sie sehen die Sache viel zu pessimistisch!“
„Ich bin mausetot. Ich denke, es ist an der Zeit, auf dem Boden der Tatsachen anzukommen.“
„Oder darüber zu baumeln“, scherzt die Dame.
„Ha-ha“, mault der Junge. „Ich lach mich tot.“
Ich bewege den Kugelschreiber über meinen Block wie ein Besessener.
„Dennoch bin ich der Überzeugung, dass Sie nicht so schnell aufgeben sollten! Ich bin ja aus Überzeugung Optimist...“
„Skurril“, bemerkt die Dame.
„Meine kleine Tochter“, beginnt der Mann langsam, „hatte einmal ein Kaninchen. Es hieß: Mr. Flausch. Eines Tages lag es tot in seinem Käfig. Einfach so. Ich erzählte ihr, ein Engel habe das Kaninchen abgeholt und in den Kaninchenhimmel gebracht, wo es fortan nur noch den besten Löwenzahn mümmeln würde.“
Die Dame wirft den Kopf in den Nacken und lacht.
„Und als ich ein Kind war, hat mein Vater mir erzählt, dass einem das Christkind an Weihnachten Geschenke bringt und der Osterhase bunte Eier versteckt“, sagt der Junge.
„Und, haben Sie es geglaubt?“
„Nein. Nie.“
Betreten senke ich den Kopf.
„Auf jeden Fall“, fährt der Mann fort, „erwiderte meine Lieselotte: ‚Aber Papa, wenn ein Kanin-chen stirbt kommt es doch nicht in den Himmel sondern unter die Erde, und da wird es dann von gaaaanz vielen Würmern gegessen. Weißt du das denn nicht?‘“
„Kinder sind nur halb so dumm wie man denkt“, meint die Dame trocken.
„Und jetzt muss ich immer daran denken, wie meine Frau sagt: ‚Papa ist gestorben. Aber du musst nicht traurig sein, weil ein Engel ihn abgeholt und in den Himmel gebracht hat.‘ Und dann sagt meine Lieselotte: ‚Aber Mama, wenn Väter sterben…“
„Wieso sind Sie eigentlich gestorben?“, fragt der Junge.
Wie taktlos, denke ich. Und lausche interessiert.
„Ich habe mich auf meine Brille gesetzt und weil das Geschäft, das die Brillen verkauft, direkt auf der anderen Straßenseite liegt, bin ich gegangen um eine zu kaufen. Aber ohne Brille bin ich wirklich blind wie ein Maulwurf. Ich war mir bei der Ampel nicht sicher – rot oder grün? – und habe versucht, die Straße auf gut Glück zu überqueren, aber…“
„Skurril“, bemerkt die Dame.
„Sie sollten ein besseres Vorbild sein“, mahne ich. „Für ihre Lieselotte.“
„Wirklich! Kein Wunder, dass unsere Generation ist, wie sie nun einmal ist!“, wütet der Junge.
„Der Nächste, bitte“, sagt die Arzthelferin. Der Junge strampelt wütend mit seinen Füßen in der Luft und zu dritt helfen wir ihm.
Wir sind jetzt nur noch zu dritt.
„Sie haben uns immer noch nicht erzählt, wie Sie jetzt eigentlich gestorben sind“, sagt die Dame in fast gelangweiltem Tonfall.
„Ich habe es bereits gesagt: Ich bin nicht tot.“
„Seit Sie hier sind bluten Sie alles voll.“
„Nein, nein. Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Patient! Ich kam hier vorbei und sah, dass die Praxis so spät noch aufhatte. Die Notaufnahme war noch ziemlich weit. Und mir kam das eh ein bisschen zu drastisch vor.“
„Aber wie haben Sie sich denn jetzt nun verletzt?“
Ich lache verlegen.
„Ach, wissen Sie… Das wollen Sie gar nicht wissen. Es ist wirklich dämlich.“
Kurz herrscht Stille. Dann fragt die Dame: „Schreiben Sie eigentlich alles mit, was wir hier sa-gen?“
„Ja.“
„Auch das?“
„Ja.“
„Warum?“
„Das ist das Beste, was mir seit einer Ewigkeit passiert ist. Sehen Sie – ich habe seit einiger Zeit mit einer fiesen Schreibblockade zu kämpfen. Da kommt mir so ein Ereignis aber auch wirklich wie gerufen! Ich könnte einen Roman schreiben über…“
Die Dame bleibt skeptisch. „Sie wollen einen ganzen Roman über diese mickrige Unterhaltung schreiben?“, fragt sie.
„Sagen wir einmal so: Ich habe schon Romane mit wesentlich weniger Inhalt gelesen.“
Der Mann nickt zustimmend. „Ich auch“, sagt er.
„Glauben Sie wirklich, dass Sie noch nicht verblutet sind?“, fragt die Dame.
Ich halte inne. Betreten senke ich den Stift. „Wenn es so wäre… wäre es wirklich äußerst betrüb-lich.“
„Ja, allerdings“, stimmt der Mann zu.
„Aber vielleicht findet ja jemand den Notizblock und veröffentlicht ihn. Vielleicht ist dieser jemand ja sogar ein begnadeterer Autor als ich es bin.“
„Ich hasse Optimisten“, sagt die Dame.
„Ich lebe nach der Devise: Es kann nicht schlimmer kommen.“
„Auch wenn Sie vor kurzem gestorben sind?“
„Dann erst recht.“
„Der Nächste, bitte“, sagt die Arzthelferin.

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