Literatur-Nachrichten

Auf literarischer Gipfeltour

Michel Houellebecq, A. L. Kennedy, Ian McEwan, Cees Nooteboom, Annie Proulx, Philip Roth - bei so viel literarischer Höhenluft kann einem schon schwindelig werden. Deshalb geben Sie sich vertrauensvoll in unsere Obhut und lassen sich hinaufführen in Regionen, wo es einem den Atem verschlägt.

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel Eins vorweg: Es wird keinen Skandal um den neuen Houellebecq geben. Keine Erregung über pornografische Provokationen wie bei „Elementarteilchen“. Keine Empörung angesichts einer Hauptfigur, die sich zum Manager von florierenden Sextourismusreisen aufschwingt wie in „Plattform“. Und den Islam watscht er diesmal auch nicht als „dümmste Religion“ ab. Was nicht bedeutet, dass diese globalisierten Gemeinheiten in „Die Möglichkeit einer Insel“ fehlen. Im Gegenteil: Natürlich steuert er in Sachen Libido keinen Schmusekurs. Und politisch-religiös unkorrekt ist er auch: Stellvertretend für alle Araber beziehen diesmal die Palästinenser Prügel. Doch das ist Beiwerk. Medienfutter. Wichtiger ist, dass Houellebecq der gewohnt scharfsichtige und tiefsinnige Beobachter unserer seichten Realität ist. Diese Fähigkeit verleiht er auch seinem Alter Ego namens Daniel. Der ist ein ebenso erfolgreicher wie einsamer Profi-Komiker. Ähnlich wie Harald Schmidt, als dieser sich als Dirty Harry gerierte, scheut er keine populäre Polarisierung, lässt keine Gelegenheit aus, satirisch auf die Bedingungen seines Erfolgs zu spucken. Doch das eigentliche Thema ist nicht mediale Beliebigkeit, die Suche nach Sex oder Geld. Es sind Jugendwahn, die Angst zu altern, die Hoffnung auf ewiges Leben via Genetik. Letzteres klingt nach Sektenspinnerei (worum es im Roman auch geht). Nur wird der Erfolg immer wahrscheinlicher, wenn weltweit Molekularbiologen moralfrei an den Mutationen des Menschen herummurksen. Das denkt Houellebecq konsequent zu Ende. Daniels Lebensgeschichte kommentieren jeweils Daniel24 bzw. Daniel25 – Neo-Menschen, aus dem Erbmaterial Daniels geformt, die längst Liebe, Lachen und Weinen überwunden haben: Willkommen im Menschenpark, in der wissenschaftlichen Hölle der immergleichen Reproduktion! Damit knüpft Houellebecq an das fulminante Schlusskapitel von „Elementarteilchen“ an, in dem er die Menschheit, „jene schmerzbeladene, nichtswürdige Spezies, die sich kaum vom Affen unterschied und dennoch so viele Ziele angestrebt hat“, kurzerhand zu den Akten legt. Sie hat sich selbst abgeschafft, nicht durch Kriege, sondern durch Klonen einer neuen Art. Houellebecq vollführt erschreckend realistische Bocksprünge in Richtung einer Gesellschaft von morgen. Stoff für eine Debatte liefert er mehr als genug. Ronald Dietrich A. L. Kennedy: Paradies Zu den Bausteinen unserer Existenz gehören Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff. Aber erst wenn diese sich zu C2H5OH verbinden, wird Hannahs Leben schön. Was dem Chemiker schnödes Ethanol ist, ist für sie die Formel eines rauschhaften Daseins. Denn Hannah trinkt. Zum Frühstück Milch mit Cointreau. Alles unter 20 Prozent kippt sie weg wie Fruchtsaft. Und im Pub kaschieren ein paar Pints, dass ihr ganzes Glück von einem Glas goldenen Whiskeys abhängt. Hannah stammt aus der Mittelschicht, ist Ende 30 und seit ihrer Schulzeit abhängig. Die Familie hat sie aufgegeben, der Job ist flöten gegangen. Ihr Paradies brennt in der Kehle. Und es ist zugleich der Filmriss, der ihr die Tatsachen gnädig aus dem Gedächtnis löscht, dass sie ihre Eltern bestohlen, in Panik eine alte Frau aus dem Rollstuhl gestoßen und mit Männern geschlafen hat, denen sie nüchtern nicht einmal die Hand geben würde. Was sie vor dem Delirium tremens bewahrt, ist einzig die verzweifelte Liebe zu Robert, einem Zahnarzt, der sich eine zitternde Hand angetrunken hat. Eine Trinkerliebe aus der Sicht einer Alkoholikerin – wenn sich überhaupt eine Gegenwartsautorin aus der ersten Riege an eine solche Geschichte heranwagt, dann ist es A.L. Kennedy. Die 40-Jährige hat eine Vorliebe für Frauen mit selbstzerstörerischen Obsessionen: Sex, Gewalt – und nicht zuletzt die Droge Alkohol. Die streitbare Schottin schreibt immer schonungslos offen – in ihren fünf Romanen ebenso wie als politische Kolumnistin für den „Guardian“. Sie kokettiert damit, ruppig zu sein – und erzählt gerade deshalb zutiefst poetisch. „Paradies“ trägt einen ebenso verheißungsvollen Titel wie „Gleißendes Glück“, mit dem Kennedy in Deutschland ihren Durchbruch schaffte, und „Also bin ich froh“ – allesamt Bücher, die uns Paradiese aufzeigen, sie aber als verlorene vorführen. Das klingt nach einem deprimierenden Buch, nach dem der Leser selbst zum Glas greift. Doch das Gegenteil ist der Fall. Selbst wenn ihre Figuren Freeclimbern gleichen, die es in immer schwierigere Steilwände treibt, bis sie endlich die gefunden haben, aus der sie abstürzen müssen – Kennedys Kunst besteht darin, auch die bitterste Bilanz mit viel Mitgefühl und mit viel Humor zu ziehen. Zumal Hannah – ebenso wie ihre literarischen Schwestern aus der Feder Kennedys – das Abgründige in sich selbst so schlagfertig auslotet, dass es selbst Oscar Wildes Dandys die Sprache verschlagen hätte. Ronald Dietrich Ian McEwan: Saturday Er galt als gnadenloser Schocker, der mit kalter Lust sein Interesse überwiegend auf das Böse und Abwegige fixierte. Ian McEwan – 57 inzwischen – hat in zahlreichen Romanen seine Leser mit obsessiven Charakteren und hintergründigen Ängsten gefesselt. Ob „Der Zementgarten“, „Der Trost von Fremden“ oder „Amsterdam“: Immer waren es verstörende Leseerlebnisse. Ian „McKaber“ – wie der „makabere“ McEwan spöttisch genannt worden ist – räumte alle Preise der englischsprachigen Welt ab, viele seiner Romane sind verfilmt worden. Mit dem Roman „Abbitte“ trat 2001 ein abgeklärterer McEwan vor seine Leser. Vor dem Hintergrund der 30er Jahre erzählt er die Geschichte von Briony, die als 13-Jährige ein folgenschweres Missverständnis in die Welt setzt und damit mehrere Lebensläufe zerstört. Oder vielleicht auch nicht. Denn McEwan spielt raffiniert mit Wahrheit(en) und Trug, mit Fiktion und Realität. „Abbitte“ wurde weltweit gefeiert. „Saturday“ nun umspannt ein ganzes Universum. Henry Perowne, 48, ist erfolgreicher Neurochirurg, glücklich verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, ist wohlhabend – alles bestens. Er wacht um 4 Uhr morgens auf, am 15. Februar 2003. Was dann folgt, spielt sich im Verlauf eines einzigen Tages ab. Während in London die größte Demonstration gegen den Irak-krieg stattfindet, bricht plötzlich der Schrecken ins Private ein. Henrys heile Welt gerät aus den Fugen. Eine unerquicklich verlaufende Zufallsbegegnung führt zu einem brutalen Überfall in seinem Haus. Doch Perownes Familie hält der Bedrohung stand und kommt davon. Aus der kühlen Sezierkunst McEwans ist durch den liebevollen und zugleich skeptischen Blick auf seine Figuren, durch Mitgefühl und Wärme ein großes Panorama der Gefühlswelten und Seelenzustände gewachsen, reich an Zwischentönen und vielfältigsten Stimmungen, ein Netz aus Gedankenströmen und minutiös geschilderten Ereignissen. Alles findet in diesem Roman seinen Raum: eine Diskussion über das Wesen des Blues, ein verbissen geführtes Squashspiel (absolut phantastisch!), die Gehirnoperation vom Vortag oder der Fischeinkauf fürs Abendessen. Als virtuoser Konstrukteur fädelt McEwan Henrys Geschichte so ein, dass im Geflecht dieses Lebens die intimste Geste ebenso Platz findet wie seine vage, immer präsente Angst um den Zustand der Welt, die Gefährdung und Zerbrechlichkeit der Gesellschaft. Und gerade Letzteres ist in London mit dem Bombenterror vom 7. Juli auf tragische Weise bestätigt worden. Ingrid Nowel Cees Nooteboom: Paradies verloren Die großen Reisenden der Literatur waren immer auch Suchende. Herman Melville etwa, Joseph Conrad oder Bruce Chatwin. Sie alle schrieben in einem ganz eigenen Ton. Und doch verband sie, die in ihrem realen Leben die Meere durchfuhren und die Kontinente durchmaßen, eine unstillbare Sehnsucht. Nach der Wahrheit, der Liebe, der Erfüllung? Es gibt vielleicht gar kein Wort dafür. Weil es vielleicht noch keiner je gefunden und ausgesprochen hat. Der Holländer Cees Nooteboom gehört auch in diese Reihe. Auch er bevorzugt es, unterwegs zu sein. Die Helden seiner Bücher – erinnert sei nur an die Romane „Der Ritter ist gestorben“, „Rituale“ oder „Allerseelen“ – sind ständig im Aufbruch begriffen, aber kommen nie an. Sie hasten Fragen hinterher. Etwa der, wie sich übermächtige Gefühle in Sinn stiftende Gedanken kanalisieren lassen. All dies steckt auch in „Paradies verloren“ und macht es zu einem typischen Nooteboom-Buch. Zwei Hauptfiguren hat dieser an Seiten eher schmale, an emotionaler und rationaler Tiefe sich aber beinahe endlos weit spreizende Roman. Die Brasilianerin Alma ist die eine. Die Studentin der Kunstgeschichte mit einer Vorliebe für Engel wird bei einer Spazierfahrt durch die Slums von São Paulo vergewaltigt. Danach liegt ein Schatten auf ihrem Leben. Sie ist aus dem Paradies gefallen. Um das wieder zu finden, reist sie nach Australien, ihrem Traumland, wo sie in einem schweigsamen Aborigine-Künstler ihren Engel und also Paradiesboten entdeckt zu haben glaubt. Eine trügerische Hoffnung. Nootebooms zweiter Protagonist ist der niederländische Literaturkritiker Erik, dem im Lauf der Jahre der Draht zur Welt abhanden gekommen ist. In einem Kurhotel in den österreichischen Bergen will er den verbrauchten Körper entschlacken und vielleicht nebenbei etwas für den schwach gewordenen Geist tun. Womit er nicht gerechnet hat, ist, dass er dort auf Alma trifft. Ihr war er vor Jahren bereits in Australien begegnet. Bei einem Theaterfestival in Perth hat sie einen Engel dargestellt – für ihn damals eine Offenbarung. Die sich, so muss er nun feststellen, leider nicht in die Realität herüberretten lässt. Nootebooms Grundton ist die Melancholie. Der Verzicht aufs Happy End macht seine zartbitteren Bücher, auch „Paradies verloren“, umso wahrhaftiger. Und weiser. Hendrik Hoy Annie Proulx: Hinterland Wyoming ist von überwältigender Schönheit. Wenn man diese denn zu entdecken versteht. Mitchell Fair sieht die Gabelantilopen, deren Farbe ihn an ein altes Paar Golfschuhe erinnert. Er sieht die schroffen Gebirgsausläufer voller Wildblumen und Silbersalbei, die zarten Farben der Flechten und Felsen. Aber Mitchell Fair ist ein Zugezogener. Er wird Wyoming wieder verlassen. Zurück bleiben die, die schon immer da waren. Landarbeiter, kleine Rancher, die Barfrau Amanda, Witwen in heruntergekommenen Trailern. Leute wie Gilbert Wolfscale, der mit ansieht, wie die althergebrachten Traditionen seiner Eltern zerfallen ebenso wie die geerbte Ranch. Oder wie Forsthelfer Creel Zmundzinski, der die von ihm gestellten Wildhüter plötzlich in einem Höllenschlund versinken sieht. Bis die Gemeinde genau dort einen Parkplatz asphaltieren lässt. Wie in ihren ersten Geschichten über Wyoming („Weit draußen“, 1999) lässt Annie Proulx auch in „Hinterland“ eine ganze Parade verschrobener Helden mit verrückten Namen aufziehen. Einige von ihnen trifft man in dem kleinen Ort Elk Tooth, Elchzahn: 80 Einwohner, drei Bars. Die Alteingesessenen und die Wandercowboys haben keine Chance gegen die neuen Mega-Ranches. Sie sehen ihr Land dem Zugriff der Öl- und Erdgasindustrie ausgesetzt und ihre Nachbarn von Freizeitranchern verdrängt: Immobilienmaklern und Coca-Cola-Managern im Ruhestand. Jeder wehrt sich auf seine Art gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen, der eine mit verhaltenem Widerstand, der andere mit absurder Phantasie. Annie Proulx beobachtet ihre Figuren unsentimental, aber mit großem Herzen – und messerscharfem Blick. Schriftstellerin ist sie erst spät im Leben geworden. Annie Proulx, 1935 geboren, hat Geschichte studiert, hat als Kellnerin und Postangestellte gearbeitet, für Zeitschriften geschrieben und drei Kinder großgezogen, bevor sie mit 53 einen Band literarischer Erzählungen veröffentlichte. Vier Jahre später kam ihr erster Roman heraus: „Postkarten“. Der zweite, „Schiffsmeldungen“, über einen Mann, der im rauen, abgelegenen Neufundland einen Neuanfang versucht, trug ihr den Pulitzer-Preis und den National Book Award ein, wurde ein internationaler Bestseller und später, mit Kevin Spacey in der Hauptrolle, zu einem Filmerfolg. In ihren letzten Romanen und Geschichten ist Annie Proulx die starke Stimme des Mittleren Westens geworden. Das Land ist ihre Lieblings-„Figur“. Und derzeit ist das eben die geschundene wilde Weite Wyomings, ihre neue Wahlheimat. Anne Buhrfeind Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika Philip Roth hat nie einen Hehl daraus gemacht, ein Phallokrat zu sein. Immer wieder – zu Beginn seiner langen Karriere mit Romanen wie „Portnoys Beschwerden“ oder „Professor der Begierde“, zuletzt mit der Novelle „Das sterbende Tier“ – hat er die Macht des Sexus ergründet, die uns mal zu Giganten und mal zu Idioten werden lässt. Ebenso ist Roth aber auch ein politischer Schriftsteller. Man denke nur an Titel wie „Gegenleben“, „Operation Shylock“ oder „Mein Mann, der Kommunist“. In diesen Büchern hat Roth sein feines Sensorium bewiesen, wenn es darum geht, gesellschaftliche und soziale Verwerfung in den Vereinigten Staaten zu registrieren. Sein neuer Roman trägt den Titel „Verschwörung gegen Amerika“. Da mögen viele an globalen Terrorismus und die damit verbundene Hysterie denken, die weltweit um sich greift. Roth schlägt – scheinbar – einen ganz anderen Weg ein. Er erzählt fakten- und detailversessen von seiner Familie, dem rastlosen Vater, der als Vertreter nicht so recht vorankommt, der duldenden Mutter und dem künstlerisch begabten Bruder. Roth entfaltet ein jüdisch-kleinbürgerliches Idyll im Provinzstädtchen Newark, New Jersey, in dem er 1933 geboren wurde. Man liest’s und merkt erst nachhaltig auf, als in dieser scheinbaren Autobiografie verkündet wird, der Fliegerheld Charles Lindbergh hätte 1940 die amerikanischen Präsidentschaftswahlen gewonnen. Folgerichtig vermerkt Roth in seiner Nachbemerkung: „,Verschwörung gegen Amerika’ ist ein Roman.“ Darüber, wie Geschichte auch hätte verlaufen können. Denn mit Lindbergh, spätestens nach der tragischen Entführung seines Babys 1932 ein Medien- und Massenliebling, lässt Roth einen erklärten Nazifreund und Antisemiten an die Macht kommen. Die Zeiten für Juden wie die Roths ändern sich daraufhin immer radikaler. Das einstmals auf seine Liberalität so stolze Land verwandelt sich in ein Territorium der Angst. Und damit ist Roth, der Chronist und Seismograph, doch wieder in unserer Gegenwart angelangt. Im Land von George W. Bush. Peter Zemla

Anne Buhrfeind, Ronald Dietrich, Hendrik Hoy, Ingrid Nowel, Peter Zemla

Titel

  1. Die Möglichkeit einer Insel
    • VerlagDuMont
    • ISBN 3832179283

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  2. Paradies
    • VerlagWagenbach
    • ISBN 3803131960

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  3. Saturday
    • VerlagDiogenes
    • ISBN 3257064942

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  4. Paradies verloren
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 3518417266

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  5. Hinterland
    • VerlagLuchterhand
    • ISBN 3630872077

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  6. Verschwörung gegen Amerika
    • VerlagHanser
    • ISBN 3446206620

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