Literatur-Nachrichten

Orhan Pamuk: Vorzeige-Türke? Weltbürger!

Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Orhan Pamuk, versucht, islamische und westliche Kultur zusammenzudenken.

Es fehlt nur noch, dass er sich nackt auszieht, witzeln seine türkischen Kollegen. Orhan Pamuk würde fast alles tun, um den Nobelpreis zu bekommen, werfen sie ihm vor. Schreibt komplizierte Wälzer und stilisiert sich zum verfolgten Dichter. Man kann nicht gerade behaupten, dass der Istanbuler besonders beliebt ist unter den türkischen Schriftstellern. Den Verspotteten ficht das aber wenig an. Im Elfenbeinturm fühlt er sich wohl. Dort schreibt er seine komplexen Texte, und von dort betreibt er die scharfe Kritik seines Landes, die ihn zum begehrten Ansprechpartner für ausländische Medien gemacht haben – zu seinen amerikanischen Fans gehören John Updike und Margaret Atwood. Die Vermittlerrolle Pamuks drängt sich nicht nur auf, weil er Ende der 80er Jahre in New York gelebt hat. 1952 in Istanbul geboren, wuchs er im vornehmen Stadtteil Nisantasi auf und besuchte, wie es sich dort gehört, die angesehene amerikanische Highschool von Istanbul. Sein Großvater gehörte zu den ersten Industriellen der Türkei und brachte mit dem Bau von Eisenbahnschienen viel Geld in die Familie. Seine Großmutter trug atheistische Gedichte vor – die Pamuks waren eine eher unpolitische, streng säkulare Familie, sehr typisch für die türkische Oberschicht. „Ich bin nicht religiös“, sagt Pamuk, „meine Religion ist die Kunst des Romans.“ Sein Markenzeichen sind postmoderne historische Krimis, die osmanische Tradition und westliche Moderne verknüpfen. Pamuks Credo: „Literatur muss kompliziert sein.“ Der internationale Durchbruch gelang ihm 1990 mit „Das schwarze Buch“. Darin durchsucht ein Verzweifelter ganz Istanbul nach seiner verschwundenen Frau. Die Odyssee durch Zeit und Raum wird zum Porträt einer ehemaligen Weltmacht am Rande des Abgrunds. Eigentlich wollte Pamuk mindestens „Dostojewski werden“. Oder Thomas Mann. Oder wenigstens Marcel Proust. Aber als Türke ist das nicht so einfach. „Wenn Proust über die Liebe schreibt“, klagte Pamuk einmal, „dann schreibt Proust über die Liebe. Wenn ich über die Liebe schreibe, dann ist das immer ,türkische Liebe‘.“ In der Tat: Im Grunde schreibt Pamuk seit Jahren die eine, große türkische Liebesgeschichte. Über eine Beziehung voller Angst und Eifersucht, Hingabe und Abhängigkeit, Größenwahn und Selbstzerknirschung – die Hassliebe zwischen der Türkei und dem Westen. „Mein kleiner Trick ist“, sagt Pamuk zum Taumeln der Türkei zwischen islamischer und westlicher Kultur, „diese zwei geistigen Richtungen als eine einzige zu betrachten und diesen Kampf nicht als Schwäche, sondern als eine Kraft zu begreifen.“ Was aber nicht alle so sehen. Ironischerweise wird der Vorzeige-Türke Pamuk im Inland gern für sein Untürkischsein kritisiert. Vielen ist Pamuk nicht nationalistisch genug, Gläubige rügen seine weltliche Sicht, linken Intellektuellen ist er zu bourgeois. Einen dramatischen Höhepunkt erreichten die Vorwürfe Anfang des Jahres. Da hatte eine Schweizer Zeitung ein Interview mit Pamuk zu dessen neuem Roman „Schnee“ geführt. Im Gespräch kritisierte er den haarsträubenden Umgang der Türkei mit ihrer Geschichte: „Man hat hier 30 000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es.“ Woraufhin vor allem in den türkischen Boulevardzeitungen ein Sturm an Häme und Beschimpfung auf Pamuk niederprasselte, der sich zu einer derartigen Bedrohung auswuchs, dass der durchaus kritikerprobte Schriftsteller Hals über Kopf nach Amerika floh und eine Lesereise durch Deutschland absagte. Der von der internationalen – und auch türkischen – Kritik hoch gelobte Roman „Schnee“ erzählt vom Dichter Ka, der in das ostanatolische Kars reist, um über die sich dort ereignenden rätselhaften Selbstmorde Kopftuch tragender Mädchen zu schreiben. Kars steht mitten im Bürgermeisterwahlkampf, und Pamuk lässt seinen Helden zwischen sämtliche politischen Gruppierungen geraten: Säkularisten, Islamisten, Konservative, Radikallinke. Und mit viel Ironie teilt er sämtliche Sympathien und Antipathien, die der Leser empfinden könnte, gerecht unter ihnen auf. Denn die politischen Kommentare, um die er ständig gebeten werde, so Pamuk, hätten ihn geärgert, bis er irgendwann beschlossen habe, dann eben einen politischen Roman zu schreiben. Aber auf seine Weise: „Schnee“ hat keine eindeutige politische Aussage. Sondern verkündet Pamuks nach eigenem Bekunden wichtigste Botschaft: Nimm diese Dinge nicht so verdammt wichtig. Ist das Leben nicht schön? Ist die Liebe nicht viel wichtiger? Bestimmt ist sie das – allerdings kann die Sache mit der Liebe und der Türkei mitunter auch sehr kompliziert werden. Die Autorin arbeitet als Feuilletonredakteurin der „Welt“. Zuletzt erschien von ihr „Gebrauchsanweisung für die Türkei“ (Piper, 186 S., 12,90 € (D) / 13,30 Eur (A) / 23,50 sFr). Info Friedenspreis Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk zum diesjährigen Träger des mit 25000 Euro dotierten Friedenspreises gewählt. Die Verleihung findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 23. Oktober 2005, in der Paulskirche statt und wird live im ZDF übertragen. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es u.a.: „Mit Orhan Pamuk wird ein Schriftsteller geehrt, der wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nachgeht, einem Begriff von Kultur verpflichtet, der ganz auf Wissen und Respekt vor dem anderen gründet. Orhan Pamuk hat ein Werk geschaffen, in dem Europa und die muslimische Türkei zusammenfinden.“

Iris Alanyali

Titel

  1. Schnee
    • VerlagHanser
    • ISBN 3446205748

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  2. Rot ist mein Name
    • VerlagFischer
    • ISBN 3-596-15660-2

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