Literatur-Nachrichten

Vier Aufbrüche ins Unbekannte

Längen-, Breiten-, Höhengrade – na, da gibt es doch Spannenderes? Ach was! Die Literatur feiert in diesem Herbst die Helden der Geografie.

Geografen gelten als eher nüchterne, pedantische, um nicht zu sagen langweilige Zeitgenossen, und so könnte man fast vergessen, dass Karl May seinen Old Shatterhand als Landvermesser in den Wilden Westen schickte. Tatsächlich aber zählt die Vermessung der Welt zu den dramatischsten Kapiteln der Forschungsgeschichte, weil sie auch jene schwer zugänglichen und bedrohlichen Winkel der Erde erfassen musste, um die die großen Entdecker und Eroberer wohlweislich einen weiten Bogen gemacht haben. Seit Jahren wächst die Zahl der Neuerscheinungen, in denen Längengrade, Kompass und Karten tragende Rollen spielen, und in diesem Herbst haben auch einige Schriftsteller den diskreten Charme der Geografie für sich entdeckt. Allen Freunden des klassischen Reiseberichtes sei Andrea de Portis opulent gestalteter „Atlas der Welterkundung“ empfohlen. Reich illustrierte Klappseiten lassen die Bilder einer Zeit lebendig werden, als Sven Hedin die Seidenstraße, Rosita Forbes und Ahmed Hassanein Bey die Kufra-Oasen und Katherine Routledge die rätselhaften Riesenstatuen von Rapa Nui, der Osterinsel, erforschten. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Who’s who der modernen Entdeckungsgeschichte. Prägnante Kurzbiografien fassen die Lebensreisen dieser abenteuersüchtigen Frauen und Männer zusammen. Wer geglaubt hat, nach den zahllosen Berichten und Veranstaltungen des vergangenen Humboldt-Jahres sei dieses Thema abgehandelt, wird von Daniel Kehlmann eines Besseren belehrt. In seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ beweist der 1975 in München geborene Autor nicht nur, dass er einer der originellsten Köpfe seiner Generation ist, sondern wartet auch mit Humor auf, den man im Zusammenhang mit Humboldt bislang schmerzlich vermisst hat. Kehlmann konfrontiert das rastlose Leben des großen Forschers mit der Biografie eines Zeitgenossen, dem das Reisen ein Gräuel war und der trotzdem lange als Landvermesser tätig sein musste: Der geniale Astronom und Mathematiker Carl Friedrich Gauß ist ein wunderbar bärbeißiges Gegenstück zum manischen Aktivisten Alexander von Humboldt, in dessen Reichweite kein Berg unvermessen und kein Grashalm unbestimmt blieb. So finden die abenteuerlichen Entdeckungsreisen, die Humboldt und seinen Gefährten Bonpland über den Ozean nach Lateinamerika, durch dessen Urwälder und auf dessen Berge führten, ihr Gegenstück in einem Leben, das äußerlich ereignisarm, aber voller bahnbrechender wissenschaftlicher Leistungen war. Wunderbar ist die Szene, in der der Genauigkeitsfanatiker Humboldt einem Kapitän beim Navigieren über die Schulter schaut und sich durch kritische Bemerkungen bald äußerst unbeliebt macht. Desillusionierend hingegen ist das Zusammentreffen der beiden Hauptgestalten: Sie seien beide in einer zweitklassigen Zeit alt geworden, meint Gauß mit einem Blick auf ihre europäische Welt, die selbst auch ziemlich alt aussieht. Nicht mit so spitzer Feder wie Kehlmann, sondern mit breitem Pinsel malt der Niederländer John Vermeulen die Lebensgeschichte des Gerhard Mercator (1512–1594) aus, der mit seiner Erfindung der „Mercator-Projektion“ die Kartografie und die Navigation auf hoher See revolutioniert hat. Vermeulen beschreibt anschaulich, wie Mercator das Grundproblem aller Kartenzeichner anging: Wie überträgt man die Oberfläche der Weltkugel auf ein flaches Stück Papier? Die Lösung dieser Frage fällt dem Kosmografen in einer höchst unangenehmen Lage ein. Sein Forschergeist – und die simple Eifersucht eines Nebenbuhlers – haben die Aufmerksamkeit der Inquisition geweckt und ihn in den Kerker gebracht. Als Mercator dank der Hilfe einflussreicher Gönner endlich freigelassen wird, verlässt er seine niederländische Heimat, bleibt aber ein vom Schicksal verfolgter Mann. Ob die Geografie einem zum Schicksal werden kann, fragt man sich nicht nur angesichts all dieser Berühmtheiten. In den Erzählungen des 1967 in den USA geborenen Andreas Münzner sind „Geographien“ das letzte Gerüst, das die Lebensgeschichten seiner Gestalten aufrechterhält. Das Dasein eines Menschen reduziert sich in diesen Prosaminiaturen bis auf das Format einer Zeitungsnotiz über Menschen, die weggegangen sind, ohne jemals irgendwo anzukommen.

Ulrich Baron

Titel

  1. Forscher, Abenteurer und Entdecker
    • VerlagFrederking & Thaler
    • ISBN 3894054921

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  2. Geographien
    • VerlagLiebeskind
    • ISBN 3935890338

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  3. Zwischen Gott und der See
    • VerlagDiogenes
    • ISBN 3257064950

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  4. Knaurs großer Weltatlas
    • VerlagDroemer Knaur
    • ISBN 342664133X

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  5. Die Vermessung der Welt
    • VerlagRowohlt
    • ISBN 3498035282

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