Literatur-Nachrichten

Was wäre, wenn - vier Bücher über Möglichkeiten

Literatur als Modellversuch: Vier deutsche Autoren wagen das Spiel mit den Möglichkeiten.

Was passiert, wenn die Zeit plötzlich stehen bleibt? Was tun, wenn einem eine Frau nicht mehr aus dem Kopf will? Wie fühlt sich wildes Leben an? Und ist an der Behauptung etwas dran, der Terrorismus von heute habe seinen Anfang mit dem Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 genommen? Über solche Fragen können Philosophen, Psychologen, Soziologen und Politiker in hitzige Diskussionen geraten. Aber was haben Literaten hier beizutragen? Eine Menge, wie die neuen Bücher von vier der interessantesten deutschen Autoren belegen. Sie haben Ernst mit der These gemacht, wonach Literatur auch eine Versuchsanordnung nach dem Motto „Was wäre, wenn...“ ist. Sie haben in ihren Schreiblabors Modelle gezimmert, die den eingangs angerissenen Fragenkomplexen entsprechen. Dann haben sie Figuren in diese Landschaften gesetzt und getestet, wie sie reagieren. Bei Thomas Lehr reagieren sie verwirrt. Kein Wunder. Der 48-jährige Wahlberliner, bekannt geworden mit „Nabokovs Katze“, mutet seinen Figuren in dem Romanexperiment „42“ einiges zu. Alles beginnt in der Nähe von Genf. Dort wird in den unterirdischen Anlagen eines Kernforschungszentrums in den Lauf der Dinge eingegriffen. Als die Wissenschaftler und ihre Besucher nämlich zurück an die Oberfläche kommen, bewegt sich nichts und niemand mehr. Als wäre das Märchen von Dornröschen Wirklichkeit geworden. In einer virtuosen Bildsprache schildert Lehr, wie die Noch-Lebenden mit der Situation zurechtzukommen versuchen. Theorien über das Wesen der Zeit werden gewälzt, das Eingreifen von Außerirdischen wird erwogen und mit den erstarrten Mitmenschen allerlei angestellt. Was mitunter erotisch-deftig und auch sonst moralisch recht zweifelhaft gerät. Lehrs Welt ist komplett aus den Fugen geraten. Das kann man auch von Matthias Polityckis Ausflug ins Exotische mit dem Titel „Herr der Hörner“ behaupten. Der 50-Jährige, seit „Weiberroman“ als feuriger Erzähler geschätzt, schickt einen Hamburger Banker namens Broder Broschkus auf Kuba-Urlaub. Als ihn dort eine Schönheit betört, ist es um ihn geschehen. Zu Hause kündigt Broschkus sein Wohlstandsleben auf, fliegt zurück nach Santiago und begibt sich auf die Suche nach der Frau. Was sich trotz zahlreicher Dollars und der Hilfe kauziger Kubaner schwierig gestaltet. Denn jene, nach der Broschkus sich verzehrt, steht offenbar mit übersinnlichen Mächten in Verbindung. Und so wird die so lustvoll erhoffte Unternehmung bald zu einer Reise ins finstere Herz kubanischer Volksreligionen. Nur so viel sei verraten: Mit heiler Haut kommt Herr Broschkus da nicht mehr raus. Heile Haut und wie man sie aufs Spiel setzt – das sind gute Stichwörter für die Erzählungen von Zsuzsa Bánk. Die 40-jährige Frankfurterin hat die meisten geschrieben, als sie mit ihrem Debütroman „Der Schwimmer“ auf Lesereise unterwegs war. Es sind atmosphärisch sehr dichte Geschichten, die vom Verlieren, Sich-Ausprobieren und Riskieren handeln. Die wildeste und traurigste trägt den Titel „Larry“ und erzählt von zwei Freundinnen, die in Washington an einen schwulen Dichter geraten. Er nimmt die beiden bei sich in einem heruntergekommenen Haus auf, wo man eine von allen Zwängen befreite Zeit durchlebt. Bis die Liebe in dieses filigrane Gefüge aus Kunst und Drogen eindringt und es zu sprengen beginnt. Ein inneres Ungleichgewicht ist auch für die 43-jährige Ulrike Draesner der Ausgangspunkt ihres Romans „Spiele“. Im Mittelpunkt steht die Fotografin Katja, die realisiert, dass ihr die Heimat abhanden gekommen ist. Sie verfolgt die Spur dieses Verlustes zurück und landet 1972 in München, das sich für die Olympiade herausgeputzt hat. Alles könnte perfekt sein: Die zwölfjährige Katja, obgleich ohne Mutter aufgewachsen, lebt in einem harmonischen Familienverbund. Und sie ist verliebt. In den sechs Jahre älteren Max. Doch der erste sexuelle Annäherungsversuch endet katastrophal. Max schmeißt daraufhin die Schule, meldet sich zur Polizei und wird bei der blutigen Geiselnahme, in deren Verlauf elf israelische Sportler ihr Leben verlieren, ernsthaft verwundet. Die Wunden schwären all die Jahre. Bis Katja sich 30 Jahre später an die Aufarbeitung der politischen wie privaten Versäumnisse macht.

Peter Zemla

Titel

  1. 42
    • VerlagAufbau
    • ISBN 3351030428

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  2. Herr der Hörner
    • VerlagHoffmann und Campe
    • ISBN 3455058922

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  3. Heißester Sommer
    • VerlagS. Fischer
    • ISBN 3100052218

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  4. Spiele
    • VerlagLuchterhand
    • ISBN 3630872085

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