Literatur-Nachrichten

Zum Hören anstifte(r)n

Gesprochene Bücher polieren das Image der vermeintlich angestaubten Klassiker auf.

Sicher zählt Adalbert Stifter zu den bedeutendsten Erzählern Österreichs. Und trotzdem wohnt das Lesebändchen meiner „Brigitta“-Ausgabe auf Seite 42. Dort steckt es seit Jahren fest. Das arme Lesebändchen wird wohl nie erfahren, was es mit der hässlichen Brigitta auf sich hat. Ich hingegen weiß es nun trotzdem, denn ich habe mich fürs Zuhören entschieden und lasse lesen. Von Leuten, die es können. Durch den Akt des Zuhörens wird ein neuer, ein ganz anderer Zugang zum Text ermöglicht. Denn „das Epische ist Hörwerk weit eher als Lesewerk (...). Das Epos (...) ist Musik, Musik des Lebens, der man verschlossenen Blickes lauscht und die sich durch das Ohr an das innere Auge wendet“, so Thomas Mann anlässlich der ersten Schallplattenausgabe seiner „Buddenbrooks“. Auf dem ohnehin boomenden Hörbuchmarkt gibt es inzwischen viele Klassiker, die es wert sind, hörend entdeckt zu werden. Einer davon ist Stifters „Brigitta“, gelesen von Christian Brückner. Seiner Stimme bin ich durch die ungarische Steppe gefolgt, habe über sie von der Beziehung zwischen Brigitta und dem Major Stephan Murai erfahren und dank ihr eine wunderbare Liebesgeschichte kennen gelernt: Brigitta, als Kind so hässlich, dass selbst die Mutter sich von ihr abwendet, wächst einsam und unverstanden auf. Schließlich heiratet sie einen jungen Major. Von diesem betrogen, verlässt Brigitta Hals über Kopf das gemeinsame Haus, um sich auf einem einsamen Landsitz niederzulassen. Doch das Schicksal führt den Major erneut in Brigittas Nähe ... Adalbert Stifter, am 23. Oktober 1805 in Oberplan im Böhmerwald geboren, führte ein von Geldsorgen und privaten Problemen bestimmtes Leben. Der Schriftsteller und Landschaftsmaler veröffentlichte zahlreiche Erzählungen und beendete kurz vor seinem Tod 1867 seinen einzigen historischen Roman „Witiko“, an dem er 20 Jahre lang gearbeitet hatte. Es war vermutlich Leberzirrhose, der er am 28. Januar 1868 nach einem Schnitt mit dem Rasiermesser in den Hals erliegt. Anlässlich des 200. Geburtstages von Adalbert Stifter werden in Österreich zahlreiche Ausstellungen, Tagungen, Festivals und Lesungen veranstaltet. Bleiben wir bei den starken Frauen und lauschen der markanten Stimme von Sophie Rois, die uns ins England des 19. Jahrhunderts führt: Charlotte Brontës Jane Eyre macht vor der Hochzeit mit ihrem Arbeitgeber Rochester eine schreckliche Entdeckung: Im oberen Stockwerk des Hauses hält ihr Gatte in spe seine wahnsinnig gewordene Frau versteckt. Trotz der anhaltenden Liebe zu Rochester entschließt sich Jane jetzt, ihren Vetter zu heiraten, der im Begriff steht, als Missionar nach Indien zu gehen. Als 1847 „Jane Eyre“ erschien, rätselte die Londoner Literaturszene darüber, wer sich hinter dem Autorennamen Currer Bell verbarg. Es war die Pfarrerstochter Charlotte Brontë, die, ähnlich wie ihre beiden schreibenden Schwestern Emily und Anne, unter Pseudonym veröffentlichte. Auch um eine verzehrende Leidenschaft – wenn auch nicht die Liebe – dreht sich Fjodor Dostojewskis „Der Spieler“. Innerhalb von vier Wochen aus Geldnot heraus geschrieben, handelt die Erzählung von einer Gruppe, die, kurz vor dem finanziellen Ruin stehend, in dem fiktiven Kurort Roulettenburg auf eine hohe Erbschaft wartet. Statt des erhofften Geldsegens erscheint jedoch die todkrank geglaubte Tante, die ihren gesamten Besitz am Roulettetisch verspielt. Zurück bleiben gescheiterte Existenzen und zerplatzte Träume. Die Hörspieladaption des SWR zieht die Hörer in einen Strudel aus Begierde, Angst und zu hohen Erwartungen. Vom Spieltisch in die Welt der Tiere führt uns Franz Kafkas „Die Verwandlung“. Die Schauspielerlegende Bernhard Minetti liest die Groteske um den Tuchwarenhändler Gregor Samsa, der sich eines Morgens in der Gestalt eines Käfers wiederfindet, mit einem feinen Gespür für das Absurde. Vom Zugrundegehen eines Einzelnen zum Verfall einer ganzen Familie: „Die Buddenbrooks“ sind nicht nur im Thomas-Mann-Jahr ein Lese- und Hörgenuss. Vorgetragen von „des Dichters oberstem Mund“, wie Katia Mann den Schauspieler Gert Westphal einst bezeichnete, sollte man genügend Zeit einplanen – so schnell lässt einen dieses Hörerlebnis nicht mehr los. Dass große Literatur auch Kindern Spaß machen kann, beweist Barbara Kindermanns „Faust“-Adaption. Die Nacherzählung, in die Originalzitate eingebettet sind, bedient sich einer leicht verständlichen, unterhaltsamen Sprache und legt dadurch den Grundstein für den späteren Griff zur Originallektüre. Für unser Lesebändchen bleibt zu hoffen, dass diese dann auch zu Ende gelesen wird – aber da bin ich zuversichtlich

Kathrin Franz

Titel

  1. Brigitta
    • Verlagparlando Edition Christian Brückner
    • ISBN 393512547X

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  2. Jane Eyre
    • VerlagEichborn Lido
    • ISBN 3821853964

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  3. Der Spieler
    • VerlagDer Audio Verlag
    • ISBN 3898134628

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  4. Die Verwandlung
    • VerlagDHV - Der Hörverlag
    • ISBN 3899406443

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  5. Faust
    • VerlagHörcompany
    • ISBN 3935036809

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  6. Die Buddenbrooks
    • VerlagDeutsche Grammophon
    • ISBN 3829111487

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