Literatur-Nachrichten

Gerhard Richter - ein Deutsches Schicksal

Im Leben des Künstlers Gerhard Richter hat die Geschichte auf tragische Weise Spuren hinterlassen.

Ein Maler aus Deutschland
Gerhard Richter ist heute der berühmteste lebende deutsche Künstler weltweit. Der „Guardian“ feierte ihn vor drei Jahren anlässlich seines 70. Geburtstags als „Picasso des 21. Jahrhunderts“. Am berühmtesten ist sein so genannter Stammheim-Zyklus, der zuletzt in der MoMA-Ausstellung der Berliner Nationalgalerie zu sehen war. Dabei handelt es sich um eine Serie von 15 Fo-tobildern, deren Thema der Tod von Ulrike Meinhof und anderen RAF-Mitgliedern ist.
Richters immer leicht verschwommene Fotobilder sind Gemälde nach fotografischen Vorlagen. Ein frühes dieser Fotobilder, aus dem Jahr 1965, trägt den Titel „Tante Marianne“. Das zugrunde liegende Foto stammt aus dem Jahr 1932 und hat auf der Rückseite den handschriftlichen Vermerk: „Gerd Richter mit Marianne Schönfelder. Gerd 4 Monate, Marianne 14 Jahre alt.“ Ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Tante Marianne“ ist jetzt auf Jürgen Schreibers Buch über Gerhard Richter zu sehen.
Richter, in Dresden geboren, verließ die DDR 1961, um danach in Düsseldorf an der Kunstakademie zu studieren. Fast 100 Bilder hat er damals zurückgelassen, von denen die meisten als verschollen gelten. Lange auch wollte er von dieser Zeit nichts wissen und setzte sich doch mit seiner Vergangenheit intensiv aus-einander. 1965 entstand „Tante Marianne“. Im Jahr zuvor hatte er „Familie am Meer“ gemalt, einen älteren Mann mit Frau und zwei Kindern. Der Mann war Heinrich Eufinger, SS-Mitglied und Direktor der städtischen Frauenklinik Dresden-Friedrichstadt. Die ältere der beiden Töchter, auch sie hieß Marianne, genannt Ema, war seit 1957 Richters erste Frau.
Richters Großvater Alfred Schönfelder hatte vier Kinder. Die beiden Söhne fielen im Krieg. Den einen, Onkel Rudi, hat Richter 1965 in Uniform gemalt. Die ältere Tochter heiratete Horst Richter und wurde die Mutter des Künstlers. Bei ihrer jüngeren Schwester Marianne wurde 1937 Schizophrenie diagnostiziert. Im Jahr darauf wurde sie zwangsweise in ein Krankenhaus eingewiesen und sterilisiert. Marianne sollte bei Prof. Eufinger in Dresden-Friedrichstadt operiert werden, wo im Dritten Reich etwa 1000 Frauen dieser Tortur unterzogen wurden. Aber ihr Zustand ließ einen Transport nicht zu, und so landet sie in der Staatlichen Frauenklinik Arnsdorf auf dem Operationstisch von Professor Fischer, genau dort, wo sechs Jahre zuvor Gerhard Richter zur Welt gekommen war.
Marianne kann nun keinen „erbkranken Nachwuchs“ mehr zeugen, wie das in der Mördersprache jener Jahre hieß, darf aber die Klinik dennoch nicht verlassen. Geisteskranke waren im Dritten Reich dem Tod verfallen. Sie wurden entweder sofort ermordet oder mit Hungerrationen zu Tode „gepflegt“. Richters Tante Marianne starb am 16. Februar 1945, wenige Wochen bevor sie hätte befreit werden können. Ihre sterblichen Überreste liegen in einem Massengrab für die Opfer der Euthanasie.
Wenn man in die Geschichte eintaucht, verknüpft sich bald alles zu einem beinahe undurchdringlichen Gewebe verborgener Bezüge und Vorgänge, resümiert der Journalist Jürgen Schreiber. Gerhard Richter hat die tragischen Verstrickungen seiner Lebensgeschichte bildlich rekonstruiert, bevor sie ihm bewusst waren. Schreiber hat die Rekonstruktion der Vorgänge aus den Akten nachgeholt, nachdem die Archive nach dem Ende der DDR nun zugänglich sind.
Eufingers Porträt hängt noch immer in der Dresdner Frauenklinik. Alle Versuche, ihn vor Gericht zu bringen, waren gescheitert. Aber seit dem vergangenen Jahr gibt es auch Gerhard-Richter-Räume im Dresdner Albertinum. 41 Dauerleihgaben sind hier zu sehen. Der Künstler, der einst in den Westen geflohen war und dort zum Weltstar wurde, ist vermittels seiner Bilder zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt, dorthin, wo er 1951 sein Studium begonnen und Ema, seine erste Frau, kennen gelernt hatte. Jürgen Schreiber hat diese so ganz deutsche Familiengeschichte, die dramatischer nicht gedacht werden kann, glänzend rekonstruiert. Ein spannendes, ein aufregendes, ein notwendiges Buch.

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Ernst Piper

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