Literatur-Nachrichten

Glaubensbekenntnis rot-weiß

Die Wahrheit ist auf’m Platz, besagt eine Fußballweisheit. Auf den Wein übertragen heißt das: Allein, was im Glas ist, zählt.

Dürfte es ein Grauburgunder sein?“ „Nein danke, grau ist’s draußen im Lande schon genug. Bringen Sie mir bitte einen Pinot Grigio, da ist Sonne im Glas!“ So also reagiert ein Weinkenner – souverän, charmant, fundiert. Oder sollten wir uns da etwa täuschen? Tatsache ist: Nicht mal über Sex wird derart viel Blödsinn verzapft wie über Wein. Bei trendigen Weintrinkern ist der Pinot Grigio schicker als der Graue Burgunder. Da spielt es weiter keine Rolle, dass es sich um ein und dieselbe Rebsorte handelt. Und wenn die Italo-Version aufgrund ungehemmter Massenproduktion obendrein belangloser mundet als das deutsche Pendant mit dem weniger erotischen Namen – auch egal. Verwirrend? Sollte es nicht sein. Denn Wein zu genießen, ist nicht nur die womöglich herrlichste, aber auf jeden Fall die simpelste Sache der Welt. Regel Nr. 1: Wein ist immer dann gut, wenn er Ihnen gut schmeckt. Regel Nr. 2: Vergessen Sie alle anderen Regeln. Aber gibt es nicht unumstößliche Erkenntnisse, ohne deren Berücksichtigung man sich unter so genannten Kennern unendlich blamiert? Weißwein zum Fisch zum Beispiel oder Rotwein zu Fleisch und Käse? Und wo wir schon dabei sind: Aldi-Champagner soll ja so viel besser sein als all die teuren Marken-Prickelwasser. Und Frauen, die Prosecco trinken, sind wahnsinnig gut drauf. Und der Papst ist evangelisch … Nun mal der Reihe nach. Über den Papst brauchen wir sicher nicht zu reden, aber warum soll ein leichter Roter nicht zu gegrilltem Fisch passen? Und ein knackiger Riesling veredelt Hühnchen und Schweinebraten. Doch wer einen großen roten Bordeaux mit einem Gorgonzola paart, killt den edlen Franzosen gnadenlos. Zu den meisten kräftigen Käsesorten passt weit besser ein süßer Weißwein oder ein Port. Ansonsten ist das Kombinieren von Essen und Wein reine Geschmacks-sache. Sicher kann man immer offen sein für Empfehlungen, doch am Ende sollten Sie genau das trinken, was Ihnen gut mundet. Kraft Amtes ist ein Sommelier eine Person, die im Restaurant Rebensaft zur Speise vorschlägt. Ein ehrbarer Beruf, der in der Ausbildung sicherlich viel Weinlaune mit sich bringt und ansonsten nach einer bestens trainierten Zunge verlangt. Umso befremdlicher, wenn einem zunehmend Jungvolk besserwisserisch ins Essen palavert. Gerade mal der Muttermilch entwöhnt, schwadronieren flaumbärtige Bürschchen von Jahrgängen, die sie selbst höchstens aus der Pampers-Perspektive wahrgenommen haben können. Gnade! Wer uns was über Wein erzählen will, sollte wenigstens ein Jahrzehnt Flaschenerfahrung gesammelt haben. Der renommierte Weinkritiker Stuart Pigott bringt die ganze Maläse auf den Punkt: „Es gibt nur einen Fehler, den man beim Wein machen kann: den anderen den Spaß zu verderben.“ Darum sollen Frauen, die wahnsinnig gut drauf sind, auch weiterhin Prosecco trinken, mag auch jeder deutsche Winzersekt um Klassen besser sein als der meiste prickelnde Pansch aus Italien. Und der viel gerühmte Aldi-Champagner? Laut Pigott ein unzuverlässiges Produkt, das gelegentlich derb-säuerlich bis plump daherkäme. Also doch lieber teure Weine? Bloß nicht: Hohe Preise garantieren keine hohe Qualität. So manche der Superstars der Weinwelt wie Sassicaia oder Chateau Margaux sind gnadenlos überteuert, zehren von ihrem einstigen Ruf. Warum also sich auf die ewig gleichen Namen versteifen? Es gibt unendlich viel guten Wein. Nur findet sich der höchst selten im Supermarktregal. Ideal: direkt beim Winzer kaufen. Gerade in Deutschland sind wunderbare Tröpfchen zu entdecken, die junge Generation der Weinmacher leistet grandiose Arbeit. Besonders stark im Preis-Leistungs-Verhältnis: Rheinhessen. Auch der Weinfachhandel lädt zu kostenlosen Degustationen. Dort dürfen Sie dann nach Herzenslust schnuppern, schmecken, probieren. Und freiheraus Ihre Meinung sagen. Haben Sie zufällig einen Sauvignon im Glas, der irgendwie nach Katzenklo riecht? Da gratulieren wir herzlich: Sie haben eine richtig feine Nase! Viele Sauvignons charakterisiert ein leichter Ammoniak-Geruch, was nichts Negatives über den Geschmack aussagt. Doch sollten Sie lieber schweigen und Ihr Weinvokabular mit dem Begriff „süffig“ als ausreichend empfinden, dann süffeln Sie halt und genießen still. Hauptsache, Sie haben Freude und es quatscht Ihnen niemand neunmalklug in den Wein.

Hans Schloemer

Titel

  1. Kleiner genialer Weinführer 2006
    • VerlagScherz
    • ISBN 3502150249

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  2. Wine - just a drink
    • VerlagGräfe & Unzer
    • ISBN 3774273952

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  3. Viniversität Kursbuch Wein
    • VerlagHallwag
    • ISBN 3833800267

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  4. Weinlese
    • VerlagGoldmann
    • ISBN 3442390869

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  5. 50 einfache Dinge, die Sie über Wein wissen sollten
    • VerlagWestend
    • ISBN 3938060042

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  6. Vino Criminale
    • VerlagDroemer Knaur
    • ISBN 3426196948

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  7. WeinGuide Deutschland 2006
    • VerlagChristian Verlag
    • ISBN 3884726846

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  8. Riesling
    • VerlagHallwag
    • ISBN 3774269947

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