Literatur-Nachrichten

Pin-ups und Pop-ups

Alles, was anmacht: Erotische Kleinode ködern mit anziehenden Ausgezogenen. Vom Kamasutra bis zum verführerischen Kartenspiel reicht der Reigen.

Endlich Winter! Die Tage sind kurz, die Nächte lang, und das ist doch mal eine gute Nachricht. Denn die Nacht ist bekanntlich nicht zum Schlafen da. Wozu sonst, lässt sich immer wieder gern und oft sehr gut nachlesen. Aber weil sie eben auch nicht (nur) zum Lesen da ist, haben die Verlage, pünktlich zur Geschenke-Saison, reichlich anregendes Anschauungsmaterial im Angebot. Wahrhafte Größe zeigt in diesem Zusammenhang Sante D’Orazio mit seiner sinnenfroh ausgefallenen Foto-Hommage „Pam: American Icon“. „Pamela Anderson“, schwärmt der nach Helmut Newton vielleicht berühmteste Aktfotograf, „ist ein lebendes Kunstwerk. Die Verkörperung der Pop-Art. Allein in einem Raum, ist sie eine Ausstellung für sich.“ Beeindruckende Maße der lichtbilderischen Liebeserklärung an Hollywoods opulenteste Blondine: 33,7 mal 47 Zentimeter. D’Orazio, der sein berühmtes Modell ausdrücklich als moderne Monroe sieht („die amerikanische Ikone, nicht die Schauspielerin“, wie er hastig versichert), hat den einstigen Baywatch-Star auf einer Terrasse in den Hollywood Hills in 39 klassischen Pin-up-Posen inszeniert. Texte von Glenn O’Brien, Richard Prince und Jeff Koons liefern, ganz in guter alter „Playboy“-Manier, leichte intellektuelle Kost zum Eyecandy. Insgesamt eine runde Sache (oder besser gesagt: mindestens zwei)… Ebenfalls äußerst ansehnlich – und dazu hinreißend amüsant – ist die Neuinterpretation des „Kamasutra“ als Pop-up (und versuchen Sie das mal jemandem ohne anzügliches Grinsen zu erzählen…). An Buchausgaben der vor fast 2000 Jahren niedergeschriebenen Liebesweisheiten des Vatsyayana herrscht kein Mangel, auch nicht an prachtvoll illustrierten. Doch diese charmante Variante zum Zupfen, Schieben, Aufrichten und Mitspielen ist die prickelndste Idee, seit im Jahre 1883 die Herren Richard Francis Burton, Foster Fitzgerald Arbuthnot und Edward Rehatsek sich daran wagten, den asiatischen Erotik-Ratgeber der westlichen Welt zugänglich zu machen. Natürlich ist nicht das komplette Kamasutra in diese kunterbunte Anfass-Ausgabe gewandert. Aber mal ehrlich: Mehr als den berühmt-berüchtigten zweiten der sieben Teile, in welchem Vatsyayana sich mit allerlei Varianten der körperlichen Kompatibilität von Männern und Frauen nicht nur in trauter Zweisamkeit beschäftigt, liest doch eh keiner. Noch was zum Spielen für die langen Winterabende, und auch diese „Amourösen Heimlichkeiten“ haben Tradition: Bei den 52 Spielkarten aus dem 19. Jahrhundert handelt es sich um den heißesten Bluff des Biedermeier. Pokerface war Pflicht, wenn Pikbube die Herzkönigin stach. Auf den ersten Blick enthüllten die Blätter mit den üblichen pompös kostümierten Adelsfiguren nichts, was des Pastors Auge nicht blicken durfte. Bei rechtem Lichte betrachtet allerdings war das, was sich da unter bauschigen Röcken, strengen Staatsroben und strammen Uniformen verbarg, pure Pornografie. Und kulturgeschichtlich einmalig: Nie zuvor und nie danach in der 400-jährigen Geschichte der Karten haben Kupferstecher ihre Kunden derart nonchalant bedient. Und nie wieder wurde so spielerisch mit der Doppelmoral umgegangen. Wetten, dass sich damit noch heute jede Skatrunde aufmischen lässt? Darf’s ein bisschen von allem sein? Hauptsache, es hat mit Sex zu tun? Dann ist Werner Habermehls korrekterweise als „erotisches Sammelsurium“ untertiteltes „Handbuch für Voyeure“ sicher das Richtige. Ob Cunnilingus oder Schuhfetischismus – der Sexualwissenschaftler hat tief in die Archive gelangt und mit gekonntem Griff pfiffiges Smalltalk-Futter für die nächste Party zusammengestellt. Oder hätten Sie gewusst, dass 42 Prozent der Motorradfahrer unter vorzeitigem Samenerguss leiden oder wie man sich ökologisch einwandfreie Sextoys selber basteln kann? Na also! Nach Lektüre dieses Sammelsuriums können Sie überall mitreden. Und wer weiß, was sich sonst noch so ergibt…

Ira Panic

Titel

  1. Pam: American Icon
    • VerlagSchirmer/Mosel
    • ISBN 3829601875

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  2. Das Kamasutra als Pop-up
    • VerlagSchwarzkopf & Schwarzkopf
    • ISBN 3896026704

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  3. Amouröse Heimlichkeiten
    • VerlagFaber & Faber
    • ISBN 3936618712

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  4. Handbuch für Voyeure
    • VerlagEuropa
    • ISBN 3203780194

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