Literatur-Nachrichten

Mann, oh Mann!

Genetik, Hirnforschung, Arbeitswelt bestätigen: Die Zukunft gehört der Frau. Da bleibt dem Mann nur mehr eine Chance: Esprit, Humor, Kultur.

Eine Zeit lang schien es, als käme der Mann wieder auf die Beine. Manche waren schon verzweifelt an der Frage, was ein richtiger Mann eigentlich noch sei. Und wozu die Frauen ihn noch bräuchten. Dann erlöste Viagra kurzfristig von der Identitätskrise. Die Schöpfungsordnung schien wieder hergestellt: Die pharmagestützte Dauererektion sicherte dem Mann seinen Platz in der Schöpfungsordnung, erfüllte ihn mit der Gewissheit, unentbehrlich zu sein. Ein kapitales Missverständnis. Aber ganz normal. Männer neigen dazu, ihre Probleme stur einseitig zu sehen, aus männlicher Sicht, so, wie alle Autisten es tun. Sie können nichts dafür. Das verflixte Y-Chromosom macht sie blind für die Bedürfnisse der Frau. Doch davon später. Erst zum jüngsten Männerknick. Schuld daran sind chemische Zusatzstoffe, namentlich Phthalat, ein Weichmacher, der in Gartenschläuchen, Kosmetika oder Parfums lauert und ins Hormonsystem eingreift. Das Resultat: Jeder sechste Mann ist unfruchtbar! Junge Männer erzeugen nur noch halb so viele fitte Spermien wie Gleichaltrige vor 40 Jahren! Mann, oh Mann. Jetzt käme es darauf an, etwas mehr zu haben als die biologische Ausstattung. Am besten Humor, Esprit, Intelligenz, also Kultur. Kultur war schon immer das probate Mittel gegen biologische Mängel. Dummerweise halten aber die meisten Männer Kulturgüter für Frauenkram. Bücher? Werden von Frauen gelesen. Kunst? Für die meisten Männer höchstens Networking. Damit haben wir den Schlamassel. Dass Frauen klüger sind als Männer, vermutete längst, wer Augen im Kopf hat. Jetzt wissen wir es auch noch. Die biologische Überlegenheit der Frau ist wissenschaftlich erhärtet. Steve Jones, Professor für Genetik am University College London, legt in seinem Buch „Der Mann“ die Befunde dar. Mannsein ist, gelinde gesagt, eine unsichere Angelegenheit. Das bestätigt schon die Statistik: Jede einzelne Todesursache – einzige Ausnahme: Alzheimer – schlägt bei Männern häufiger zu als bei Frauen. Schon für vierjährige Knaben besteht ein doppelt so hohes Risiko, durch ein gewaltsames Verbrechen umzukommen, wie für Mädchen. Männer sind sogar durch Blitzschlag stärker gefährdet als Frauen; nicht zuletzt, weil sie bei Gewittern stur weiter Golf spielen. Aber woran krankt der Mann? Am Y-Chromosom, behauptet Steve Jones. Es tue sich nämlich schwer, Veränderungen einzubauen und damit genetische Anfälligkeiten zu reparieren. Statt sich wie andere Chromosomen an ein Partner-Chromosom zu wenden, guckt sich das vermaledeite Y selbstgefällig selber zu. Darum kommt der Mann von zerstörerischen Gewohnheiten wie Alkohol, Tabak oder mentalen Sturheiten so gut wie gar nicht mehr weg. Und darum wird er zum Auslaufmodell der Evolution. Die Frau aber mit ihrem assoziationsfreudigeren X-Chromosom wird zum Geschlecht der Zukunft. Gibt es eine Rettung? Vielleicht durch Anbiederung an die Frau? Man betrachte bloß den Mann in der Werbung. Da grassiert der Typ Androgyn. Dieses Etwas trägt das Haar gezöpfelt, geht zur Maniküre und schmiert seinen Body mit sündhaft teuren Ölen (Achtung: Phthalate). Entrinnt der Mann so der Sackgasse? Eher nicht. Die Frauen finden den Softie zu unerotisch, nicht ernst zu nehmend. Ein Mann darf Glatze tragen, sagt die Frau, aber bitte keine Frisur. Was will sie überhaupt, die Frau, könnte man einwenden. Wieso soll sie sagen, wo’s künftig langgeht? Immerhin belegen Frauen in der offiziellen Statistik weiter den zweiten Rang. Die Chefetagen der Konzerne bleiben trotz massenhaften Debakeln männlich besetzt. Und sogar im musischen Fach dirigieren überwiegend Männer. Doch vielleicht ist alles bloß eine List – und der Vorsprung der Männer ein Pyrrhussieg. Irgendwann wird offensichtlich, dass die männliche Art, Probleme zu lösen, nichts taugt. Dann übernehmen die Frauen, mit frischen Kräften und lebensgesättigtem Verstand. Die Tendenzen sprechen dafür: Vor 40 Jahren verdienten Frauen die Hälfte dessen, was Männer kriegten. Heute ebnet sich der Unterschied in der Generation unter 30 europaweit ein. In den 60er Jahren hatten Frauen weltweit eine nur halb so große Chance auf Schulbildung wie ihre Brüder. Heute verschwindet die Kluft. Hält die Entwicklung an, ist in zehn Jahren der Anteil der Männer mit Hochschulabschluss nur halb so groß wie der von Frauen. Logisch, dass dann die Frauen einen Bonus im Kampf um Arbeitsplätze haben werden. Und die Arbeitswelt klatscht Beifall. Sie verlangt immer mehr „weibliche“ Qualitäten: Phantasie, kreative Intelligenz, situative Problemlösung. Darauf sind Frauen besser vorbereitet. Wer es nicht glaubt, muss auf die Hirnforscher hören. Die sagen: Das Corpus Callosum – die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften – ist bei Frauen auffällig „dicker“ ausgebildet. Das heißt, dass im femininen Hirn mehr hin- und herläuft zwischen den emotionalen und rationalen Hirnzentren. Voilà! Zum Schluss ein Trost: Genauso ausgeprägt wie bei Frauen ist das Corpus Callosum bei männlichen Musikern. Hier führt die Treppe nach oben, Oh Mann: Musik, Kultur – GEIST. Mit Porsche & Handicap 20 allein sind keine Trophäen mehr zu holen. Der Autor ist u.a. Hochschuldozent für Philosophie und Medientheorie. Zuletzt von ihm erschienen: „Die Erotik der Tapete“ (Huber, Frauenfeld, 19,90 € (D) / 29,80 sFr)

Ludwig Hasler

Titel

  1. Männer wollen immer - Frauen können immer
    • VerlagRedline
    • ISBN 3636062530

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  2. Männerwerkstatt
    • VerlagUrachhaus
    • ISBN 3825174913

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  3. Wie Männer ticken
    • VerlagSchwarzkopf & Schwarzkopf
    • ISBN 3896026712

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  4. Der Mann
    • VerlagRowohlt
    • ISBN 3498032194

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