Literatur-Nachrichten

Eine Lanze für den Roman

Schriftsteller und Jury-Sprecher Bodo Kirchhoff über den 2005 erstmals vergebenen Deutschen Buchpreis. Und über den Gewinner Arno Geiger.

Es gibt so viele Literaturpreise. Warum braucht es nun den Deutschen Buchpreis? Bodo Kirchhoff: Weil der Roman als Gattung Rückenwind braucht, wie er ihn in anderen europäischen Ländern, bedingt etwa durch den französischen Prix Goncourt oder den britischen Booker Prize, schon lange hat. Und hierzulande herrscht Windstille? Der deutschsprachige Roman hatte in den vergangenen Jahren ein schweres Leben. Weil wir inzwischen glauben, dass die Offenbarungsgeschwätzigkeit des Fernsehens genügt, um etwas über den anderen zu erfahren. Das ist aber nicht der Fall. Um zu erfahren, was in einem anderen Ich vor sich geht, ist der Roman konkurrenzlos. Und dann ist da die Masse ausländischer Romane… Stimmt. Wir befinden uns in einer Einbahnstraße: Es werden unglaublich viele vor allem angelsächsische Romane übersetzt, während im Vergleich dazu unsere Romane im Ausland kaum übersetzt werden. Dabei gibt es sehr interessante deutschsprachige Romane. Allerdings, das möchte ich betonen, gibt es zu wenig. Hat es gemeinsame Kriterien gegeben, nach denen die Jurymitglieder an die Bücher herangegangen sind? Nein, überhaupt nicht. Das einzige Kriterium ist die Gewissenhaftigkeit und der Fleiß gewesen, alle Bücher genau zu lesen und dann zu vergleichen. Innerhalb der Jury haben wir die Romane immer wieder in ihren Stärken und Schwächen vorgestellt. Und wir haben auf uns wirken lassen, was der jeweils andere über ein Buch gesagt hat. Das hört sich danach an, dass die Jury sich nicht schnell einig gewesen ist? Natürlich nicht. Wir haben uns noch am Tag vor der Verleihung jedes der sechs Bücher, die in der Endauswahl standen, vorgenommen und diskutiert. Was bedeutet denn ein solcher Preis für einen Autor? Das Preisgeld – das, wenn es nach mir ginge, noch viel höher sein könnte – ist es doch gar nicht. Worauf es vor allem ankommt, ist die Ermutigung. Und die Bestätigung, dass es sich gelohnt hat, oft viele Jahre seiner Lebenszeit in ein Buch zu investieren. Dieser Preis kann das Risiko des Schreibens etwas mindern. Was hat für Arno Geiger den Ausschlag gegeben? Er hat mit „Es geht uns gut“ einen Roman geschrieben, der uns auf anschauliche Weise berührt, der an die Lebenserfahrung von Menschen anknüpft und der es schafft, das unwiederbringliche Vergehen von Zeit zusammenzubringen mit dem unvergänglichen Augenblick. Sein Buch erzählt von begriffenem Leben, ohne dass es das eigene Leben sein muss. Aber natürlich sind es die eigenen Gefühle. Mit diesen Empfindungen hat er die Personen seines Buches zum Leben erweckt. Welche Auswirkungen erwarten Sie sich vom Deutschen Buchpreis? Dieser Preis wird hoffentlich allen sechs Romanen im Finale Rückenwind geben. Ich möchte mindestens zwei oder drei dieser Bücher auf der Bestsellerliste sehen. Das wäre der eigentliche Erfolg dieses Preises. Der Preisträger Arno Geiger, 37, erzählt in seinem vierten Roman „Es geht uns gut“ eine Wiener Familiensaga, in der sich die deutsch-österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt. Ihm gelingt es dabei, so die Jury, „Vergänglichkeit und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Erinnern und Vergessen in eine überzeugende Balance zu bringen“. Leicht spreche er vom Gewicht der Welt. Der Autor, aus Vorarlberg stammend, startete seine literarische Laufbahn 1996 beim In- geborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Ein Jahr darauf erschien sein Schelmenroman „Kleine Schule des Karussellfahrens“. Geiger hat Philologie, Geschichte und Literaturwissenschaft studiert und lebt in Wolfurt, Vorarlberg, und Wien. Der Preis Mit dem 2005 erstmalig vergebenen Deutschen Buchpreis zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jährlich den besten Roman in deutscher Sprache aus. Dafür bewerben können sich alle Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit maximal zwei aktuellen Titeln. Die eingereichten Romane – diesmal waren es 124 – werden von einer jährlich wechselnden Jury gelesen und bewertet. Die Jury bestand 2005 aus ihrem Sprecher, dem Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der Autorin Juli Zeh, den Journalisten und Kritikern Verena Auffermann, Dr. Volker Hage, Dr. Wolfgang Herles und Armin Thurnher sowie dem Buchhändler Klaus Bittner. Sie haben sich zunächst auf eine so genannte Longlist mit 20 Titeln festgelegt. Daraus ist die Shortlist mit sechs Titeln hervorgegangen, unter denen wiederum der Sieger gekürt worden ist. Dotiert ist der Preis für den Gewinner mit 25 000 Euro. Die fünf Finalisten erhalten jeweils 2500 Euro. Im Finale standen Daniel Kehlmann mit „Die Vermessung der Welt“ (Rowohlt), Thomas Lehr mit „42“ (Aufbau), Gert Loschütz mit „Dunkle Gesellschaft“ (Frankfurter Verlagsanstalt), Gila Lustiger mit „So sind wir“ (Berlin Verlag) und Friederike Mayröcker mit „Und ich schüttelte einen Liebling“ (Suhrkamp).

Peter Zemla

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