Literatur-Nachrichten

Stairway to Heaven

Nicht nur zur Weihnachtszeit: Religion boomt wieder. Immer mehr Menschen, für die bislang nur die harten Fakten zählten, wenden sich interessiert den Sinnangeboten der Kirchen zu. Zahlreiche Neuerscheinungen belegen diesen Trend.

Millionen Pilger in Rom nahmen an der Trauerfeier teil, und Milliarden Menschen verfolgten das Großereignis vor den Fernsehgeräten, als Papst Johannes Paul II. nach langem öffentlichem Leiden im April 2005 gestorben war. Auch sein Nachfolger mobilisierte auf Anhieb Millionen. Stundenlang übertrugen die Fernsehkanäle, wie ein bayerischer Kardinal als Benedikt XVI. den Stuhl Petri bestieg und wie er auf dem Weltjugendtreffen der katholischen Kirche in Köln von jungen Leuten als Idol gefeiert wurde. Warum reisen Menschen nach Rom, nur um in der Nähe zu sein, wenn ein Papst begraben wird? Warum stehen sie 14 Stunden lang Schlange, um einen Blick auf seinen Leichnam zu werfen? Der Papst, tot oder lebendig, hat – momentan auf jeden Fall – mehr Anziehungskraft als der größte Popstar. Ist die Popularität des Kirchenführers auch ein Zeichen dafür, dass Religion wieder auf dem Vormarsch ist? Lange war sie auf dem Rückzug. Eine Generation ist erwachsen geworden, die nur mal zur Hochzeit oder zu Weihnachten eine Kirche von innen sieht, die die „Arche Noah“ für ein Kinderbuch hält und in deren Ohren ein Ort wie Golgatha verdächtig nach einer Palästinenser-Hochburg klingt. Inzwischen sind die Kirchen nicht voller geworden. Aber das Thema interessiert wieder. Vielleicht liegt es auch daran, dass in unserer komplizierten Welt die Orientierung immer mehr abhanden kommt? Oder dass uns fanatische Fundamentalisten mit Gewalt zeigen, wie ihre Religion ihnen Orientierung und Erlösung bietet? Rund 4000 religiöse Bücher kamen im vergangenen Jahr neu auf den Markt. 2005 haben diese Titel erneut kräftig zugelegt und einen Umsatzanstieg von knapp sieben Prozent verzeichnet. Und die Vielzahl der aktuellen Neuerscheinungen und Neuauflagen dürfte diesen Trend fortsetzen. Joseph Ratzinger allein hat mit seinen Schriften zwischenzeitlich mehrere Spitzenpositionen auf der Sachbuch-Bestsellerliste besetzt. Sein deutscher Verleger Manuel Herder erklärt den Boom seines prominent gewordenen Autors so: „Die Menschen wollen den neuen Papst kennen lernen. Und das geht derzeit am besten mit einem Buch.“ Die Aufmerksamkeit für den Papst, aber auch die reiche Buchproduktion und andere Erscheinungen sind für den EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber „Zeichen für die Wiederkehr des Religiösen“. Es handele sich um eine Rebellion „der Seelen gegen ihre ökonomische Reduk-tion“. Aber werden die Menschen wirklich wieder gläubiger? „Nicht die Religion kehrt zurück und ergreift die Menschen, sondern die Menschen greifen nach etwas, was sie für das Religiöse halten; sie spüren ein Vakuum und möchten es aufgefüllt sehen“, stellt der Philosoph Herbert Schnädelbach in der „Zeit“ fest. Sein skeptisches Urteil angesichts des frommen Booms: Wenn Religion nur in der Form wiederkehrt, dass alle wissen, wozu sie gut wäre, um sie dann maßgeschneidert zu gebrauchen, bestätige dies nur, „dass wir hier im Westen in Wahrheit bereits in einem postreligiösen Zeitalter leben“. Ob Religion nur benutzt wird oder ob sie die Menschen wieder ergreift – der Bücherherbst gibt auf diese Frage keine endgültige Antwort. Erfüllt wird, über Papstworte hinaus, religiöses Interesse jeglicher Art. Für den, der gläubiger Christ ist oder werden will, reicht das Spektrum von Handreichungen für das Gespräch mit Kindern (Stanislas Lalanne: „Wer ist eigentlich Gott?“, Patmos, 16,90 € (D) /30,10 sFr) über Hilfen für den Dialog nach oben (Stefan Jürgens: „Im Gespräch mit Gott“, Herder, 12,90 € (D) / 23,50 sFr) bis hin zur moralischen Orientierung im christlichen Sinne: „Die zehn Gebote im 21. Jahrhundert“, für die moderne, widersprüchliche Zeit interpretiert von dem spanischen Philosophen Fernando Savater (Wagenbach, 16,50 € (D) / 29,40 sFr). Aber die Glaubenshilfe ist nur ein Bruchteil der Antwort der Verlage auf vielfältige, oft gegenläufige Entwicklungen, die der Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Dr. Reinhard Hempelmann, so beschreibt: „Fortschreitende Säkularisierung und Wiederkehr der Religion, Relativierung und Fundamentalisierung religiöser Wahrheit, Individualisierung und neue Gemeinschaftsbildung.“ Wo so viel Bewegung rund um die Religion herrscht, da wächst das Interesse an Informationen. Die wollen viele Autoren bieten. Der Theologe und Journalist Christian Nürnberger hat ein Buch geschrieben, dessen Titel sich gar nicht gleich nach Glaubensfrage und Sinnsuche anhört, sondern nach nüchterner Aufklärung. „Die Bibel – Was man wirklich wissen muss“ heißt es und erklärt die Heilige Schrift der Christen als grundlegenden Text des Abendlandes: „Ohne die Bibel ist nicht zu begreifen, wie Europa wurde, was es ist.“ Aber in einer globalisierten Welt will sich mancher seinen Gott nicht mehr im eigenen Kulturkreis suchen, sondern erst mal schauen, was die höheren Instanzen in Tibet oder Tokio an Orientierung zu bieten haben. Davon erzählt Walter-Jörg Langbein. Er hat „Die Geheimnisse der sieben Weltreligionen“ zu ergründen versucht und erklärt die wesentlichen Glaubensinhalte von Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus. Wer dagegen besser begreifen möchte, was die islamische Welt – und die mittlerweile mehr als drei Millionen Muslime in Deutschland – bewegt, kann sich Adel Theodor Khoury anvertrauen. Der 1930 im Libanon geborene Religionswissenschaftler, der bis 1993 in Münster gelehrt hat, erschließt mit seinem Werk die religiöse Welt des Islam und zeichnet dessen dynamische Grundlinien auf. Diese Aufgabe ist besonders anspruchsvoll, schließlich berichtet der Koran nicht Ereignisse oder erzählt Geschichten wie die Bibel, sondern versammelt Texte verschiedenen Charakters, etwa zur Gestaltung der Frömmigkeit, zu Verhaltensregeln oder zur Auseinandersetzung mit Ungläubigen. Khoury, der den Koran außerdem ins Deutsche übersetzt und kommentiert hat, verbindet mit seinem üppig ausgestatteten Werk die Hoffnung auf einen Dialog zwischen den Religionen: „Dieses Gespräch ist erst fruchtbar, wenn die Partner die jeweils andere Religion gut kennen lernen.“ Nur so ließen sich manche Missverständnisse aus der Welt räumen. „Wer mit Menschen anderer Religionen sprechen will, sollte ihre heiligen Schriften kennen“, meint auch Hans Küng, der wie kaum ein anderer für die Verständigung zwischen den Religionen eintritt. Küng gibt bei Diederichs „Die Heiligen Schriften der Welt“ heraus. Thora, Bibel, Koran sowie die klassischen Schriften des Hinduismus und des Buddhismus – in jeden der fünf Bände führt Hans Küng den Leser ein. Mit dieser Sammlung liefert der katholische Theologieprofessor gleichsam eine Grundlage für ein einzigartiges Projekt der Menschheitsverständigung, das er seit 1993 betreibt: Damals haben Vertreter der Weltreligionen auf einer Konferenz in Chicago eine „Erklärung zum Weltethos“ verabschiedet. Die Erklärung, unter Küngs Federführung entstanden, formuliert gemeinsame ethische Leitlinien – eine Schnittmenge der Übereinstimmung, wie ein verantwortliches Leben der Menschen und ein friedliches Miteinander der Menschheit aussehen könnten. Wie sehr ein solches Ethos die Christen mit anderen Religionen verbindet, legt Küng in einer weiteren Neuerscheinung dar: Gemeinsam mit der evangelischen Pastorin Angela Rinn-Maurer zeigt er in „Weltethos – christlich verstanden“, dass eine solidarische Mitmenschlichkeit auch gegenüber anderen Religionen zum Kernbestand der christlichen Botschaft gehört. Gemeinsamkeiten unter den Gläubigen verschiedener Religionen lassen sich, wie der Wissenschaftsautor Martin Urban („Warum der Mensch glaubt“) feststellt, durchaus auch naturwissenschaftlich nachweisen. Hirnforscher können messen, dass im Kopf des meditierenden Christen nichts anderes vor sich geht als im Kopf des meditierenden Buddhisten. Warum und was der Mensch glaubt, habe biologische Grundlagen und entspringe seinem Bedürfnis, Sicherheit und Orientierung in einer unübersichtlichen Welt zu finden. Urban setzt auf die Aufklärung als die schwierigere Alternative, „nämlich Ungewissheit auszuhalten und die Fragen nach dem Warum möglichst vorurteilsfrei immer wieder neu zu stellen“.

Helmut Badekow

Titel

  1. Weltethos - christlich verstanden
    • VerlagHerder
    • ISBN 3451288508

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  2. Die Heiligen Schriften der Welt
    • VerlagDiederichs
    • ISBN 3720526518

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  3. Der Anfang aller Dinge
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492047874

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  4. Der deutsche Papst
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492041329

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  5. Unglaubensgespräch
    • VerlagC. H. Beck
    • ISBN 3406534872

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  6. Warum der Mensch glaubt
    • VerlagEichborn
    • ISBN 382180761X

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  7. Der Koran
    • VerlagPatmos
    • ISBN 3491724856

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  8. Die Bibel
    • VerlagRowohlt
    • ISBN 3871345342

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