Literatur-Nachrichten

T. H. Whites Artus-Saga als Hörerlebnis

Mit Jochen Malmsheimer gerät der Fantasy-Klassiker von T. H. White „Der König auf Camelot“ zu einem einzigartigen akustischen Ritterspiel.

Merlin? Klarer Fall: weißbärtiger Zauberer, Lehrmeister von König Artus. Hatte die 14. Auflage der Encyclopaedia Britannica im Regal stehen… Er hatte was? – Richtig, ein modernes Lexikon. Und da er in der Zeit rückwärts lebte, also alt in der Zukunft geboren und dann immer jünger wurde, wartete er zu Ritters Zeiten in trübem Kerzenlicht kämpfend fluchend darauf, dass endlich der elektrische Strom erfunden würde. Merlins Abenteuer und die des jungen Schildknappen, der als Einziger ein Schwert aus einem Stein zu ziehen vermag und dadurch die Krone Englands gewinnt, sind oft besungen worden. Doch selten hat ein Autor die Artus-Sage inklusive Tafelrunde und Gralssuche so einfallsreich gegen den Strich gebürstet wie T. H. White. Mit pointierten Anachronismen und ironischen Wendungen, geschult am feinsinnigen Humor eines Jonathan Swift und Laurence Sterne, unterbricht er immer wieder den Erzählfluss. Wenn es am schönsten ist. Oder am spannendsten. Nicht aus Effekthascherei. Sondern genau in dem Moment, in dem man sich gerade in dem mythischen Stoff verlieren möchte. Mit den Rittern auf Turniere, die Beize oder auf minnemotivierte „Aventiure“ gehen möchte. Aus purer Lust. Ganz so wie Whites junger Artus. Das ist der Sinn der kalkulierten Kapriolen. Man muss schon wie Artus gestrickt sein – liebenswert, optimistisch, aber ein wenig einfältig –, um die Welt für einen Spielplatz zu halten, auf dem die hohen Ideale christlicher Ritter gelten. Während die Wirklichkeit nur die Sprache des Schwertes kennt – und die ist immer unchristlich. White zu lesen, ist ein großer Spaß. Ihn vorgelesen zu bekommen, ein Genuss. Zumal von Jochen Malmsheimer, der wandelnden One-Man-Show aus dem Ruhrpott. Als Sprecher hat er sein Bravourstück schon mit William Goldmans in doppeltem Wortsinn fantastischem Abenteuerroman „Die Brautprinzessin“ abgeliefert – und daran knüpft er mit „Das Schwert im Stein“, dem ersten Teil des Zyklus „Der König auf Camelot“, an. Mit seiner stimmlichen Bandbreite meistert er kongenial den sprachlichen Spagat zwischen Fantasy und misanthropischer Melancholie. Und verleiht den wunderbaren Nebenfiguren jeweils eine eigene Stimme. Artus’ Ziehvater Sir Ector etwa, ein Portwein trinkender Provinz-Ritter. Oder er kitzelt die Charakteristik des verwirrten Königs Pellinore heraus, dem ständig das Visier herunterklappt, die Brille beschlägt und der auf Aventiure geht wie ein Esel, der einer vor dem Maul hängenden Karotte hinterherläuft. Und ihm gelingen die allegorischen Ausflüge in die Tierwelt, die der von Merlin verwandelte Artus unternimmt: zu den Ameisen mit ihrem Kadavergehorsam, den militärischen Falken, den Wildgänsen und ihrer grenzenlosen Freiheit; die ihn lehren, dass der Mensch das einzige Tier ist, das Krieg führt gegen die eigene Art. Doch sein größtes Verdienst ist es, Komik niemals zu Comedy verkommen zu lassen. Das hätte White auch nicht verdient. Der Einzelgänger, der 1906 in Bombay geboren wurde und in England als Lehrer arbeitete, ehe er sich 1936 auf die Kanalinsel Alderney zurückzog und sein Werk unter dem Eindruck der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktatur 1941 beendete, kannte anders als Tolkien die Barmherzigkeit des Humors. Und das augenzwinkernde Erzählen, das – um noch einen Blick auf Whites Nachkommen dritten Grades zu werfen – Joanne K. Rowling mitunter fehlt, Jonathan Stroud in seiner Bartimäus-Trilogie aber perfektioniert hat.

Ronald Dietrich

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