Literatur-Nachrichten

Schräge Vögel

Was ist normal? Diese Frage drängt sich bei der Lektüre dieser Romane von Paul Auster, Jakob Hein, Evelyn Grill, Urs Widmer und Daniel Keyes auf. Lesen Sie mehr über originelle Typen und wie sie die Welt sehen.

Feiern in Alfred Irgangs Nachbarwohnung die Kakerlaken Party, bleibt ein Anruf beim Gesundheitsamt nicht aus. Weist Herr Jensen bei der Agentur für Arbeit die Fortbildungsmaßnahme als inakzeptabel von sich, stößt er nicht auf behördliche Gegenliebe. Klar. Unser Ordnungsdenken will es so: Nur nicht aus der Reihe tanzen. Immer Anstand wahren. Brav, aber langweilig. Gäbe es die Sonderlinge, Außenseiter und Egozentriker nicht, wäre die Literatur um etliche Meisterwerke ärmer. Kapitän Ahab würde seine Fracht über die Meere schippern und Don Quichotte seine Ländereien bewirtschaften, Gregor Samsa ginge weiter zur Arbeit und Oskar Matzerath zuverlässig zur Schule. Zum Glück kam es anders. Zum Glück nehmen Schriftsteller sich der Typen an. Jener, die einen anderen Weg einschlagen. Auf den krummen Pfaden herrscht in diesem Frühjahr reges Treiben. Paul Auster fährt in seiner „Brooklyn Revue“ gleich eine ganze Parade skurriler Zeitgenossen auf. In deren Mittelpunkt steht der bald 60-jährige Nathan. Weise ist er nicht, zumindest nicht zu Beginn. Schon eher ein ausgemachter Tor. Nach einer Krebserkrankung hat er sich erst scheiden las-sen und dann nach Brooklyn zurückgezogen, um dort zu sterben. Dass er dafür keine Zeit findet, liegt an seinem Neffen Tom, einem verkrachten Literaturstudenten. Oder am schwulen Antiquar Harry, der ein Leben als Soldat, Kunsthändler und Häftling hinter sich hat. Oder an Nathans Nichte Aurora, die sich als Sängerin, Erotikdarstellerin und Ehefrau eines religiösen Eiferers versucht. Sodann treten auf: ein beharrlich schweigendes Mädchen, ein HIV-infizierter Transvestit, eine zupackende Lehrerin namens Honey. Es geht um Familienzusammenführung, Betrug, Trauer und die Liebe. Ein Kosmos aus ganz normalen Wahnsinnigen. Mit Nathan kommt Auster zum Schluss, dass das alles viel zu aufregend ist, um sich in den Sarg zu legen. Diese wild wirbelnde Auster-Welt wäre nichts für Herrn Jensen, den phlegmatischen Titelhelden aus Jakob Heins neuem Roman. Zehn Jahre hat Herr Jensen Briefe ausgetragen. Als Student fing er damit an und machte dann einfach weiter. Nun hat die Post ihm gekündigt. Sein ereignisloses Leben ist damit endgültig leergefegt. Was ihm bleibt, ist der Flachsinn des Fernsehprogramms. Hier lernt er die Losung unserer Zeit: Habe Arbeit, Freunde, Sex, Mode – nur dann bist du wer. Herr Jensen beschließt, sich all dem zu verweigern. Lange nimmt sich sein Widerstand liebenswert-schnurrig aus. Doch am Ende könnte aus ihm durchaus ein Kandidat für die Zwangsjacke werden. Das wäre auch das passende Kleidungsstück für Alfred Irgang. Meinen zumindest seine Freunde vom Intellektuellen-Stammtisch. Alfred, Evelyn Grills Hauptfigur in „Der Sammler“, ist ein Messie. Einer, der sich von den Dingen „geradezu angesprungen“ fühlt. Ob weggeworfene Zahnprothesen, Joghurtbecher, Ölsardinendosen – Alfred muss sie haben und bei sich zu Hause stapeln. Die klug daherredenden Herren und Damen Professoren, Sozialpädagogen und Künstler wollen Alfred helfen. Können aber nicht, weil sie nicht in der Lage sind, ihn zu verstehen. So ist am Ende der galligen Satire nicht der Sammler der Freak, die so genannten Normalen sind es, die einem Angst einjagen. Was ist normal? Diese Frage stellt man sich schon nach wenigen Sätzen von Urs Widmers „Ein Leben als Zwerg“. Da berichtet ein Sonderling der besonderen Art: ein Spielzeugzwerg, acht Zentimeter groß und aus Gummi. Wie die Figuren in den „Toy Story“-Filmen erstarren er und seine Artgenossen, sobald ein Menschenblick auf sie fällt. Sind sie jedoch unbeobachtet, starten die Zwerge Exkursionen und stellen wilde Spekulationen über ihr Dasein an. In seinen beiden letzten Büchern hat Widmer seiner Mutter und seinem Vater Denkmäler gesetzt. Nun ist der Sohn, also Widmer selbst, an der Reihe. Als Kind und späterer Schriftsteller Uti ist er nämlich ständig präsent. Aus Zwergenperspektive wird sein Werdegang als Fabulierer geschildert. Am Ende erkennt der Zwerg sogar den Sinn seiner Existenz: Es ist Uti. Und der Leser erkennt, dass in diesem Fall nicht das kuriose Gummispielzeug der schräge Typ ist, sondern der Autor Urs Widmer selbst.

Peter Zemla

Titel

  1. Blumen für Algernon
    • VerlagKlett-Cotta
    • ISBN 360893782X

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  2. Die Brooklyn-Revue
    • VerlagRowohlt
    • ISBN 3498000667

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  3. Herr Jensen steigt aus
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492048579

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  4. Der Sammler
    • VerlagResidenz
    • ISBN 3701714428

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  5. Ein Leben als Zwerg
    • VerlagDiogenes
    • ISBN 3257065132

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