Literatur-Nachrichten

Jean-Christophe Grangé erfordert starke Nerven!

Kaum einer spielt virtuoser auf der Klaviatur des Schreckens als der Franzose Jean-Christophe Grangé. Das Buchjournal besuchte den Meister des Thrills in Paris, traf einen Mann mit eigenwilligen Ansichten und erfuhr, dass dessen Vorliebe, Gänsehaut zu erzeugen, auf seine Biografie zurückgeht.

Irgendwann kommt der Tag, da wird sie es lesen. Darum sollte jemand, der mit Jean-Christophe Grangé Tisch und Bett teilt, auf den Schock vorbereitet sein. Man muss sich das so vorstellen: Eine Frau lebt in Paris mit einem berühmten Schriftsteller. Er ist charmant, generös, aufmerksam. Ein wenig seltsam nur, dass er jeden Morgen um vier aus dem Bett springt, um an seinem neuen Buch zu schreiben. Wenn er schnell vorankommt, hat er es in einem Jahr vollendet. In all der Zeit verliert er kein Wort über seine Arbeit. Und dann ist es endlich so weit: Die Lebensgefährtin darf das fertige Manuskript als Erste studieren. Schon nach dem Anfang von „Das schwarze Blut“ wird sie bestürzt sein. Sie wird sich fragen: Wie kann dieser mir vermeintlich so vertraute Mensch derart detailliert ausmalen, wie ein Mädchen mit schier unvorstellbarer Grausamkeit zu Tode gefoltert wird? Welche Visionen geistern durch seine Gedankenwelt? Und: Warum habe ich nie etwas davon bemerkt? Ja, warum eigentlich nicht?Schwere Alkoholiker können sternhagelvoll sein und werden von ihrer Umwelt doch als völlig nüchtern wahrgenommen. Bei einem gewissen Grad von Sucht fällt es offenbar leicht, Normalität vorzuspiegeln. Inwieweit Jean-Christophe Grangé von seinem Stoff des Grauens besessen ist, mag er fairerweise selbst beantworten. Das „Sorrentino“ im 7. Pariser Arrondissement ist ordentlich, aber beileibe kein Highlight in der Welthauptstadt der Gourmets. Es gibt Pasta, gegrillten Fisch, Tiramisu. Das Allerbeste an dem Lokal ist das Hinausgehen: Man schaut nach rechts, und fast zum Greifen nahe wächst der in orangefarbenes Licht getauchte Eiffelturm wie ein gigantisches Raumschiff in den Nachthimmel. Grangé ist Stammgast im „Sorrentino“. Er wohnt um die Ecke. Frankreichs erfolgreichster Thrillerautor trägt einen schwarzen Mantel, darunter einen schwarzen Pulli und ein schwarzes Hemd. Die Manschetten hat er über die Ärmelbündchen des Pullovers geklappt. Er sieht gut aus. Schmales Gesicht, dunkle Augen, das volle schwarze Haar so jungenhaft verwuschelt, als wäre seine Mama liebevoll mit den Fingern hindurchgefahren. Frauen stehen auf diese Version von Welpen-Charme, das weiß ohne Zweifel auch Jean-Christophe Grangé. 45 ist er, wirkt jedoch jünger. Warum treffen wir uns beim Italiener? „Weil ich die französische Küche verachte“, sagt er und grinst. „Zu schwer, zu fett. Ich trinke auch keinen Wein.“ Lieber Wasser, Tee, Champagner. „Schließlich ist es für einen Pariser legitim, ein Snob zu sein.“ Monsieur le Snob ist einer, auf den sein Land stolz ist. Hat er es doch den Amis gezeigt, dass sie nicht mehr das Monopol auf knallharte Thriller haben. Grangé kann’s genauso gut. Oder, wie die Franzosen meinen, besser. Schneller, furioser, monströser. Die Tageszeitung „Le Monde“ verneigt sich vor dem „Alchimisten der Angst“. Dabei sind seine Geschichten eher wie rasante Kamerafahrten durch die Albtraumlandschaften kranker Seelen. Die Nähe zum Kino ist bei Grangé unleugbar. 1998 gelang dem freien Journalisten, der zuvor durch die Welt gereist war und spektakuläre Reportagen an Zeitschriften verkauft hatte, mit dem Roman „Der Flug der Störche“ der Durchbruch. „Die purpurnen Flüsse“ um eine Herrenmenschen-Zuchtfarm in den Alpen wurde in 20 Sprachen übersetzt und mit den Stars Jean Reno und Vincent Cassel verfilmt. Es folgten „Der steinerne Kreis“ über Schamanentum in der Mongolei und „Das Imperium der Wölfe“, ein Schocker über Gehirnmanipulation. Wohin Grangé seine Leser auch führt, geradezu obsessiv dringt er dabei ins Innere des menschlichen Körpers vor. „Das schwarze Blut“ ist in dieser Hinsicht sein Meisterstück geworden. Wer an Herzschwäche leidet oder auch nur gerade einen feinen Braten auf dem Ofen hat, dem ist von der Lektüre dringend abzuraten. Das Buch lässt einen weder los, noch nimmt es Rücksichten auf Empfindsamkeiten oder gar Tabus. Es handelt von einem Journalisten, der einem Serienkiller, einem Freitaucher, eine perfide Falle stellt und am Ende selbst hineintappt. Die ebenso intelligent wie realitätsnah konstruierte Story spielt in Südostasien und in Paris. Bevor der Mörder auf grausamste Art zuschlägt, warnt er seine Opfer mit den Worten „Versteck dich schnell, Papa kommt.“ Monsieur Grangé, ein Journalist als düsterer Held? „Ja“, schmunzelt er, „aber ich halte es mit Flaubert: Der Autor bleibt unsichtbar. Alles, was ich schreibe, ist Fiktion, hat nichts mit mir persönlich zu tun.“ Natürlich sei er an die Schauplätze in Südostasien gereist. Thailand, Kambodscha, Malaysia. In die Länder mit den zwei Gesichtern. Auf der einen Seite die wunderschönen Frauen und pittoresken Szenerien. Doch gleichsam auch die totale Fremde, das Verlorensein in der Menschenmasse, wo es niemandem auffällt, wenn junge Touristinnen spurlos verschwinden. Zwölf Monate habe er recherchiert und geschrieben, in der Tat wie ein Besessener. „Das schwarze Blut“ habe von ihm regelrecht Besitz ergriffen. „Schauen Sie sich die Adern auf Ihrem Unterarm an“, sagt Grangé begeistert. „Was sehen Sie? Blau! Nicht rot. Und was passiert, wenn man dem Blut sämtlichen Sauerstoff entzieht? Dann wird es schwarz! Faszinierend, nicht wahr?“ Die Ursache des Bösen zu erforschen, das sei es, was ihn im tiefsten Grunde antreibe. „Nehmen wir den Trieb des Mörders – absolut vergleichbar mit dem Sexualtrieb!“ Grangé nippt genüsslich an seinem Champagner. „Wenn es so weit ist, haben wir Männer doch nur noch schwarze Tinte im Kopf. Dann wollen wir nur das eine. Im Moment höchster Erregung ist von Menschlichkeit nichts mehr zu spüren. Serienmörder ersetzen die Libido durch die Lust am Morden.“ Aber wie erklären Sie das Ihrer Freundin, Monsieur Grangé? „Muss ich momentan nicht. Ich bin in einer Übergangsphase.“ Und dann berichtet er von Priscilla, einer kapriziösen Verlegerstochter, die, falls sie nicht gerade im Himalaja Gipfel besteigt, schon mal versucht, ihn in rasender Wut mit einem Regenschirm zu erstechen. „Sie ist süß, aber ich fühle sie nicht, Sie verstehen?“ Sind das nun die amourösen Schnurren eines begnadeten Fabulierers? Sprechen wir doch über die wahre Liebe. „Nichts für Männer“, sagt Grangé. „Ich glaube an Momente, an den starken Beginn einer Beziehung.“ Für ihn existierten nur drei Phasen: die Jagd, die Eroberung, die Lüge. Zu Letzterer seien Männer gezwungen, weil sie genetisch programmiert seien, Affären zu haben. Darauf noch einen Champagner. Dumm nur, wenn es nicht mal mit der Jagd klappt. Grangé zuckt die Achseln: „Ich bin Bestseller-Autor, habe Geld genug, aber nicht die geringste Chance, eine Frau kennen zu lernen. Ist das nicht kurios? Die Schriftstellerei ist ein widerlicher, einsamer Job.“ Zeit nimmt sich der manische Schreiber nur für seine Kinder aus erster Ehe. Der Sohn ist zwölf, die Tochter acht. „Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich Vater bin, ein starker Mann, der seine Kinder schützt.“ Er selbst sei ohne Vater aufgewachsen. Mag er mehr darüber erzählen? „Ich habe meinen Vater nie gesehen. Er durfte nicht in meine Nähe. Es hieß, er sei geisteskrank und wolle mich entführen.“ Die Hand fährt zum Glas, aber Grangé trinkt nicht. Er scheint zu gefesselt von der eigenen Vergangenheit. Mit leiser Stimme berichtet er von den Nächten, in denen die Angst kam. Der immer wiederkehrende Albtraum. „Ich träumte von dem Mann ohne Gesicht. Ich hatte schreckliche Angst, geholt zu werden.“ Das war seine Obsession. Der Mann ohne Gesicht. Der Vater. Versteck dich, schnell, Papa kommt. „Als ich das Schreiben entdeckte, war mir von Anfang an klar, dass die Angst mein Thema sein wird. Der Akt des Schreibens als Sublimierung, Sie verstehen? Schreiben hilft, über Ängste hinwegzukommen.“ Es ist kurz nach 22 Uhr. Spät für Jean-Christophe Grangé. Er will heim. Er wird wieder um vier Uhr aufstehen, um an einem ganz neuen Buch zu schreiben. Es geht wieder um Angst, was sonst? Als Thema wartet das totale Böse. Auf Jean-Christophe Grangé wartet der Teufel.

Hans Schloemer

Titel

  1. Das schwarze Blut
    • VerlagEhrenwirth
    • ISBN 3431036767

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  2. Die Gerechten
    • VerlagScherz
    • ISBN 3502100241

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  3. Das Bourne Vermächtnis
    • VerlagHeyne HC
    • ISBN 3453006240

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  4. Die Chemie des Todes
    • VerlagWunderlich
    • ISBN 3805208111

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  5. Klassentreffen
    • VerlagDiana
    • ISBN 3453290194

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  6. Bangkok Tattoo
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492048560

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  7. Die Signatur
    • VerlagLübbe
    • ISBN 3404921992

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