Literatur-Nachrichten

Ein Irrtum mit Folgen

Vor 500 Jahren starb Kolumbus. Eigentlich wollte er nach Indien – ein Kontinent kam dazwischen.

Die Herren von der „Junta dos Mathematicos“, des für die Seefahrt zuständigen Rates des portugiesischen Königs, sind skeptisch. Zu prüfen ist ein Plan des Genuesen Christoph Kolumbus, der nach Westen über den Atlantik nach Japan und China zu segeln begehrt. Man schreibt das Jahr 1483, und Lissabon, wo die Junta zu tagen pflegt, ist das Zentrum der Entdeckungsfahrten hinaus auf den offenen Ozean, das Cape Canaveral des 15. Jahrhunderts. Seit mehr als 50 Jahren tasten sich die Schiffe der Portugiesen nach Süden vor, sind dabei auf Inseln in der Wasserwüste gestoßen – Kanaren, Azoren, Madeira, Kapverden. Sie erkunden die Küste Afrikas und sind bereits über die Kongomündung hinaus vorgedrungen. Die Junta ist davon überzeugt, dass der sicherste Weg nach Indien und China um Afrika herumführt, zu Gold, Seide und Gewürzen, den Schätzen Asiens. Aber er ist lang. Kolumbus, ein guter Navigator und erfahrener Seemann, verspricht einen kürzeren. Ausgehend von der Kugelgestalt der Erde und gestützt auf alle anerkannten geografischen Autoritäten, hat er die Entfernung ausgemessen, die Europa von Asien trennt. In nur einem Monat will er die Strecke zurücklegen können. Doch seine Berechnungen sind falsch, denn der Umfang der Erde ist weit größer, als er annimmt, der Anteil der Meere höher und die Abstände zwischen den Breitengraden sind länger. Außerdem hat er die arabische mit der viel kürzeren römischen Meile verwechselt, was der Junta auffällt. Sie lehnt den Vorschlag des Genuesen ab. Also geht Kolumbus zur Konkurrenz nach Spanien und trägt seine Sache der Königin Isabella vor. Die hat ebenfalls ihren nautischen Rat. Und der rechnet nicht anders als der portugiesische und fällt das gleiche, für Kolumbus vernichtende Urteil. Aber die fromme Königin findet Gefallen an der Besessenheit dieses Mannes, der sich nicht nur als Entdecker sieht, sondern auch als Missionar, berufen, den christlichen Glauben über den Ozean zu tragen. Isabella macht ihm Hoffnungen, sein Vorhaben doch noch zu verwirklichen. Vier Jahre muss er warten, dann kommt endlich die Wende. Den Portugiesen ist der entscheidende Schritt gelungen: Ihr Seeheld Bartolomeo Diaz hat 1488 Afrika umrundet. Hinter dem Kap der Guten Hoffnung warten die Wunder und Profite Indiens. Spanien scheint damit aus dem Spiel. Oder könnte Kolumbus die Trumpfkarte sein? Isabella prüft noch einmal dessen Westwärts-Projekt. Kolumbus spürt den Aufwind und will sich seinen Einsatz vergolden lassen. Den Titel eines Admirals, eines Gouverneurs und Vizekönigs aller neu entdeckten Länder fordert er, der Wollwebersohn, auf Lebenszeit und vererbbar. Der Hof ist empört, aber im April 1492 bekommt Kolumbus seinen Willen. Wie die Reise mit seiner kleinen Flotte, bestehend aus den Schiffen „Santa Maria“, „Pinta“ und „Niña“ mit insgesamt 88 Mann Besatzung, verlief, hat er in seinem Bordbuch beschrieben. Über einen Monat lang, vom 6. September bis zum 11./12. Oktober, ist er unterwegs, bis endlich die erste Karibik-Insel in Sicht kommt. Die Ängste der Mannschaft, in deren Vorstellung der Ozean gefüllt ist mit Magnetbergen, Seeschlangen und dem Abgrund an seinem Ende, machen ihm schwer zu schaffen. Die zurückgelegten Seemeilen reduziert er bewusst, damit die Entfernung von der Heimat nicht zu weit erscheint. Im Triumph nach Spanien zurückgekehrt, ist er sicher, was er entdeckt hat: Indien. Es liege exakt dort, wie von ihm berechnet, nur dass mehr Inseln vorgelagert seien als gedacht. Doch auf den folgenden Reisen findet er weder Japan, dessen goldene Dächer Marco Polo so anschaulich beschrieben hatte, noch den „Großkhan“, den Herrscher Chinas, dafür am Orinoko eine Landschaft, die er für den irdischen Paradiesgarten hält. Am Ende stürzt Kolumbus über seinen überzogenen Anspruch, die Herrschaft in den neuen Kolonien mit niemandem teilen zu wollen. Als Rebell gegen die Krone wird er all seiner Ämter entkleidet. Bis zu seinem Tod hält er daran fest, das asiatische Festland erreicht zu haben. 1507 tauft der deutsche Kartograf Waldseemüller den neuen Kontinent „Amerika“, nach dem Florentiner Navigator und Kaufmann Amerigo Vespucci, weil der als Erster den Begriff der „Neuen Welt“ gebrauchte. Kolumbus erfährt es nicht mehr. Verbittert über den Undank der Könige ist er am 20. Mai 1506 in Valladolid gestorben.

Pete R. Wilson

Titel

  1. Columbus und seine Zeit
    • VerlagBeck
    • ISBN 3406542123

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  2. Bordbuch
    • VerlagInsel Verlag
    • ISBN 3458348611

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  3. Christoph Columbus
    • VerlagFrederking & Thaler
    • ISBN 3894052678

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  4. Christoph Kolumbus
    • VerlagPrimus
    • ISBN 3896782746

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1 Kommentar/e

1. Elisabeth 23.04.2015 16:50h Elisabeth

Nicht die Abstände zwischen den Breitengraden sind länger, sondern die vermuteten Abstände zwischen den Längengraden, die damals noch überhaupt nicht gemessen werden konnten. Von daher konnten auch die Gremien in Portugal und Spanien nichts Genaues wissen.

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