Literatur-Nachrichten

Schöner Schein

Geld verdienen oder ergaunern. Geld verstehen. Geld verachten. Hier dreht sich alles ums Geld.

Die Phönizier haben einst das Geld erfunden. Aber warum so wenig davon?“, grummelte schon Komödienschreiber Nestroy. Seitdem ist es zwar etwas mehr geworden, aber die Frage bleibt: Was tun, wenn man chronisch knapp bei Kasse ist? Möglichkeit eins: Lernen Sie, Geld zu verstehen. Man kann Männer und moderne Kunst verstehen, warum also nicht auch Geld? Zum tieferen Einstieg eignet sich hervorragend „Das Dagobert-Dilemma“ von Harald Willenbrock. Der preisgekrönte Wirtschaftsjournalist skizziert die globale Entwicklung, präsentiert Experimente zu Geld als Psychofaktor, rechnet den Glückswert eines Blaukehlchens inklusive Gesang in Euro um (154 pro Jahr) und befragt den Geldprediger Bodo Schäfer oder die Aussteigerin Heidemarie Schwermer nach ihren Erfahrungen. Es zeigt sich: Das Leben eines Geldverächters ist in unserer Gesellschaft ebenso mühsam wie das eines Geldverdieners. Schwermers „Tauschring“ kostenloser Dienstleistungen löste sich nach zermürbenden Streitereien auf. Als sie Geldscheine an Düsseldorfer Passanten verschenkte, wurde sie von irritierten Beschenkten angebrüllt, andere fingen an zu weinen. Kein Wunder: In der menschlichen Psyche berührt Geld tiefe Ängste und Bedürfnisse. Dabei geht es weniger um „mein Auto, mein Haus, mein Boot“, sondern um das existenzielle Verlangen nach Wertschätzung. Doch zur Befriedigung dieses Verlangens taugt Geld nur bedingt. Psychologen haben herausgefunden, dass sich eine Gehaltserhöhung schon nach zwei Jahren kaum mehr auf die Lebenszufriedenheit auswirkt. Die Superreichen aus der Forbes-Liste erreichen keine höheren Zufriedensheitswerte als ostafrikanische Massai, die in Hütten aus getrocknetem Kuhdung leben. Geld macht für kurze Zeit glücklich, dann nicht mehr. Aus diesem Dilemma kommen wir nach Willenbrocks Ansicht nur dadurch heraus, dass wir nach Glücksgütern mit längerem Haltbarkeitsdatum suchen: Freunde, Familie, Gesundheit. Vielleicht sagen Sie jetzt: Na ja, das klingt schön, aber wie bringe ich meine Bank dazu, den Dispo zu erhöhen? Da hat sich immer noch Möglichkeit zwei bewährt: Werden Sie reich! Dazu leistet Napoleon Hills auflagenstarker Klassiker „Denke nach und werde reich“ Hilfestellung. In der Mutter aller Finanzratgeber ist drin, was man zum Reichwerden braucht: nützliche Tipps für Bewerbungen, Selbstorganisation und Networking, lehrreiche Anekdoten und jede Menge Autosuggestion. Hill fordert, nur zum Beispiel, jeden Tag laut zu sagen: „Bis zum Tag X werde ich 100000 verdienen“ und sich im Geiste einen Beraterstab aus den Leuten zuzulegen, die man bewundert. Sollte Ihr imaginärer Beraterstab nach einem Jahr aufgrund fortgesetzter finanzieller Probleme zurücktreten, bietet sich Möglichkeit drei an: Nehmen Sie einfach denen das Geld weg, die zu viel davon haben. Dies tat mit seltener Virtuosität Anlagebetrüger Jürgen Harksen, den die „Zeit“ als einen modernen Eulenspiegel porträtierte. In seinen Memoiren plaudert Harksen aus, wie er es schaffte, dass ihm der konservative Hamburger Geldadel Millionen in die Taschen stopfte. Dazu gehört: getürkte Dankesschreiben von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis herumliegen lassen, fremde Länder und Bürokratien ins Spiel bringen, den Neid auf Konkurrenten und die Angst vor dem Steuerzahlen anheizen und völlig unwahrscheinliche Renditen versprechen. Natürlich hat Möglichkeit drei auch Nachteile, was sich schon daran zeigt, dass Harksen seine Memoiren im Gefängnis verfasst hat. Bleibt Möglichkeit vier: Geldmangel als etwas Natürliches zu empfinden und die Schönheiten des Lebens zu entdecken. Wie das geht, hat mit unvergleichlicher Eleganz der ungarische Autor Sándor Márai (1900–1989) beschrieben. Das kleine Buch ist eine ironische Lebenskunst für Menschen mit geringem Einkommen. Armut ist für den Melancholiker Márai unabschaffbar, aber man kann sich trotzdem jeden Tag „billige und äußerst vornehme Zerstreuungen“ durch den Einsatz der Phantasie verschaffen. Zum Beispiel, indem man als Provinzler verkleidet eine Wanderung durch die eigene Stadt unternimmt, Liebesbriefe an abgetakelte Operettenmadonnen schreibt, „unterzeichnet: ein Student“ … Oder indem man begreift, dass das Leben ein Spiel ist, und zu genießen lernt, was kein Reicher besitzt: Zeit. Geschrieben 1943 in Budapest, für alle Zeiten wahr.

Bert Bresgen

Titel

  1. Das Dagobert-Dilemma
    • VerlagHeyne
    • ISBN 3453120485

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  2. Denke nach und werde reich
    • VerlagAriston
    • ISBN 3720527409

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  3. Wie ich den Reichen ihr Geld abnahm
    • VerlagScherz
    • ISBN 3502150117

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  4. Schule der Armen
    • VerlagPiper
    • ISBN 3492048595

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