Literatur-Nachrichten

Samuel Beckett: Beschwörer des Nichts

Neue Facetten des Literaturnobelpreisträgers.

„Frightful day again & fürchterlich erkältet“, schreibt er am 6. Oktober in sein Hamburger Tagebuch. Ende 1936 ist Samuel Beckett zur Rundreise durch Deutschlands Städte, Museen, Konzertsäle und Theater aufgebrochen. Verschnupft, aber voller Neugier verbringt er Wochen im winterlichen Hamburg, lernt Deutsch, sucht nach von den Nazis verfemten Bildern, besucht Maler, denen die Arbeit immer schwerer gemacht wird. Gegen Ende des Jahres reist er über mehrere Zwischenstationen nach Berlin. Die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg und Becketts Übersetzerin Erika Tophoven haben seine Reisenotizen in zwei reich bebilderten Büchern erschlossen, die zusammen mit dem von James und Elizabeth Knowlson herausgegebenen Band „Beckett Erinnerung“ einen hervorragenden Zugang in die Welt des Samuel Beckett bieten. Da ist zum einen die Sphäre der Kunst, zu deren führenden Repräsentanten und Kennern man den angehenden Schriftsteller dereinst zählen wird. In Deutschland läuft er sich buchstäblich die Hacken ab, um kein wichtiges Museum, kein bedeutendes Gemälde auszulassen. Aber es geht Samuel Beckett nicht nur um Kunst. Da sind auch die einfachen Familienpensionen und billigen Speisewirtschaften, mit denen er sich nicht nur begnügt, weil sein „Money knapper & knapper“ wird, sondern auch, weil dieser als spröde und abstrakt verschriene Schriftsteller großen Anteil am Leben und Leiden anderer Menschen nimmt: „First time a Feuerschiff has so verunglückt“, hält er einen Untergang fest, dem 15 Mann zum Opfer gefallen sind. Seine Reisen zu den deutschen Kunstschätzen sind ein vorweggenommener Abschied von einer Kultur, die drei Jahre vor dem Weltkrieg schon im Schwinden begriffen ist. Angewidert vermerkt der junge Ire die Eintopfsonntage, Hitlergrüße, Spenden für das Winterhilfswerk, die sich die Deutschen haben aufzwingen lassen. Ohne intellektuellen Dünkel studiert Beckett den Alltag, sitzt nächtelang mit anderen Pensionsgästen zusammen, schließt Bekanntschaften und verliebt sich fast in eine Hamburger Bürgerstochter. Immer wieder registriert er auch die seltsamen Dinge, die Menschen sich einverleiben, um am Leben zu bleiben. Eine Hamburger Spezialität gibt ihm Rätsel auf: „Aalsuppe excellent“ notiert er zwar, doch die Pflaumen darin seien „perhaps a mistake“. In seinem 1953 erschienenen Roman „Watt“ wird tagtäglich ein sonderbarer Eintopf serviert werden, den man als ultimative Aalsuppe verstehen kann – die ihren Namen übrigens keiner Fischeinlage, sondern dem Umstand verdankt, dass sie aus allem Möglichen (plattdeutsch „ut aal“) zusammengebraut wird. Einem ähnlichen Prinzip folgten Becketts Werke, deren immer kargere Ausstattungen und Charaktere die Welt schließlich auf eine letzte Essenz reduzierten. Gab es in frühen Romanen wie „Murphy“ (1938) und „Watt“ noch skurrile und hochkomische Verstrickungen mit der Außenwelt, so war die Bühne in „Warten auf Godot“ schon fast leer geräumt: „Landstraße. Ein Baum. Abend“, lautet die Regieanweisung. Das Warten konnte beginnen. Es war auch ein Warten darauf, was die Lebensregie als Nächstes streichen würde. Obgleich hoch gebildet, habe er doch begriffen, „dass mein eigener Weg in der Verarmung lag, im Mangel am Wissen, im Subtrahieren, statt im Addieren“, sagte Beckett seinem Biografen James Knowlson. Mehr als ein Jahrzehnt vor seinem Tod schrieb Samuel Beckett, dessen so scharf wirkende blaue Augen schon der graue Star befallen hatte, seinem Kollegen Raymond Federman, dass er selbst kaum mehr präsentabel sei: „Und dann gibt’s noch so viel zu tun und so wenig, womit.“ Neben vielen anderen biografischen Zeugnissen von und über ihn findet sich in „Beckett Erinnerung“ auch ein bewegender Bericht seines deutschen Verlegers Siegfried Unseld. Kurz vor seinem Tod hatte der weltweit bekannte Literaturnobelpreisträger mit der „Verarmung“ nicht nur auf dem Papier seiner Werke endgültig Ernst gemacht und war in ein Pariser Pflegeheim gegangen, dessen Trostlosigkeit für Unseld einem Beckett-Stück glich. So lebte er bis zuletzt, wie er geschrieben hatte. Was spräche mehr für seine Aufrichtigkeit?

Ulrich Baron

Titel

  1. Beckett was here
    • VerlagHoffmann und Campe
    • ISBN 3455095410

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  2. Beckett Erinnerung
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 3518417665

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  3. Becketts Berlin
    • VerlagNicolaische Verlagsbuchhandlung
    • ISBN 3894791594

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  4. Nacht und Träume
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 3518417649

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  5. Warten auf Godot
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 351812465X

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  6. Der unbekannte Beckett
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 3518456741

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  7. Drei Stücke
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 3518457519

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  8. Wie es war
    • VerlagSuhrkamp
    • ISBN 3518417738

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