Literatur-Nachrichten

Albträume aus 1001 Nacht

Wochenlang wurde die italienische Journalistin Giuliana Sgrena im Irak als Geisel festgehalten. Ein Gespräch über das Pulverfass im Land von Euphrat und Tigris.

Irakische Widerstandskämpfer hatten die Korrespondentin der italienischen Tageszeitung „il manifesto“ in Bagdad entführt und einen Monat lang als Geisel festgehalten. Sgrenas Befreiung am 4. März 2005 endete mit einer Tragödie: US-Soldaten schießen auf den Wagen, in dem zwei italienische Geheimdienstbeamte die Journalistin zum Flughafen bringen. Der Agent Nicola Calipari stirbt im Kugelhagel, Sgrena wird schwer verletzt. Dass ausgerechnet sie als eine erklärte Pazifistin, die dem Leid der Iraker eine Stimme geben wollte, von Widerstandskämpfern benutzt wird, um die Befreiung des Landes durchzusetzen, lässt sich nur begreifen, wenn man die Situation im Irak versteht – so die 58-jährige Reporterin, die u. a. in den Krisengebieten Sudan, Algerien und Afghanistan unterwegs war. Wie sieht der Alltag der Menschen im Irak heute aus? Giuliana Sgrena: Die Lebensumstände haben sich dramatisch verschlechtert. Strom und Wasser gibt es nur drei bis vier Stunden am Tag. Es fehlt in Bagdad an Benzin – das Paradox schlechthin. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 80 Prozent. Wie hat sich die Perspektive der Iraker auf Fremde verändert? Mit fortschreitender Besatzung wuchs die Feindseligkeit gegenüber den Amerikanern und übertrug sich dann auf die übrigen Ausländer – bis alle Ausländer gleich waren. Es wird nicht mehr unterschieden zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Sicherheitsdiensten, humanitären Hilfskräften und Journalisten. Auch meine Entführer sagten mir: „Wir machen keine Unterschiede mehr, für uns seid ihr alle gleich.“ Können die Richtlinien der neuen Verfassung eine Demokratisierung in Gang setzen? Die Verfassung sieht einen Föderalismus vor, der auf der Aufteilung der Erdölvorkommen basiert: das heißt, Kurden und Schiiten – die beiden Volksgruppen, die unter Saddam die wenigsten Rechte hatten – teilen sich das Öl, während die von Saddam favorisierten Sunniten alle Ressourcen verlieren würden. Allerdings haben die Schiiten den Föderalismus nur unter der Bedingung akzeptiert, dass das islamische Gesetz in Kraft tritt. Die Verfassung schreibt vor, dass die Scharia und der Koran die Rechtsgrundlage des Landes bilden. Droht die Islamisierung des Irak? Das Land ist schon dabei, sich zu islamisieren. Die wichtigsten politischen Parteien haben alle eine religiöse Ausrichtung, und jede von ihnen verfügt über eigene Milizen, die im schiitischen Teil des Landes bereits die Macht in ihrer Hand haben und den Menschen die Scharia aufzwingen. Die Mitglieder dieser Milizen stellen auch die Polizei. Tagsüber arbeiten sie als Ordnungshüter, abends im Dienst ihrer Partei. Hat sich das Leben der Frauen verändert? Die Lage der Frauen ist Furcht erregend. Wenn wir ihre Lebensbedingungen als Maßstab für die Demokratisierung eines Landes nehmen, dann gibt es im Irak einen grenzenlosen Rückschritt. Unter dem blutigen Regime von Saddam hatten die Frauen viele Rechte, nicht nur auf dem Papier. Sie beteiligten sich am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben. Sogar im Kriegsrat saß damals eine Frau. Mittlerweile verschleiern sich alle Frauen, was vorher nur in den schiitischen Vierteln so war. Jetzt bewegen sie sich unauffällig, als wären sie unsichtbar. Weil eine verbindliche Rechtsprechung fehlt, gilt eine Mischung aus Scharia und Stammesgesetzen: Wird eine Frau Opfer einer Vergewaltigung, muss sie getötet werden, um die Ehre der Familie reinzuwaschen. Die Zunahme solcher Delikte ist Schwindel erregend. Welche Zukunft erwarten Sie für den Irak? Seit 2003 war ich siebenmal im Irak, und jedes Mal hatte sich die Lage verschlechtert. Jetzt heißt es, wenn wir die Truppen abziehen, bricht der Bürgerkrieg aus. Aber den gibt es doch schon längst! Die Truppen müssen das Land verlassen! Die Iraker müssen endlich die Gelegenheit bekommen, selbst über ihre Zukunft zu entscheiden. Allerdings mache ich mir keine Illusionen: Wahrscheinlich wird das Blutbad für eine gewisse Zeit andauern. Früher oder später aber wird der Wiederaufbau beginnen.

Gabriella Vitiello

Titel

  1. Friendly Fire
    • VerlagUllstein Buchverlage
    • ISBN 3550078781

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  2. Zwischen zwei Welten
    • VerlagHoffmann und Campe
    • ISBN 3455095275

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  3. Bagdad Burning
    • VerlagResidenz
    • ISBN 370173013X

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