Literatur-Nachrichten

Vom Saulus zum Paulus

Glamour, Halbwelt, Drogen, Affären – Heiner Lauterbach hat nichts ausgelassen in seinem Leben. Der Rebell ist zur Ruhe gekommen, runter von der Überholspur, und auf einem Weg, der geradewegs zu ihm selbst führt. Wie es ist, sich zu verwandeln, ohne sich zu verleugnen, darüber sprach der Schauspieler mit dem Buchjournal.

"Schmal“ – das war sein Spitzname in der Kölner Szene. Schmal, das passt auch heute. Wo andere Männer über 50 einen Bauch haben, hat Heiner Lauterbach ein Loch. Enge Jeans, braune Sneakers, lässiges Hemd, Gürtel mit extrem breiter Schnalle. Alles betont den schmalen Körper. Am auffälligsten aber die Gesichtszüge: asketisch wie bei einem Franziskanermönch. Daran ändert auch die frische Bräune vom Familienurlaub auf Mauritius nichts. Zum Interview im Café der Hamburger Kammerspiele bestellt Heiner Lauterbach ein Wasser. Ohne Kohlensäure. Der Schauspieler ist anscheinend ein anderer Mensch geworden. Der einstige Super-Macho, der kein Glas Wodka stehen ließ, rührt keinen Alkohol mehr an. Er achtet auf seine Ernährung, isst kaum Fleisch. Täglich läuft er zwei Stunden. Der heilige Heiner? Seine Biografie legt tatsächlich die Wandlung eines Saulus zum Paulus nahe. Ande-re engagieren für die Lebensbeschreibung gern einen professionellen Co-Autor. Lauterbach hat alles selbst verfasst. „Nichts ausgelassen“ lautet der passende Titel. Schonungslos gegenüber sich selbst berichtet Lauterbach von einer Art dauerpubertierendem Dasein: Saufen, Feiern, Sex. Man erfährt so einiges über die Schauspielbranche, ihre Laster, Eitelkeiten und Ausschweifungen. Und die vielen berühmten Frauen in seinem Leben, die Jennys und Katjas? Vor denen verbeugt sich der Autobiograf als Gentleman: die Erinnerung an das Schöne genießen und das weniger Angenehme verschweigen. Herr Lauterbach, ist es mit 52 Jahren nicht ein bisschen früh für ein Resümee? Heiner Lauterbach: Keineswegs. Ich wollte endlich etwas haben, das ich meinem Sohn Oscar in die Hand drücken kann. Vor vier Jahren habe ich angefangen zu schreiben. Aus einem langen Brief wurde ein Buch. Viel Stoff für einen 17-Jährigen. Was machen Sie, wenn Ihr Filius nach der Lektüre auf die Idee kommt, er müsse seinem wilden Papa nacheifern? Ich habe viele Gespräche mit ihm geführt, um ihm zu verdeutlichen, dass ich absolut weiß, wovon ich spreche. Er sollte erkennen, dass ich bereit bin, alles zuzugeben. Ich habe ihm aber auch gesagt, dass man wahnsinnig viel Glück braucht, um da heil wieder rauszukommen. Und auf dieses Glück kann sich keiner verlassen. War es sehr schwer, das Schreiben? Das Schreiben und das Erinnern ist ein Prozess, den man sich antrainieren kann. Nicht nur für das Buch, auch für mich persönlich war das Erinnern enorm wichtig. Sich selbst bewusst machen, wie man bislang gelebt hat. Mit allen Höhen und Tiefen. Ohne etwas zu beschönigen. Mit einem Ghostwriter hätte ich das so nie schaffen können. Dem hätte ich niemals so bedingungslos ehrlich von meinem Leben erzählt. Herr Lauterbach, Sie sind Kölner und Katholik. Liest sich deshalb Ihre Biografie streckenweise wie eine Lebensbeichte? (lacht) Mit den Religionen habe ich so meine Schwierigkeiten, aber ich trau mich auch nicht ganz, nicht gläubig zu sein. Aber im Ernst: Ich trauere nichts nach, möchte nichts missen, allerdings wäre vieles verzichtbar gewesen. Das mag Ihre Frau Viktoria sicherlich auch so sehen. Wie hat sie Ihre Aufzeichnungen aufgenommen? Anfangs hatte sie Angst davor, das Manuskript überhaupt zu lesen. Dann hat sie es im Bett studiert – und ich habe den einen oder anderen Tritt unter der Bettdecke abbekommen. Ihre Biografie beginnt mit dem Moment vor dem Traualtar. Ist Ihre Frau der Grund für den geläuterten Heiner? Es ist doch albern, wenn alle sagen, sie habe mich geändert. Aber sicher gehört meine Liebe zu Viktoria auch dazu. Natürlich hat sie mir viel geholfen mit ihrer ruhigen, besonnenen Art. Mit einer Feiermaus an meiner Seite wäre es sicher ungleich schwieriger gewesen, mit alledem aufzuhören. Aber ich war selbst bereit dazu. Zudem halte ich es für einen völlig normalen Vorgang, wenn ein Mann sein Leben ändert. Die Gesundheit spielte sicher auch eine Rolle. Sie sollen zwei Herzattacken erlitten haben … Das Vorhofflimmern war eine Infektion und keine direkte Folge meines Lebenswandels. Ja, vielleicht hätte der Körper diese Infektion besser weggesteckt, wenn ich weniger getrunken und mehr Sport gemacht hätte. Jetzt trinken Sie überhaupt nichts mehr? Nein, keinen Tropfen. Ich komme ja aus der Wirkungs-Trinker-Ecke, bei mir musste Alkohol irgendeine Wirkung erzeugen, was man mit drei Gläsern Rotwein nicht schaffen kann. Also lass ich es ganz. Meiner Familie, aber vor allem mir selbst zuliebe. Ich habe mein Amüsement auf den Tag verlegt, mache Musik, Sport, lerne Texte, schreibe. Und Ihre alten Kumpels aus Köln schimpfen Sie einen Pantoffelhelden? Solche Sachen werden sicher schon mal im Spaß gesagt. Aber wir alle werden älter – und zahmer. Es waren ja auch nicht alle so hart drauf wie ich. Ich habe jeden Tag so getrunken wie andere an Silvester. Ich glaube, dass man als Suchtmensch geboren wird. Man kann sich dann für oder gegen das Trinken entscheiden. Wenn man sich dagegen entscheidet, kommt der Alkoholismus nicht zum Tragen. Wenn man aber trinkt, wird man Alkoholiker. Ich war ein extrem starker Trinker bis hin zur physischen Notwendigkeit. Wenn ich es so richtig habe krachen lassen, musste ich morgens schon aus kreislauftechnischen Gründen was trinken. In dieser Form hätte ich nicht mehr weiterleben können. Auch härterem Stoff waren Sie ja nicht ganz abgeneigt … Als ich jünger war, da war ich kurz davor, Heroin zu nehmen. Das Zeug hat ein paar von meinen alten Bekannten gekillt. Ich habe unglaubliches Glück gehabt. Die Drogen haben Sie auch in den Knast gebracht … Davon hatte ich bislang nie jemandem erzählt. Doch in meinem Buch wollte ich diese Seite meines Lebens nicht verschweigen. Zwei Monate in einem indischen Gefängnis, weil ich als junger Bursche am Flughafen von Kalkutta mit Haschisch erwischt worden war. Das ist die Hölle. Du bist ganz auf dich allein gestellt, weißt nicht, was mit dir passieren wird, ob du überhaupt überlebst. Ich hatte wieder Glück. Allerdings bin ich seitdem nie wieder in Indien gewesen. Ist extremer Sport eine Ersatzdroge? Das ist vielleicht eine Art Verlagerung der Sucht. Wenn ich Sport mache, geht es mir danach gut. Ich weiß über die Hormonausschüttungen Bescheid, die Endorphine. Aber ich habe ein bisschen Angst vor solchen Vergleichen. Sicher ist es so, dass mir etwas fehlen würde im Tagesablauf, wenn ich keinen Sport mache. Wenn man 30 Jahre so gelebt hat wie ich und damit plötzlich aufhört, da sind am Tag rund acht Stunden nicht ausgefüllt. Früher habe ich diese Stunden damit verbracht, in der Kneipe zu sitzen und zu saufen. Oder Damen zu beglücken. Doch nun gibt es nur noch eine Frau fürs Leben … Auch das ist schön. Wenn man mit über 50 noch in Discos rumhängt und versucht, 30 Jahre jüngere Mädels abzuschleppen, ist das doch nur peinlich. Außerdem hat es riesige Vorteile, wenn man nicht mehr lügen muss. Du kannst auf einmal unbeschwert ans Telefon gehen, ohne Angst zu haben, dass da eine gewisse Dame am anderen Ende ist und du so tun musst, als wäre da niemand Besonderes. Das tut meinen Nerven unheimlich gut. Bereuen Sie etwa Ihr früheres Leben? Nein, es war eine bombige Zeit, die ich nicht missen möchte. Heute jedoch sieht mein Leben anders aus. Heute amüsiere ich mich eben ohne Alkohol. Was zur Folge hat, dass ich, wenn ich essen gehe, um zehn oder halb elf aus dem Fenster bin, weil dann die Leute anfangen, mir zum zweiten oder zum dritten Mal dieselben Geschichten zu erzählen. Was mich allerdings sehr ärgert: Ich fahre jetzt nachts immer stocknüchtern durch die Stadt und werde nie angehalten! Hat der Antialkoholiker Lauterbach auch Freunde verloren? Ein paar schon, da merkt man dann plötzlich, dass man mit denen wirklich nur gesoffen hat. Die meisten bleiben aber. Es ist ja nicht so, dass ich mich charakterlich verändert hätte. Ich liebe auch weiterhin alle Menschen, die rauchen, fressen, saufen. Meine Prioritäten sind die gleichen geblieben: Spaß zu haben und glücklich zu sein. Aber irgendwann ist für uns alle der Spaß wohl vorbei. Macht Ihnen das keine Angst? Ich neige dazu, an die ewige Gerechtigkeit zu glauben. Je glücklicher man ist, desto mehr Angst hat man vor dem Tod. Wenn man ein richtig mieses Leben gehabt hat, kommt einem der Tod möglicherweise als Gnade vor. Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich gestehe, dass ich sehr am Leben hänge. Ich würde sehr gern meine Enkel aufwachsen sehen. Noch sind Sie ja kein Großvater. Wie erziehen Sie denn Ihre kleine Tochter? Ich versuche, unserer Maya auf liebevolle Weise zu vermitteln, dass sie nicht darum herumkommt, auf mich zu hören. Ich halte es für wichtig, meinen beiden Kindern christliche Werte mit auf den Weg zu geben. Die Zehn Gebote sind eine wunderbare Gebrauchsanweisung fürs Leben. vita Heiner Lauterbach wird am 10. April 1953 in Köln geboren. Seine Familie ist gut situiert, der Vater ein erfolgreicher Unternehmer. Nach der mittleren Reife nimmt Lauterbach Schauspielunterricht und spielt Theater. Seine Jugend verbringt er ansonsten damit, mit seinen Freunden aus der Kölner Halbwelt um die Häuser zu ziehen. Mit der Rolle des eifersüchtigen Ehemannes in Doris Dörries Komödie „Männer“ (1985) wird Lauterbach über Nacht zum Star und mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Seither spielt er Hauptrollen in zahlreichen TV-Produktionen (z.B. „Der Schattenmann“, „Der Verleger“). Aus der Ehe mit der Schauspielerin Katja Flint stammt Sohn Oscar (17). Nach der Trennung von Lebensgefährtin Jenny Elvers folgt im September 2001 die Hochzeit mit dem Playmate Viktoria Skaf. Tochter Maya kommt 2002 zur Welt. Lauterbach lebt heute am Starnberger See.

Hans Schloemer

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