Literatur-Nachrichten

Forscher der Träume

Ob er über Träume nachdenkt, über Sexualität oder die Ursachen von Krieg und Terror: Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, schreibt eine bestechend klare Prosa. Eine Aufforderung zur Lektüre und ein Porträt zum 150. Geburtstag.

Am 6. Mai 1856 kommt er zur Welt, im tiefen 19. Jahrhundert, in allertiefster Provinz, dem mährischen Städtchen Freiberg – als Sohn eines ruinierten jüdischen Wollhändlers und seiner 20 Jahre jüngeren Frau, einer Schönheit. Sigmund ist der Liebling der Mutter und Klassenprimus. Schon als 17-Jähriger immatrikuliert er sich an der Universität Wien; er will Arzt werden. Seine Neugierde gilt den „Neurasthenien“, seelischen Störungen. Freud setzt Hypnose ein und entdeckt: Ursache hinter den seltsamen Symptomen sind fast immer verdrängte sexuelle Wünsche und Ängste. Doch die Methode, Patienten schockhaft mit früheren Erlebnissen zu konfrontieren, scheitert. Freud findet eine Therapie ohne dramatische Effekte – das psychoanalytische Setting. Der Patient liegt entspannt auf der Couch und überlässt sich dem freien Spiel seiner Gedanken. Der Arzt hört aufmerksam zu, deutet vorsichtig. Diese Mischung aus Intimität und Distanz bringt Verborgenes an die Oberfläche. Die Dauer der Behandlung, oft beklagt, wirkt wie ein Monument gegen den Zeitgeist; Freud ging es nicht nur um das „Sich-besser-Fühlen“, er versprach keine Sofortheilung, sondern rechnete mit der Langsamkeit von Veränderung. 1900 erscheint Freuds legendäre „Traumdeutung“. Ein Drittel seines Lebens verbringt der Mensch im Schlaf, lebt ein anderes Leben, träumt. Nie zuvor hat sich ein Wissenschaftler so ausgiebig mit diesem anderen Leben befasst. Träume sind für Freud Schlüssel zu dem, was unser Leben antreibt: das Unbewusste, beherrscht von Wünschen und Ängsten unserer Kindheit. Auch der „Ödipuskomplex“ taucht hier zum ersten Mal auf: die Liebe des Sohnes zur Mutter, der Hass auf den Vater als Rivalen, die Angst vor Bestrafung – seit Urzeiten eine Quelle von Störungen. Heile Familie? Freud zerschlägt die schöne Vorstellung des 19. Jahrhunderts. Programm und Methode der Psychoanalyse liegen bereit, doch nutzen will sie vorerst kaum jemand. Freud, inzwischen über 40, behandelt in acht Monaten einen einzigen Fall. In seiner Wohnung treffen sich die paar Mitglieder der „Psychologischen Mittwochs-Vereinigung“. Nach und nach wächst das Interesse, zunächst in den USA. Hier ist die Medizin noch nicht so hierarchisch organisiert wie in Europa. Die Psychoanalyse passt zur aufstrebenden Massengesellschaft und zur amerikanischen Spezialität, den dubiosen, aber populären „Mind Cures“, die „Heilung durch das Bewusstsein“ versprechen. Als Freud 1909 auf der Überfahrt in die USA den Steward in einem seiner Werke lesen sieht, ahnt er den Durchbruch. Freuds Vorlesungen begeistern, populäre Zeitschriften berichten, die keimende Werbeindustrie interessiert sich lebhaft für unbewusste Wünsche, sogar Hollywood klopft bei ihm an. Trotzdem bleibt er lebenslang reserviert gegenüber der amerikanischen „Psychowelle“. Psychoanalyse bedeutet ihm mehr als nur Lebenshilfe. Er befürchtet, es gehe den Amerikanern lediglich um „Empowerment“, das bessere Funktionieren des Individuums, weniger um existenzielle Erkenntnis. In Europa bringt eine Katastrophe den Erfolg: Im Ersten Weltkrieg werden psychische Störungen zum Massenphänomen; die alte Ordnung von Gesellschaft und Familie liegt in Trümmern. Die Psychoanalyse ist exakt die geistige Strömung, die zur modernen Welt passt. In den 1920er Jahren entstehen weltweit neue Gruppen und Zeitschriften, Intellektuelle wie Thomas Mann und Stefan Zweig huldigen dem Entdecker des Unbewussten. Gleichzeitig wachsen die Schatten über seinem Leben. Sein Lieblingsschüler C. G. Jung und andere gehen getrennte Wege. 1922 erkrankt Freud an Gaumenkrebs. 33 Operationen lässt er über sich ergehen, ohne dass er, der Erforscher psychischer Zwänge, von seinen geliebten Zigarren lassen kann. In den 1930er Jahren kommen auch in Wien die Nazis an die Macht. Freuds Wohnung und Praxis werden durchsucht, seine Tochter Anna Freud verhaftet. Die Rettung gleicht einem Märchen: Eine Prinzessin und Urgroßnichte Napoleons, Marie Bonaparte, Mitstreiterin der psychoanalytischen Bewegung, erreicht für ihn 1938 die Ausreise nach England. Als letzten, demütigenden Akt muss Freud für die Gestapo eine Erklärung unterzeichnen, dass ihm kein Leid geschehen ist. Er tut dies, fügt aber vor den Augen seiner Häscher den finster-ironischen Satz hinzu: „Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen.“ In England empfangen ihn Künstler und Wissenschaftler wie einen König, ein Jahr später ist er tot. Und heute? Mehr als 60 Jahre danach? Warum sollen wir Freud noch lesen? Die Psychoanalyse hat sich längst weiterentwickelt, für manche war und ist sie ohnehin eine „Pseudowissenschaft“. Zunächst: Freud lesen bereitet Vergnügen. Sein ruhelos neugieriger Geist umfasst Welten. Egal, ob er Michelangelos Mosesstatue interpretiert, das Inzesttabu in „Totem und Tabu“ (1913), die Religion in „Zukunft einer Illusion“ (1927), das Vergessen eines Schlüssels oder einen flüchtigen Witz: Er tut dies anschaulich, mit detektivischem Scharfsinn, Sorgfalt und gleichzeitiger Lust an der Spekulation. Manche Träume oder Fallbeispiele lesen sich wie Novellen und lassen Schriftsteller vor Neid erblassen. Was indes noch wichtiger ist: Freud schreibt über Phänomene, die uns unmittelbar betreffen: die Rolle unbewusster Konflikte, Aggressionen, Sexualität. Seine Frage nach den unbewussten Ursachen von Krieg und Terror sind von der gleichen Aktualität wie die nach den Gesetzen des alltäglichen Lebens. Machen Sie die Probe aufs Exempel: Wie oft tue ich etwas, das ich eigentlich nicht will? Wieso verliebe ich mich immer in die gleiche Art Mensch? Wie viel Zeit verbringe ich damit, mich vor Dingen zu fürchten, die eigentlich nicht so schlimm sind? „Irgendetwas“ bringt mich dazu, und mit diesem „Etwas“ beschäftigte sich Freud. Vielleicht überschätzte er die Bedeutung der Sexualität. Aber ist es nicht verblüffend, in wie vielen Formen sich das Begehren im Internet zeigt, dem Medium der letzten Revolution der Menschheitsgeschichte? „Sex“ ist weltweit das häufigste aller Suchwörter. 2005 fragten die verlässlichen Antifreudianer vom „Spiegel“: „Hatte Freud doch Recht?“ und präsentierten Ergebnisse von Hirnforschern, die Freuds Theorien zu bestätigen scheinen. Damit wäre erstmals die Richtigkeit der Freud’schen Grundannahmen erwiesen. Recht haben oder nicht. Vielleicht kommt es nicht darauf an. Vielleicht besteht seine Genialität vor allem darin, andere Fragen zu stellen, unerhörte Fragen, ihnen beharrlich nachzugehen und nach neuen Zusammenhängen zu suchen. Jedenfalls gibt es im Werk dieses Entdeckers noch viel zu entdecken.

Bert Bresgen

Titel

  1. FREUD. Das Lesebuch
    • VerlagFischer
    • ISBN 3100733029

    bestellen

  2. Der Taschen-Freud
    • Verlag Kreuz Verlag
    • ISBN 3783127084

    bestellen

  3. Als Psyche auf die Couch kam
    • VerlagAufbau-Verlag
    • ISBN 3351026315

    bestellen

  4. Die Freuds
    • VerlagKiepenheuer & Witsch
    • ISBN 3462036173

    bestellen

  5. Freuds Jahrhundert
    • VerlagPaul Zsolnay
    • ISBN 3552053727

    bestellen

  6. Sigmund Freud
    • VerlagBeltz Verlag
    • ISBN 3407857802

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld