Literatur-Nachrichten

Italienische Reise

Bella Italia! Die Sehnsucht nach dem sonnigen Süden ist ungebrochen. Hier zeigt sich Italien in all seinen widersprüchlichen Facetten: von Michelangelo bis Berlusconi, vom handfesten Krimi bis zur bösen Gesellschaftssatire.

Goethe hatte es vorgemacht. Millionen von Deutschen machten es nach und rollten im VW-Käfer gen Süden. Spätestens in Wirtschaftswunderzeiten war Mobilität plötzlich erschwinglich und das Mittelmeer erfahrbar geworden. „Das Land, wo die Zitronen blühen“, besungen und bereist von den Dichtern, avancierte in den späten 50er Jahren zum beliebten Urlaubsland für jedermann. Die „Gastarbeiter“ ihrerseits brachten mit Pizza, Pasta und (Fiat) Panda italienische Lebensart in den Norden. Zehn Neuerscheinungen bieten nun Gelegenheit für einen Blick über den Spaghetti-Tellerrand und ergründen „italienische Verhältnisse“ – von der Politik bis zur Küche – abseits der gängigen Klischees von Dolce Vita und O sole mio. Englands Starkoch Jamie Oliver setzt der traditionellen Land-und-arme-Leute-Küche Italiens ein Denkmal. „Genial italienisch“ ist keine herkömmliche Rezeptsammlung. Von der Toskana bis nach Sizilien unternimmt der Brite im klapprigen VW-Bus die lang ersehnte Grand Tour quer über den Stiefel. Bei Mammas, Fischern, Metzgern und Straßenverkäufern sucht er nach der besten Zubereitungsart für gehaltvolle Gemüsesuppen, gefüllte Zitronen, Spaghetti mit Meeresfrüchten, Toskana-Sushi und Kichererbsensnacks. Jamie Oliver lässt sich verzaubern von der Vielfalt der Pastaformen und dem ausgeprägten kulinarischen Regionalbewusstsein der Italiener. Unterwegs kocht er für hungrige Arbeiter bei der Weinlese und erzählt von seinen Bekanntschaften, etwa dem Mädchen, das Nudeln schneller herstellen kann als jeder Profi. Sein Buch ist eine Hommage an die italienische Esskultur, ohne die das Repertoire von so manchem Kochkünstler um einiges magerer ausfallen würde. Addio, Dolce Vita! Die extravaganten Leidenschaften einer römischen Familie schildert Alessandro Piperno in seinem spektakulären Debüt „Mit bösen Absichten“. Der Roman, in Italien die literarische Sensation des vergangenen Jahres, ist ein Abgesang auf die glanzvolle Zeit der Sonninos. Für die männlichen Figuren dieser „laizistischen, jüdischen, illusionslosen, freizügigen Familie“ gehören Liebesaffären, Luxus und Maßanzüge zum Leben wie der Parmesan auf die Pasta. Mit Spott und Tragikomik berichtet Pipernos erzählerisches Alter Ego, Daniel Sonnino, vom Aufstieg und Bankrott seines Großvaters, des Tuchgroßhändlers Beby, der ein ebenso genialer wie „schamloser Schmeichler“ ist. Er beobachtet das Leben seines Vaters Luca, „die Version des Ewigen Juden, eine Übertragung des Miller’schen Handlungsreisenden ins Schicke“, und analysiert sich selbst als Strumpfhosenfetischist. Einen Blick in den Abgrund aus Gier, Neid und egozentrischer Liebe des römischen Großbürgertums bietet dieser Roman außerdem. Gesellschaftskritische Töne schlägt auch Bestseller-Autor Stefano Benni an, der phantasievolle Anarchist und humorvolle Sprachakrobat unter Italiens Literaten. Im Mittelpunkt seines neuen Romans „Der schnellfüßige Achilles“ steht die ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem Lektor Ulisses und dem jungen Schriftsteller Achilles, der sich wegen eines schweren Handicaps vorzugsweise über E-Mail mitteilt. Diese Figurenkonstellation schmückt Benni mit vielfältigen Versatzstücken aus dem ganz gewöhnlichen Chaos des italienischen Alltags: Banker bereichern sich mit illegalen Geschäften, ein Polizist der Einwanderungsbehörde stellt eine Aufenthaltserlaubnis nur für eine Gegenleistung aus, und natürlich will niemand zugeben, Berlusconi gewählt zu haben. Ehrenmänner und der Mythos Mafia In die dunklen Gefilde aus rassistischen Vorurteilen und voreingenommener Justiz begibt sich der Anti-Mafia-Staatsanwalt Gianrico Carofiglio. Die Hauptfigur seines packenden Gerichtskrimis „Reise in die Nacht“ ist Avvocato Guido Guerrieri aus Bari, der Hauptstadt Apuliens. Dort verteidigt der Anwalt in einem scheinbar aussichtslosen Fall einen senegalesischen Straßenhändler, der des Mordes an einem Kind bezichtigt wird. Der sympathische Guerrieri, der zwar nicht mehr an die Gerechtigkeit glauben will, aber umso engagierter für sie kämpft, führt die Leser nicht nur sicher durch die Untiefen der italienischen Justiz, sondern auch durch die rauen und oftmals kriminellen Realitäten seiner Heimatstadt Bari. Noch weiter im Süden, in Sizilien, liegt die Heimat der berüchtigtsten kriminellen Vereinigung Italiens. „Cosa Nostra“ ist das Synonym schlechthin für die Mafia. Ihr hat der englische Historiker und Journalist John Dickie eine Studie gewidmet, die sich so spannend wie ein Krimi liest. In „Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia“ nimmt er der legendären Organisation alle verharmlosenden Mythen. Dickie geht zurück zu den Ursprüngen im 19. Jahrhundert und legt detailliert die brutale und skrupellose Arbeitsweise des organisierten Verbrechens offen – von den Niederlassungen in den USA über die Morde an sizilianischen Richtern bis hin zu alten und neuen Seilschaften in Politik und Wirtschaft. Auch auf Silvio Berlusconi, den italienischen Premier, Medienmogul und Spezialisten für maßgeschneiderte Gesetze, fällt immer wieder der Verdacht, er habe sein immenses Vermögen mit Hilfe der Mafia organisiert. Diese und vermeintlich andere dunkle Seiten in der Karriere des „Cavaliere“ beleuchtet der amerikanische Journalist und Italienkenner Alexander Stille in „Citizen Berlusconi“. Stille schreibt das Porträt eines Wirtschaftsmagnaten, der 1993 bewusst mit dem Ziel in die Politik ging, sich zum Paten seiner selbst zu machen und sein Kapital weiter zu vermehren. Am 9. April will Berlusconi erneut bei den bevorstehenden Parlamentswahlen siegen. Alchimisten und Genies der Kunst Mit ihrem historischen Roman „Der Pestheilige“ führt die amerikanische Autorin Kay MacCauley in das Venedig des 16. Jahrhunderts, wo ein Findelkind mit geheimnisvoller Ausstrahlung Fluch und Segen seiner Mitmenschen auf sich zieht. Magier, Alchimisten und Inquisitoren betreiben in der pittoresken Lagunenstadt, die vom schwarzen Tod bedroht wird, ihre dubiosen Geschäfte. Die Pest verschonte damals auch nicht Florenz, das Zentrum der italienischen Renaissance. Durch die Seuche verlor der Bildhauer und Maler Michelangelo Buonarotti seinen geliebten Bruder. Leben und Werk des melancholischen Künstlers mit dem widersprüchlichen, wilden und zugleich zerbrechlichen Charakter erzählt Antonio Forcellino in seiner umfassenden Biografie. Der Chefrestaurator von Michelangelos „Moses“ nähert sich dem von der Kunst besessenen Genie ohne Tabus. Buonarottis Homosexualität und seine freie, unkonventionelle Arbeitsweise beleuchtet Forcellino genauso wie dessen Konflikte mit der Kirche und die politischen Wirren der Epoche. Ohne die italienischen Künstler-Größen wie Michelangelo, Leonardo und Caravaggio wäre die Faszination, die Italien auf spätere Malergenerationen ausübte, vermutlich schwächer ausgefallen. Eine Ausstellung in Den Haag rekonstruiert die Anziehungskraft des Südens auf die Künstler des Nordens und zeigt Italienbilder aus drei Jahrhunderten. „Der Traum von Italien“ – so der Titel des Katalogs zur gleichnamigen Schau (bis 25. Juni) – spielte sich in Köpfen ab. Das Stiefel-Land ist für die Maler die Projektionsfläche ihrer Sehnsucht nach einem idyllischen Arkadien. „Da fiel kein Traum herab … Da fiel mir Leben zu“, schrieb Ingeborg Bachmann in einem ihrer Verse über Süditalien. Die Dichterin, die 1953 nach Rom zog, sprach perfekt Italienisch und war eine Kennerin des Landes. Ein Jahr lang arbeitete sie damals unter dem Pseudonym Ruth Keller als Korrespondentin für Radio Bremen. Erst 2002 im Archiv des Senders wiederentdeckt und von Suzanne von Borsody gelesen, liegen die vergnüglichen „Römischen Reportagen“ nun in neuer Auswahl vor. So kann man erleben, wie präzise und spannend die Bachmann Episoden aus Politik, Kultur und Alltagsleben dokumentiert. Zu einer Zeit, als die Italiensehnsucht nördlich der Alpen am größten war.

Gabriella Vitiello

Titel

  1. Mit bösen Absichten
    • VerlagFischer
    • ISBN 3100619048

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  2. Reise in die Nacht
    • VerlagGoldmann Verlag
    • ISBN 3442310997

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  3. Der Traum von Italien
    • VerlagBelser AG
    • ISBN 3763024670

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  4. Römische Reportagen
    • VerlagDer Audio Verlag
    • ISBN 3898135012

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  5. Cosa Nostra
    • VerlagFischer
    • ISBN 3100139062

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  6. Der schnellfüßige Achilles
    • VerlagWagenbach
    • ISBN 3803132002

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  7. Der Pestheilige
    • VerlagPage & Turner
    • ISBN 344220304X

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  8. Michelangelo
    • VerlagSiedler
    • ISBN 3886808459

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  9. Citizen Berlusconi
    • VerlagC. H. Beck
    • ISBN 3406529550

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  10. Genial italienisch!
    • VerlagDorling Kindersley
    • ISBN 3831008795

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