Literatur-Nachrichten

Irische Art

Irland, Dichterheimat von Joyce, Beckett, Shaw und Butler, Land des Guinness und anderer Rekorde. Eine Inselgeschichte

Wenn Sie nie in Irland waren, dann haben Sie noch ein echtes Ziel im Leben. Glückwunsch, wer kann das heutzutage von sich behaupten! Nach Irland – da sollte eigentlich jeder mal hin. Warum? Weil am Ende des Regenbogens immer ein Topf mit Gold versteckt ist. Aber da geht’s schon los: Nicht einer, in Irland spannen sich oft drei oder fünf Regenbögen auf einmal über blitzblank glänzende Landschaften. Das ist ein ergreifender Anblick, der die verhärtetsten Herzen weich spült, und darum versuchen Sie erst gar nicht, sich für ein Ende zu entscheiden. Steuern Sie lieber den nächsten Pub an. Dort werden Sie auf Menschen treffen, die nicht durch Sie hindurchschauen, wenn Sie den Raum betreten. Nein, Sie werden wahrgenommen. Man interessiert sich. Nicht für Ihre Brieftasche, für Sie höchstpersönlich, als Neuankömmling. So ist das in Irland. Prächtige Zeitgenossen finden wir da, gastfreundlich und offenherzig. Rote Haare haben allen Klischees zum Trotz leider nur vier Prozent der Bevölkerung, dafür sind viele Irinnen wunderschön. Kluge Männer wissen: Ein Mädchen ohne Sommersprossen ist wie ein Himmel ohne Sterne. Die Iren haben viel Regen, viele Heilige und noch mehr Durst. Es stimmt jedoch nicht, dass sie alle schlucken wie die Weltmeister. In Irland soll es auch Abstinenzler geben. Zumindest wird sich bei rund vier Millionen Einwohnern wohl der eine oder andere finden lassen. Der Ire und sein Pub, das ist wie Sofa, Pantoffeln und Sportschau für den deutschen Mann, also ein Biotop allerhöchster irdischer Gemütlichkeit. Nur dass es dem Iren in seinem öffentlichen Wohnzimmer auch um Kommunikation zu tun ist. Und um Musik. Am besten das volle Kneipenkonzertprogramm mit Fiddle, Flöte und Knopf-Akkordeon. Doch auch wenn mal keine Musiker live aufspielen, weiß sich der Ire zu helfen. Darum sollten Sie sich vor Ihrer Reise von Ihren oder Nachbars Kindern wenigstens ein deutsches Volkslied in Erinnerung rufen lassen, falls so etwas heute überhaupt noch in den Schulen beigebracht wird. Es kann auch ein Klatschreim aus dem Kindergarten sein, den Text werden Ihre neuen Freunde sowieso nicht verstehen. Aber Sie müssen unbedingt etwas singen können. Im Pub kann es immer passieren, dass Sie unter aufmunterndem Gejohle um einen Liedvortrag angehalten werden, und Sie wollen doch sicher nicht dem international weitverbreiteten Vorurteil Nahrung geben, wir Deutschen seien zu steif und verklemmt? Iren haben feine Antennen für menschliche Schwächen, nicht von ungefähr sind sie geborene Geschichtenerzähler. Manche müssen sogar zwanghaft schreiben. George Bernard Shaw, Samuel Beckett, William Butler und Seamus Heaney hatten es damit bis zum Nobelpreis für Literatur gebracht. Oscar Wilde, Liam O’Flaherty und James Joyce gingen zwar leer aus, geschadet hat’s ihrer Popularität dennoch nicht. James Joyce verdankt Dublin den Bloomsday. Alljährlich am 16. Juni folgt eine riesige, feuchtfröhlich gestimmte Fangemeinde den Spuren des Leopold Bloom, dessen Tagesablauf im „Ulysses“ bis in die kleinste Unpässlichkeit beschrieben wird. Da Joyce seinen skurrilen Helden im Jahr 1904 ausschwärmen ließ, kann man sich vage vorstellen, was zum hundertjährigen Bloomsday am 16. Juni 2004 passieren wird, wenn Tausende Joyceaner im Kollektivrausch die Stadt in eine Art hochliterarischen Ballermann verwandeln. Dublin kann das ab. Gepäppelt von EU-Subventionen und US-Investitionen erreichte Irland Ende der neunziger Jahre das höchste Wirtschaftswachstum in Europa. Der Hauptstadt wurde eine Frischzellenkur verpasst, wovon Viertel wie Temple Bar als schmucke Ausgehmeile profitierten. Neben der neuen Pracht faszinieren den Besucher natürlich die Klassiker wie der Long Room in der Old Library mit seinen 5000 alten Handschriften und das „Book of Kells“ mit den vier Evangelien aus dem achten Jahrhundert. Nicht versäumen sollte man auch den Moore Street Market, wo die Salatköpfe noch mit dem Pferdewagen angeliefert werden und so mancher Marktfrau ein ausrangierter Kinderwagen als fahrbarer Gemüsestand dient. Über die Bausünden Dublins mögen Sie danach wohlwollend hinwegsehen, das Verkehrschaos allerdings sollten Sie genau im Auge haben. Wie wir bereits gelernt haben, können die Iren wirklich bezaubernd sein. Schade nur, dass sie ans Steuer eines Autos dürfen. Deutsche fahren rechts, Engländer links und die Iren in der Mitte. Mit Leidenschaft. So zählt auf Dublins Straßen das Recht des Dreisteren. Wobei Fahrradfahrer auf der Skala der beachtenswerten Geschöpfe im Straßenverkehr nur knapp vor Insekten rangieren. Keine Sorge: Auf den Landstraßen wird es ruhiger, vom Dauerstau auf der Panoramaroute des Ring of Kerry mal abgesehen. Die Seele Irlands entfaltet sich jenseits der Städte. Überall dort, wo das Gras von einem derart satten Grün ist, dass man sich bei dem heimlichen Wunsch ertappt, im nächsten Leben als irisches Schaf wiedergeboren zu werden. In einsam- pittoresken Landstrichen wie Connemara werden Sie sich sogar unweigerlich existenzielle Fragen stellen. Zum Beispiel die, wie viele Esel in einen Kleinwagen passen. Nein, nicht raten, ausprobieren! Dazu stoppen Sie irgendwo auf offener Strecke und kurbeln das Fenster herunter. Schon bald recken sich mindestens drei große schwere Köpfe in Ihren Schoß. Wie, keine Möhre dabei? Wollen Sie tatsächlich wilden Eseln das Herz brechen? Den Eingeborenen könnte das nicht passieren. Sie lieben Tiere. Besonders Hunde. In 40 Prozent aller irischen Haushalte wird gebellt. Das ist Europa-Rekord. Kläffer Nummer eins ist der Wolfshund, der friedlicher ist, als er ausschaut und haart wie ein altgedienter Flokati. Auch mit kleineren Geschöpfen können die Insulaner etwas anfangen. Sollten Sie auf dem Lande plötzlich Zahnweh bekommen, reicht man Ihnen unter Umständen einen Frosch. Einen lebendigen. Den müssen Sie bloß eine Weile in den Mund nehmen. Möglicherweise ist der Frosch hinterher beleidigt, aber der Schmerz soll nachlassen. Das glauben Sie nicht? Dann haben Sie wohl auch Probleme mit dem kleinen Volk. Es wird Ihnen auffallen, dass irische Bauern ihre Felder blitzblank abernten, nur um jene merkwürdigen Erhebungen mit wild wachsendem Unkraut fahren die Trecker stets einen weiten Bogen. Das sind Feenhügel, darin haust das kleine Volk. Selbstverständlich sind die Iren im 21. Jahrhundert angekommen, und Aberglaube ist Unsinn. Doch darum muss man es sich ja nicht mit Elfen, Zwergen und Kobolden verscherzen. Tief im Nordwesten lehrt Irland Demut. Vor allem in kulinarischer Hinsicht. Wenn Sie in irgendeinem Gasthaus auf Lammkoteletts stoßen, greifen Sie sofort zu. Sie müssen nur noch Koch oder Köchin davon abbringen, die Dinger zu Tode zu braten. Aber meistens kommt es anders. Bleiben Sie dennoch höflich. Was gibt’s denn heute Abend? Ah, wie überraschend: Das Gleiche wie gestern! Champignon-Cremesuppe aus der Tüte. Wow, wie raffiniert! Gefolgt von Toast mit gekochtem Schinken, mit Industriekäse überbacken. Eine wunderbare Idee! Dazu Coleman’s Senf und als Krönung Heinz-Ketchup. Hhhm, göttlich! Tipp: Spülen Sie’s mit Paddy runter, dieser Whiskey verdaut alles. Nach Galway müssen Sie jedoch der Austern wegen. Die besten der Welt, sagen die Iren, und da übertreiben sie ausnahmsweise nicht. Nussig der Geschmack, mit einem Hauch von Irischer See, und jetzt vergessen wir mal fix Sancerre und Champagner und trinken ein Guinness dazu. Banausenkram? Von wegen: ein Gaumen-Orgasmus par excellence! Das dürfen Sie aber nicht laut sagen, schließlich sind Ihre Gastgeber zu über 90 Prozent kreuzbrave Katholiken und in zwischenmenschlichen Detailfragen auch sonst ein bisschen verschämt. Erst seit 1989 dürfen die „Sheela-na-gigs“, elf 50 cm kleine Steinfiguren, im Foyer des Nationalmuseums in Dublin hängen. Die grob behauenen Frauenfiguren haben derart abstoßende Gesichter, dass einem alles vergeht, aber sie haben auch sehr große Brüste. Deshalb und um die öffentliche Moral nicht zu gefährden, hatte sie das Museum jahrzehntelang im Keller versteckt. Für Irlands Dichter ist diese Bigotterie ein Fest. Sogar noch auf dem Sterbebett. Als Brendan Behan seinen finalen Whiskey getrunken hatte, galten seine letzten Worte der Nonne, die ihn gepflegt hatte: „Ich danke dir, Schwester. Mögest du Mutter eines Bischofs werden …“

Hans Schloemer

Titel

  1. Irland
    • VerlagBruckmann
    • ISBN 3765441236

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  2. Irland
    • VerlagDuMont Reise Verlag
    • ISBN 3770164342

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  3. Irland
    • VerlagBruckmann
    • ISBN 3765440280

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  4. Irland. Eine Reise durchs Land der Regenbogen
    • VerlagSanssouci
    • ISBN 3725412731

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  5. Geschichte Irlands
    • Verlagdtv
    • ISBN 3423301481

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  6. Irland
    • VerlagGeraNova Bruckmann
    • ISBN 3865170579

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