Literatur-Nachrichten

Mario Adorf im Porträt

Er gilt als Grandseigneur des deutschen Films, spielt Theater, schreibt Bücher, so begabt wie begnadet und begehrt. Seine jüngste Rolle: Erzähler von „unordentlichen“ Lebenserinnerungen. Vorhang auf für Mario Adorf.

Er betritt das Restaurant direkt neben der Berliner Schaubühne mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der nach Hause kommt. Ciao Mario, ein Handschlag, buona sera Signore Adorf, der Mantel wird abgenommen, das Personal umwirbelt den großen Mimen wie in dem Film „Rossini“– ein Spiel mit vertauschten Rollen. Mario Adorf ist hier Gast, mehr Italiener als Deutscher, ein Padrone, dessen Stimme sich plötzlich mit jenem heiseren Klang überzieht, als hätte er mit einer Hand voll rostiger Nägel gegurgelt, und zugleich so leise schwingt, dass man eine Spaghetti fallen hören könnte. Ein bisschen Marlon Brando, ein Schuss Robert de Niro – und viel Mario Adorf. Seine erste Theaterrolle hat er vor 50 Jahren gespielt, und wenn er jetzt wieder im Berliner Renaissance-Theater auf der Bühne steht – als Literaturnobelpreisträger Abel Znorko in dem Stück „Enigma“ von Eric-Emmanuel Schmitt –, liegen dazwischen mehr als 150 Filme, zahlreiche Theaterrollen, sechs Bücher und viele Auszeichnungen. Das Fernsehen kennt er von der ersten Stunde an, drei Generationen ist er ein Begriff, beständig wie die Gezeiten, verwandlungsfähig wie ein Chamäleon: Sein Talent für schwierige Charakterrollen entdeckt als Erster der amerikanische Regisseur Robert Siodmak, in dessen Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ er 1957 den Frauenmörder Bruno Lüdke spielt. Die deutsche Filmkritik preist ihn als besten Darsteller. Mario Adorf ist 27. Und angekommen, wenn auch erst am Anfang. Die Gefahr, sich in einer Rolle zu verlieren? „Da muss ich Sie schrecklich enttäuschen. Ich bin noch nie auf einem Grat gewandert, was eine Rolle betraf. Es ist ein Spiel, es ist ein Spiel, es ist ein Spiel.“ Sätze wie ein Mantra, beruhigend, beschwörend. „Was man braucht, ist eine eiserne Gesundheit und psychische Robustheit. Leute wie die Kinskis bewundere ich nicht. Ich sehe sie in ihren Begabungen, die außerordentlich sind, aber auch in den Gefahren, weil man nicht weiß, wo das Spiel endet. Es ist Spiel. Wir sind Schau-Spieler. Und nicht Schau-Ernstmacher.“ Adorfs Lebensweg ist steinig, nicht nur wegen der Zeit, in die er 1930 hineingeboren wird, sondern auch wegen der Umstände. Er ist der „Bankert von Alice“, wie seine Mutter heißt, sein Vater ein italienischer Arzt mit eigener Familie. In Zürich kommt er zur Welt, doch da seine Mutter keine Schweizerin ist, wird sie ausgewiesen und geht mit dem drei Monate alten Säugling nach Mayen in die Eifel, wo Verwandte leben. Ihre Rolle als Außenseiterin trägt sie mit Stolz und Selbstwertgefühl, und dies impft sie ihrem Sohn ebenfalls ein. „Du bist nicht irgendjemand, du bist was Besseres. Du musst dich nicht vor denen verstecken.“ Als er drei Jahre als ist, muss sie ihn ins Waisenhaus – dem von Nonnen geführten „Spitälchen“ – geben, um als Schneiderin zu arbeiten und weil sie sich zur Meisterin ausbilden lässt. Hat er etwas vermisst? „Ich kannte nichts anderes. Deshalb habe ich niemanden beneidet, um sein Zuhause, den Weihnachtsbaum oder so etwas.“ Später am Abend wird er sagen, dass er sich möglicherweise seiner Tochter Stella, die 1963 geboren wird und bei ihrer Mutter aufwächst, anders gegenüber verhalten hätte, wenn ihm sein eigener Vater mehr gefehlt hätte. Aber so wusste er es nicht besser. Inzwischen verstehen sie sich gut. Wie aber war das mit der Schauspielerei, die ja nicht in die Wiege gelegt ist? Die Vorstellung, etwas mit Theater zu machen, bewegt ihn schon 1950 in Mainz, wo Adorf Theaterwissenschaft und Philosophie studiert. Auf einem Festival in Erlangen lernt er Zürcher Schauspieler kennen, folgt ihnen in die Schweiz. Als die Truppe weiter nach München ans Residenztheater zieht, geht er ebenfalls nach München. Inzwischen hat er als Komparse und Regieassistent Blut geleckt. Bei seiner Zimmersuche stolpert er praktisch in die Otto-Falckenberg-Schule, bewirbt sich, wird genommen. Sechs Jahre festes Engagement an den Kammerspielen folgen. Was ist Zufall, was Glück? Er zitiert einen seiner Lehrer an der Schauspielschule. „Kein Zufall“, meinte Peter Lühr, nachdem er ihm seinen Lebensweg erzählt hatte. „Fügung. Nicht im religiösen Sinne, dass jemand oben etwas fügt, sondern indem es sich fügt.“ Dabei macht er eine Bewegung, wie sich zwei Hände verschränken. „Ich habe zwischendurch darüber nachgedacht, wie ich das später sehen werde. Ob ich mich frage, warum ich nicht Maler oder Bildhauer geworden bin.“ Was er sich antwortet, möchte ich wissen. „Wahrscheinlich kann man diese Fragen selber nie beantworten. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich, wenn ich mich als Bildhauer ausgebildet hätte, es als Bildhauer geschafft hätte. Oder wenn ich mich mit 20 und nicht erst mit 60 ans Schreiben gesetzt hätte, ein Schriftsteller geworden wäre.“ Jetzt hebt er an zu einem inneren Monolog, hält Rede und Gegenrede, braucht den Fragenden nicht mehr. „Auf der anderen Seite wird jeder sagen: Wenn es wirklich dein inneres Anliegen gewesen wäre, hättest du es auch gemacht. Aber du hast es nicht gemacht. Dann würde ich sagen, wenn man mich angeleitet hätte, hätte ich es gemacht. Zum Theater hatmich auch niemand getrieben, aber ich habe das Theater auf meinem Weg getroffen. Die Malerei, die Schriftstel-lerei habe ich auf meinem Weg nicht getroffen.“ Könnte es sein, mische ich mich ein, dass Sie einfach den Weg gegangen sind, der sich Ihnen am deutlichsten gezeigt hat? Er hält inne. „Vielleicht habe ich nicht eine einzige ausgeprägte Begabung. Ich habe mehrere kleine Begabungen. Diese kleinen Begabungen zusammengesetzt ergeben eine Möglichkeit. Es sind die Dinge, die der Schauspieler braucht.“ Schön gesprochen, finde ich. Und maßlos untertrieben. Ich denke ihn mir als den wilden Mexikaner in „Der letzte Ritt nach Santa Cruz“, als den nazitreuen Matzerath in „Die Blechtrommel“, als den halbseidenen Bauunternehmer Schuckert in „Lola“, als den großen, wirklich sehr großen Bellheim, als den devoten, melancholischen „Rossini“. Während er mir gegenübersitzt, nicht jung und nicht alt, einfach ungeheuer präsent, so charmant wie bescheiden und ein wenig traurig. Der Ruhm, was ist mit dem Ruhm? Das Indiz für Erfolg. Ist das keine Bestätigung? „Der hat was, das stimmt. Aber wiederum einer meiner Lehrer, Fritz Kortner, hat mir eingetrichtert, dass der Ruhm nicht das Wichtigste ist. Misstrauen Sie dem Publikum, sagte er. Sie wissen ja nicht, welche Leute da sitzen. Die heute eine Genieleistung auspfeifen und morgen einen Schwachsinn bejubeln.“ Ein Wort noch zu seinen Geschichten, die gerade erschienen sind? Unordentliche Geschichten hat er sie genannt, nicht im Sinne von schlampig, sondern ungeordnet, den Erinnerungen folgend, ein wenig zufällig, aber doch so, dass sich die verschiedenen Episoden zu einer Geschichte runden, ohne sein Leben in das Korsett einer Autobiografie zu zwängen. Sein Blick wandert durchs Fenster in Richtung Theater. Seit Wochen probt er jeden Tag. Lernt zwei Stunden Text auswendig. Eine Menge Stoff. Warum er das macht? „Als Herausforderung. Um den Text ringen, mit dem Gedächtnis fertig werden. Und weil es eine schöne Arbeit ist. Eine richtig schöne Arbeit. Was ich genieße, ist das, was ich im Moment tue und ob es mir gelingt.“ Es ist spät geworden und still, wir nehmen noch einen Espresso. Die Mäntel werden gebracht. Plötzlich sind sie wieder da, der Wirt, die Kellner, der Koch. Ciao Signore Adorf, ciao Mario, mille grazie.

Irene Nießen

Titel

  1. Himmel und Erde
    • VerlagGoldmann Verlag
    • ISBN 3442153298

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  2. Bilder meines Lebens
    • VerlagKiepenheuer & Witsch
    • ISBN 3462036203

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